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man (wie man sagt) nachts um jede Gartenblume einen Spiegel und zwei Lichter setzt. Aber doch kann ich nicht zum Blumenflor meines Lehrers hinüberblicken, ohne zu weich zu werden, da ich denken muss: wer weiss, ob seine Tulpen nicht länger stehen als seine zerknickte Gestalt. Hat denn die ganze Arzneikunst kein Mittel, das seine Hoffnung zu sterben vereitelt? – Ich glaube, er stimmt mich nach und nach in seinen melancholischen Ton, womit ich mich vor einem andern als dem Freunde Emanuels lächerlich machen würde; aber eine stille verborgene Freude bricht auch gern in Schwermut aus; 'nur in der kalten, nicht in der schönen Jahrzeit unsers Schicksals', sagten Sie einmal, 'tun die warmen Tropfen weh, die aus den Augen auf die Seele fallen, so wie man bloss im Winter die Blumen nicht warm begiessen darf.' Und warum sollt' ich Ihrer offenherzigen Seele nicht alle Schwächen der meinigen offenbaren? Dieses Zimmer, worin meine Giulia ihr schönes Leben endigte, dieser Spiegel sogar, der mir, als ich mich vor Schmerz von ihrem Sterben wegkehrte, meine erblassende Schwester noch einmal zeigte, die Fenster, aus denen mein Auge so oft des Tages auf einen traurigen dornenvollen Rosenstrauch und auf einen ewig geschlossenen Hügel kommen muss, alles das darf ja wohl meinem Herzen einige Seufzer mehr geben, als eine glückliche sonst haben soll. Ich weiss nicht, sagten Sie oder Emanuel es: 'Der Gedanke des Todes muss nur unser Besserungmittel, aber nicht unser Endzweck sein; wenn in das Herz wie in die Herzblätter einer Blume die Grabeserde fällt, so zerstöret sie, anstatt zu befruchten'; aber auf mein Laub hat wohl das Schicksal und Giulia schon einige Erde geworfen. – Und ich trage sie gern, da ich seit Ihrer Freundschaft nun zu einem Herzen flüchten kann, vor dem ich meines öffnen darf, um ihm darin alle Kümmernisse, alle Seufzer, alle Zweifel, alle fragen einer gedrückten Seele zu zeigen. O ich danke dem Allgütigen, dass er mir so viel, als er mir in meinem Lehrer zu entziehen drohet, schon voraus in seinem Freunde wiedergibtmeine Freundschaft wird unserm Emanuel nachreichen bis in die andre Welt und seinen Liebling begleiten durch diese; und sollte einmal auf uns beide der gemeinschaftliche Schlag seines Todes fallen, so würden wir unsere vereinigten Tränen geduldiger vergiessen, und ich würde vielleicht sagen: ach, sein Freund hat mehr verloren als seine Freundin!

Klotilde."

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Das Schlagen meines fremden Herzens misset mir das Schlagen des glücklichern ab. Aber eh' ich erzähle, was Viktors Freude über diesen Brief anfangs störte und dann verdoppelte, sei es mir erlaubt, zwei gute Bemerkungen zu machen. Die erste ist: die vergrösserte Empfindsamkeit ist in einer stolzen Brust (wie Klotildens), die sonst die Seufzer zurückholte und nur weibliche Satiren über uns Herren ausschickte, das schönste Zeichen, dass ihr Herz im Sonnenschein der Liebe zergehe. Denn diese kehret die Weiber um; sie macht aus einer Kolumbine eine Youngin, aus einer Ordentlichen eine Unordentliche, aus einer Feinen eine Offenherzige, aus einer Putzmacherin und Putzträgerin eine Philosophin und wieder umgekehrt. – Und du, liebe Philippine, prüfe die zweite Bemerkung, da du jetzt so gut bist wie dein eigner Bruder: ist nicht das Verhehlen der Liebe das schönste Entdecken derselben? Zeigt nicht ein Schleierein moralischer, mein' ichdas ganze Gesicht und ist für nichts unzugänglich als für den Windden moralischen, mein' ich –? Decket nicht das gläserne Gehäuse der Damenuhr das ganze darauf gefirnisste Uhrporträt am Boden auf und wendet bloss das Beschmutzen, nicht das Beschauen ab? – Und was wirst du für Bemerkungen machen, wenn ich dir diese beiden vorlese!

Der Brief stärkte zugleich Viktors Wunsch, um Klotilde zu sein, und seine Kraft, ihn aufzugebenbis des andern tages in der Nachttisch-Stunde ein Zufall alles änderte. Mattieu, der fast mehr Besuche bei Feinden als bei Freunden ablegte, kam vom Apoteker herauf. Er sah die Prospekte von Maiental und den Florhut; und er da wusste, dass seine Schwester Joachime beides habe: so sagte er scherzhaft: "Ich glaube, Sie wollen sich verkleiden, oder man hat sich entkleidet." Viktor flatterte mit einem leeren lustigen "Beides!" darüber. Er nahm nicht gern den Namen der Liebe oder eines Weibes vor einem Menschen in den Mund, der an keine Tugend glaubte, am wenigsten an weibliche, der zwar, wie andre Spinnen auf andere Musik, sich an seinem Faden auf die Liebe niederliess, der aber, wie Mäuse aus Liebe zu den Tönen, über die saiten kroch und sie zersprengte. Viktor war ungern (vor seinem Hofleben) mit solchen philosophischen Ehrenräubern unter unbescholtenen Mädchen, weil es ihm schon wehe tat, an den Gesichtpunkt der ersten erinnert zu werden. "Von meiner Tochter", sagt' er, "müssten sie nicht einmal das Dasein erfahren, weil sie einen Vater schon dadurch beleidigen, dass sie sich sie vorstellen." –

Mattieu sprach von dem nächsten patriotischen Klub (den 4ten Mai am Geburttag des Pfarrers) und fragte, ob er dabei wäre. Agate aber hatte ihn schon gestern (am vorletzten April) daran erinnert. Endlich führte Matz seine Frage vor: "ob er nicht auch zu Pfingsten von der Partie sei? – Er habe mit dem Regierrate (Flamin), der dazu immer Ferien brauche, eine kleine