selig zurück.... Seine schwere Seele konnte nur sagen: Er ist! –
Aber sein Herz sog sich voll Leben an der unendlichen, quellenden, wehenden Welt um ihn, über ihm, unter ihm, worin Kraft an Kraft, Blüte an Blüte reicht, und deren Lebensquellen von einer Erde in die andere sprützen, und deren leere Räume nur die Steige der feinern Kräfte und der Aufentalt der kleinern sind – die ganze unermessliche Welt Stand vor ihm, deren ausgespannter Wasserfall, in Düfte und Ströme, in Milchstrassen und Herzen zersprungen, zwischen den zwei Donnern des Gipfels und des Abgrunds reissend, gestirnt, geflammt herabfährt aus einer vergangnen Ewigkeit und niederspringt in eine künftige – und wenn Gott auf den Wasserfall sieht, so malt sich der Zirkel der Ewigkeit als Regenbogen auf ihn, und der Strom verrückt den schwebenden Zirkel nicht....
Der selige Sterbliche stand auf und wandelte im Gefühle der Unsterblichkeit durch das um ihn pulsierende Frühlingleben weiter; und er dachte, dass der Mensch mitten unter den Beispielen der Unvergänglichkeit den Unterschied zwischen seinem Schlaf und Wachen irrig zum Unterschied zwischen Sein und Nichtsein zerdehne. jetzt war seinen kräftigen strotzenden Gefühlen jedes Getöse willkommen, das Schlagen der Eisenhämmer in den Wäldern, das Rauschen der Lenzwasser und der Lenzwinde und das aufprasselnde Rebhuhn. –
Um drei Uhr morgens sah er Maiental liegen. Er trat auf den von fünf einzelnen Tannenbäumen gehobnen Berg, auf dem man durchs ganze Dorf und wieder hinüber zum andern Berge schauen kann, wo die Trauerbirke seinen Emanuel beschattet. Die überwachsene Zelle des letzten konnte' er nicht erblicken; aber am Stifte, wo seine Freundin träumte, schimmerten alle Fenster im ausfunkelnden Mondlicht. In seiner Brust war noch der Rausch der Nacht und auf seinem Angesicht das Brennen der Träume – aber das Tal zog ihn in die Erde heraus und gab seinen Freudenblumen bloss einen festern Boden; und der Morgenwind kühlte seinen Atem und der Tau seine Wangen ab. Die Tränen stiegen in seine Augen, als sie auf die weissverhangnen Fenster fielen, hinter denen eine schöne, eine weise, eine geliebte und eine liebende Seele ihre unschuldigen Morgenträume vollendete. Ach, es träume dir, Klotilde, von deinem Freunde, dass er dir nahe ist, dass er seine überströmenden Augen auf deine Zelle wendet und dass er verschwindet, wenn du erscheinst, und dass er doch seliger werde von Minute zu Minute – ach er träumt ja auch, und wenn die Sonne aufgeht, ist das geliebte Tal wie dein Traum mit dem Sternenhimmel versunken. – O die Berge, die Wälder, hinter denen eine geliebte Seele wohnt, die Mauern, die sie umschliessen, schauen den Menschen mit einem rührenden Zauber an und hangen vor ihm wie holde Vorhänge der Zukunft und Vergangenheit.
Der Berg führte ihm das Bild des Malers vor, der sonst hier gewesen war, um Klotildens Reize gleichsam wie ein goldnes Zeitalter nur aus der Ferne abzuzeichnen und näher zu ziehen – und dieses führte sein Auge wieder in die Tage ihrer frühern Jugend und ihres stillen frommen Lebens im Stift, und es schmerzte ihn, dass eine Zeit sonst gewesen und verloren war, in der er sie nicht lieben können. Da er sich umsah und sich dachte, auf allen diesen Steigen, neben diesen Bächen, unter diesen Bäumen ist sie gegangen: so wurde ihm die ganze Gegend heilig und lebendig, und jeder darüber hinziehende Vogel schien seine Freundin zu suchen und zu lieben wie er.
Aber nun wachte mit jedem Stern, der oben im Himmel zurücksank, unten auf der Erde eine Blume und ein Vogel auf – der Weg von der Nacht zum Tage wurde schon mit Halbfarben belegt – kleine Nebel stiegen an der Küste des Tages auf – und Viktor war noch auf dem Berge. Seine Besorgnis, dass sich die weisse Fensterhülle rege und ihn zeige, war so gross wie sein Wunsch, dass die Besorgnis immer grösser werde! Zuweilen wankte ein Vorhang, aber keiner ging auf. – Auf einmal wecken die Vogelkehlen eine Zauberflöte an dem fuss seines berges, und der stille Julius kam der Sonne, die ihm nicht mehr leuchtete, mit seinen Morgentönen entgegen. Da entschleierte sich plötzlich Klotildens Fenster, und ihre schönen hellen Augen nahmen den erfrischten Morgen in die fromme Seele auf. Viktor trat, der Entfernung ungeachtet, von Gesträuch hinter Gesträuch; aber die Flucht vor den geliebten Augen führte ihn der Flöte näher; er wollte jedoch ebensowenig vor Emanuel, den er in der Nachbarschaft des Blinden glaubte, erscheinen als vor Klotilden. Als ihn nur noch einige Gebüsche von den Tönen schieden, erblickte er auf dem Berge seinen Freund Emanuel unter der Trauerbirke. Nun eilt' er froh und zitternd zu Julius herab und fand ihn mit dem Lilienangesicht, schön wie den jüngern Bruder eines Engels, umflogen und umsungen von Vögeln, an einer Birke lehnen: "Welche Gestalten, welche Herzen", dachte' er, "schmücken dieses Paradies!" Wie hätt' er sich an einem solchen Morgen, an einem so heiligen Orte, gegen einen so guten Jüngling verstellen und ihm etwa mit der nachgemachten stimme seines italienischen Bedienten den Brief an Emanuel übergeben können? – Nein, das konnte' er nicht; er sagte mit leiser stimme, um ihn nicht zu erschrecken: "Lieber Julius, ich bins!" – Dann sank er langsam an den zarten Menschen und umarmte an einer Brust – drei Herzen; und reichte ihm den Brief mit den Worten: "Gib ihn deinem Emanuel!