Lustreise abgekartet nach Grosskussewitz zum Grafen von O – Er habe da zu tun, noch einige Quartiere des Hofstaats den Kussewitzern zu bezahlen und den Grafen von O zu einem gütlichen Vergleich über das neuliche Missverständnis umzustimmen, daher er den Juristen mitaben müsse – Vielleicht seien die Engländer bei diesem Kongresse – das Reisekorps könne dann so grosse Vergnügungen haben wie ein corps diplomatique, nachdem es vorher ebensolche Geschäfte gehabt. Der Graf von O liebe überhaupt Engländer sehr, ob er gleich nicht gern Engländer reite – denn er hab' es sehr bedauert, dass er neulich mit dem Herrn Hofmedikus bei der Fürstin gesprochen, ohne ihn zu kennen." Sebastian hatte seine lange stumme Aufmerksamkeit mit einem kalten "Nein!" beschlossen, weil die Ausdünstung dieser falschen fliegenden Katze mit einem ätzenden Gift sein unbeschirmtes Herz überzog. "Was hab' ich" (dachte' er unter jener Einladung) "diesem Menschen getan, dass er mich ewig verfolgt – dass er mit einem Messer, dessen eine Seite vergiftet ist oder beide, meinen Jugendfreund unter unsern doppelten Schmerzen von meiner Seele schneidet – dass er seine MinierHöhlen bis an fremde Orte fortführt, um mich in allen Stellungen über seinem Pulver zu haben!" Viktor musste nämlich nach allem besorgen, dass die PfingstReise eine Entdeckreise sei, worauf Joachime dem Bruder, wie Ritter Michaelis den Morgenlandfahrern, fragen über die Uhrbriefsache, über Tostato u.s.w. mitgebe, um wohl gar beim Fürsten eine Anklage daraus zu bilden. Er hielt das Untere seiner Karte, d.h. seines tugendhaften Schmerzens, so, dass es Mattieu nicht ganz sehen konnte, um ihm eine boshafte Freude zu entziehen. Dieser, der nicht eine Spitzenmaske, sondern eine eiserne und noch dazu eine mit einem Halse trug, hatte oft eine solche Kälte, dass man seinen wütigen Zorn nicht begriff und umgekehrt – aber jene hatte er im Lager, diesen in dem Gefechte gegen den Feind. Wenn ihn jemand sogleich aufbrachte, so war es ein gutes Zeichen und bedeutete, dass er nichts gegen ihn im Schilde führe.
Nach dem Abmarsch des Evangelisten – als er sich auszankte, dass er ihn den Florhut finden lassen, den er überhaupt mehr verschlossen hätte, wäre Flamin öfter gekommen – sah er sich nach Klotildens Schattenriss um, damit der reizende Schatte sein Zürnen kühle. Er war nicht anzutreffen: seine erste Hypotese war, Matz hab' ihn still gestohlen, um so mehr da er ihn geschnitten. Hat er den Schattenriss wirklich eingesteckt: so wäre der Evangelist – denn mir wurde wie bekanntlich gleich beim Anfange dieser geschichte die Silhouette übermacht – gar mein korrespondierendes Mitglied Knef, und er schickte mir die Avisfregatte, den Spitzhund, zu. – Toll ist es, dass mich der Korrespondent durch solche Nachrichten selber auf den Argwohn bringt.
Indem Viktor den lieben Florhut als den Ersatz des Bildes in die Hand nahm und träumend besah: so schlugen am hut ganz neue frische Blumen für seine Seele aus. "Wie," sagt' er zu sich, "muss ich denn gerade den Schattenriss anschauen? Kann ich nicht das – Urbild selber dazu wählen?" Kurz der Hut wurde ein Glücktopf, aus dem er eine frohe Stunde zog, nämlich den Vorsatz, auf Pfingsten zu verreisen, aber nach – Maiental. Er hielt sich ernstlich vor, dass ihm und Klotilden die zu weit getriebene Schonung eines eifersüchtigen Bruders, dessen irre Hoffnungen ja keine Schwester zu stärken verpflichtet sei, noch dazu durch die menschenfeindlichen Eingebungen Mattieus erschweret und vereitelt werde – dass also ihr Absondern so wenig erleichtere, als ihr Besuchen verbreche – dass es indessen schön sei, den Bruder zu schonen und bloss in seine Abwesenheit einen verdächtigen Ausflug zu verlegen, bis ihm einmal die heruntergezogne Binde in der Ungetreuen die Schwester entdecke und im Nebenbuhler den schonenden Freund – und dass es immer besser sei, sie in Maiental als bei ihrer Zurückkunft in seiner Nähe zu sprechen – und dass der über seine Abstammung belehrte Bruder ihm einmal doch bloss vorrücken könne, er habe ihm keine Täuschungen genommen als höchstens unangenehme. – O die Liebe und die Tugend haben ein nacktes Gewissen und entschuldigen ihre himmlischen Freuden länger und mehr als andere ihre höllischen!
Als Viktor noch dazu daran dachte, dass den Tagen der Liebe so bald das Laub und die Blüten abfallen, und dass Emanuel und selber Klotilde zwei hart ans Ufer des Grabes gerückte Blumen sind, deren lose nackte Wurzeln schon erstorben hinunterhängen: so war sein Entschluss befestigt, und er schrieb an Emanuel die Nachricht seiner Ankunft zu Pfingsten, um Klotilden durch keinen Überfall zu erzürnen und um ihr noch dazu die gelegenheit eines Verbotes zu lassen. Seine Wendung war die: "Wenn es ein sokratischer Genius erlaube (d.h. Klotilde), der ihm immer sage was er nicht tun solle: so komm' er zu Pfingsten, da ohnehin die Stadt da veröde, da Flamin auf 4, 5 Tage nach Kussewitz reise" etc.
Als er den Brief fertig hatte: fiel ihm ein, dass er gerade heute an diesem 29. April vor einem Jahre die ganze Nacht gereiset sei, um mit dem ersten Mai am Morgen durch den Nebel ins Pfarrhaus zu treten. "Ich kann ja wieder die schwüle Zephyr-Nacht nicht unter dem Deckbette, sondern unter den Sternen verbringen. – Ich kann in einem fort ins Abendrot nach Maientals Bergen schauen. – Ich kann ja lieber den halben Weg darauf zugehen – oder gar den ganzen. –