" und floh mit dem wärmsten Druck der lieben Hand den Berg tiefer hinab und davon. –
Gerade um diese Stunde an diesem Tage vor einem Jahr verschwand auch Giulia aus Maiental und nahm nichts von dem schönen Blumenboden mit als einen – Grabhügel.
Als er jetzt hinter Staudengängen ungesehen dem Orte der Seligen entronnen war: machte seine nächtliche Erheiterung einer unbezwinglichen Wehmut Platz. Die aufgehende Sonne zog alle hellen Farben aus seinem nächtlichen Traum – "Hab' ich denn wirklich Maiental und Julius und alle Geliebte gesehen, oder ist nur auf einer unter dem mond schillernden Wolke ein zerflossenes Schattenspiel vorübergeronnen?" sagt' er – und der Tag brütete die frische Nachtluft seiner Seele zu einem schwülen Flattern des Südwinds an. Anstatt dass der Mensch sonst, wie Raguel, in der Mitternacht Gräber aushauet und in der Morgensonne sie wieder verschüttet, kehrte heute Sebastian es um. –
eigentlich war es nicht ganz so: sondern das schnelle Vorspringen und Einsinken der geliebten Gestalten, die vergrösserte sehnsucht darnach, der rührende Abstich des Morgen-Getümmels mit der NachtPause, des Sonnenfeuers mit dem Mond-Dämmern und die mit der Ermüdung der Phantasie und des Körpers verknüpfte träumende Ermattung der Schlaflosigkeit, alle diese Dinge drückten aus dem Herzen und Tränendrüsen unsers Nachtwandlers unwillkürliche, süsse Tränen aus, die keinen Gegenstand betrafen, die weder vor Freude noch vor Kummer flossen, sondern vor sehnsucht.
Auf einmal liess der schöne nebellose erste Maitag das Andenken an den vorjährigen, wo er, wie ein Frühling und homerischer Gott, im Nebel ankam, vorübergehen – und der gute Mensch schaute mit den Tautropfen in den Augen die Tautropfen in den Blumen an und sagte unaussprechlich gerührt: "Ach vor einem Jahre kam ich so glücklich, wurde so unglücklich, und bin wieder so glücklich – o ihr fliehenden, spielenden, nachtönenden, zitternden Jahre des Menschen!" – und das Feiertag-Geläute aus allen Dörfern (es war Philippi Jakobi) setzte mit dem sanften Beben eines Echo alle seine Trauersaiten in ein weiteres Zittern.
"O vor einem Jahre" (tönten ihn die Glocken an) "begleiteten wir Giulia wie dich aus Maiental heraus." Dann zog vor der Sonne, die am Himmel ihre weissen Blüten aufschlug, der warme Gedanke sein Herz auseinander: "Vor einem Jahre, an diesem Morgen, ging dir dein Flamin entgegen und vergoss an deiner glühenden Brust so viele Freudentränen – und am Ende des heutigen Tages zog er dich wieder an sein Herz und sagte gleichsam ahnend: 'Vergiss mich nicht, verrat mich nicht, und wenn du mich verlassen willst, so lass mich mit dir untergehen!'" –
"O du Treuer," (sagten alle seine Gedanken) "wie tröstet es mich heute, dass ich einmal alle meine Wünsche gern den deinen aufgeopfert habe, um dir getreu zu bleiben90 – Nein, ich kann ihm nichts verbergen, ich gehe jetzt zu ihm." – Er ging gerade zu Flamin, um (wiewohl ohne Meineid gegen den Lord und mit Schonung der Eifersucht) es zu bekennen, dass er auf Pfingsten nach Maiental verreise. Sein auseinandergegangnes Herz bedurfte ein entgegenweinendes Auge so sehr – sein feines Ehrgefühl verschmähte es so sehr, eine fremde Reise zur spanischen Wand der eignen zu machen – seiner erneuerten Liebe tat das kleinste Verhehlen vor seinem Freunde so weh – Mattieu war aus diesem himmelblauen Eden unter der Gehirnschale so gänzlich verstossen – dass er, je länger er dachte und lief, desto mehr aufschliessen wollte. Er wollt' es nämlich seinem Flamin sogar entdecken, dass er heute nachts die Einladkarte eigenhändig an den Blinden abgereicht: durch eine Täuschung wurde ihm die künftige Pfingstreise durch die heutige zulässiger, und diesen eignen Gesichtspunkt sah er für einen fremden an.
Aber so weit trieb seine träumerische und nachttrunkne Seele ihre gefährliche Ergiessung nicht, die desto mehr schaden konnte, da Flamin im Zorne auf keine Unterschiede und Rechtfertigungen mehr zu hören vermochte und sogar alte eingeräumte wieder verwarf. Denn beim Eintritt zog ein Maifrost auf Flamins Gesicht den aufbrechenden Blütenkelch seines Herzens ein wenig zusammen. Er bat Flamin mit seiner kontrastierenden Wärme des Gesichts um einen Spaziergang an diesem hellen Tage. Draussen wurde der Abstich noch schneidender, da Flamin seinen Spazierstock bis zum Knicken einstiess, Blumen köpfte, Laub abschlug, mit dem Stiefelabsatz Fussstapfen aushieb, indes Viktor in einem fort zu reden suchte, um seine Seele in der mitgebrachten Wärme zu erhalten.
Es freuet mich an ihm, dass er sein von den heutigen Entbehrungen überrinnendes Herz gerade in eines ergiessen wollte, dem er die Entbehrungen schuld zu geben hatte. Endlich sagte er, um das erschwerte Geständnis nur von der Seele zu werfen, eilend: "Auf Pfingsten geh' ich nach Maiental" – und ging fliegend zu den Worten über: "O gerade heute vor einem Jahre gingst du mir. . ."
Flamin unterfuhr ihn, und das Eisgesicht wurde wie ein Hekla von Flammen zerspalten: "So so! – Zu Pfingsten? – Nach Kussewitz gehst du nicht mit uns! – Lass mich doch einmal recht ausreden, Viktor!"- Sie blieben also stehen. Flamin streifte die Blüten und Blätter von einem Schlehenast mit blutiger Hand und blickte seinen sanften Freund nicht an, um nicht erweicht zu werden. "Heute vor einem Jahre, sagst du? Sieh, da ging ich eben abends mit dir auf die Warte, und wir versprachen uns entweder Treue oder Mord. Du schwurst mir, dich hinabzustürzen mit mir, wenn du mir