alles genommen hättest, alles – oder etwa ihre Liebe; denn in deinem Beisein sieht sie mich kaum mehr an. – Bin ich denn beim Teufel blind? sehe' ich denn nicht, die Maschinerie mit ihrer und deiner Reise ist abgekartet? – Was tust du mit den Maientaler Landschaften gerade jetzt? Wem gehört der Hut? – Und was soll ich mir aus allem nehmen? – Wem, wem? sags sags – O Gott! wenn es wahr wäre! – Hilf mir, Viktor!" – Dem gemisshandelten, heute erschöpften Viktor standen die bittersten Tränen in den Augen, die aber Flamin, der sich durch sein eigenes Sprechen erzürnte, jetzt ertragen konnte. Niemals nahm dieser in einer Ergrimmung Vorstellungen an: gleichwohl erwartete er sie und staunte über sein Rechtaben und über das fremde Verstummen und begehrte, dass man widerspräche. Er quetschte seine Hand in die Schlehenstacheln. Sein Auge brannte in das weinende hinein. Viktor bejammerte den festen Schwur vor seinem Vater und sah auf die zitternde Waage, worauf der Eid und die schonende Freundschaft sich ausglichen. Er sammelte noch einmal alle Liebe in seiner Brust und breitete die arme auseinander und wollte mit ihnen den Sträubenden an sich ziehen und konnte doch nichts sagen als: "Ich und du sind unschuldig; aber bis mein Vater kommt, eher kann ich mich nicht rechtfertigen."- Flamin drückte ihn von sich ab: "Wozu das? – So war es im Gartenkonzert auch, und du warst seitdem tagtäglich bei ihr und auf Osterbällen und auf Schlitten, ohne mich- Sag lieber geradezu, willst du sie heiraten? – Schwör, dass du nicht willst! – O Gott, zöger' nicht – schwör schwör! – Ja ja, Mattieu! – Kannst du noch nicht? – Nu so lüg wenigstens!"
"Oh!" – sagte Viktor, und Blutströme schossen verfinsternd durch sein Gehirn und über sein Angesicht – "beleidigen darfst du mich doch nicht gar zu sehr, ich bin so gut wie du, ich bin so stolz wie du – vor Gott ist meine Seele rein" – – Aber Flamins Blut an der Schlehenstaude drückte Viktors zürnende Erhebung nieder, und er hob bloss das mitleidige Auge voll Freundschaft-Tränen in den hellern sanftern Himmel. – "Nur die Heirat verschwörst du doch nicht? – Gut, gut, du hast mich erwürgt – mein Herz hast du zerstampft und mein ganzes Glück – ich hatte niemand als dich, du warst mein einziger Freund, jetzt will ich ohne einen zum Teufel fahren – Du schwörst nicht? – O ich reiss' mich von dir blutig und elend und als dein Feind – wir scheiden uns – gehe nur – weg! es ist aus, ganz! – Adieu!" – Er entfloh mit dem in den Weg hauenden Stock, und sein zerrütteter Freund, zu Füssen liegend der Wahrheit, die das Flammenschwert gegen den Meineid aufhebt, und in Tränen sterbend vor der Freundschaft, die auf das weiche Herz den schmelzenden blick voll Bitten wirft, Viktor, sag' ich, rief dem fliehenden Geliebten im Sterben nach: "Lebe wohl, mein teurer Flamin! mein unvergesslicher Freund! ich war dir wohl treu! – Aber ein Schwur liegt zwischen uns Hörst du mich noch? – eile nicht so! – Flamin, hörst du mich? ich liebe dich noch, wir finden uns wieder, und komm, wann du willst."... Er rief stärker, obwohl mit erstickten gedämpften Tönen nach: "Redliche, teure, teure Seele, ich habe dich sehr geliebt und noch und noch – sei nur recht glücklich – Flamin, Flamin, mein Herz bricht, da du mein Feind wirst." – Flamin sah sich nicht mehr um, aber seine Hand war, wie es schien, an seinen Augen. Der Jugendfreund schwand aus seinen Augen wie eine Jugend, und Viktor sank unglücklich nieder unter dem schönsten Himmel, mit dem Bewusstsein der Unschuld, mit allen Gefühlen der Freundschaft! – O die Tugend selber gibt keinen Trost, wenn du einen Freund verloren hast, und das männliche Herz, das die Freundschaft durchstochen hat, blutet tödlich fort, und aller Wundbalsam der Liebe stillet es nicht! –
32. Hundposttag
Physiognomie Viktors und Flamins – Siedpunkt der
Freundschaft – prächtige Hoffnungen für uns
Wer hätt' es von Cicero gedacht (wenn er es nicht gelesen hätte), dass ein so bejahrter gescheiter Mann sich in seiner Johannis-Insel hinsetzen und Anfänge, Eingänge, präexistierende Keime im voraus auf den Kauf verfertigen würde? Inzwischen hatte der Mann den Vorteil, dass er, wenn er einen Torso über irgend etwas schrieb, die Wahl unter den fertig liegenden Köpfen hatte, wovon er einen dem Rumpfe nach der Korpuskularphilosophie aufschrauben konnte. – Von mir, an dem nichts Gesetztes ist, kanns nicht wundernehmen, dass ich auf meinem moluckischen Fraskati ganze Zaspeln von Anfängen im voraus geweifet und gezwirnt habe. Wenn nachher der Spitz einen Hundtag bringt: hab' ich ihn schon angefangen und stosse nur den historischen Rest gar an die Einleitung. – Eben gegenwärtigen Anfang hab' ich für heute erlesen.
Anfangs aber wollt' ich freilich diesen nehmen:
Mich quälet bei meinem ganzen buch nichts als die Angst, wie es werde übersetzt werden. Diese Angst ist keinem Autor zu verdenken, wenn man sieht, wie die Franzosen die Deutschen und die Deutschen die Alten übersetzen. Im grund ist es wahrlich so viel, als