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die jetzt neben dem hohen Emanuel, neben dem Frühling und unter ihren schönen Gedanken glücklich sein wird, nur einen Augenblick durch dieses Blatt beklemmte oder störte: o recht gerne opferte ich diese selige Stunde auf, um sie vielleicht zu verdienen. Aber nein, ewige Freundin, Ihr weiches Herz begehrt mein Schweigen nicht! Ach der Mensch muss so oft Kälte und Kummer verbergen, warum noch gar Liebe und Freude? – Und ich würde' es auch heute nicht können.

O wenn ein Erdenmensch in einem Traum durch das Elysium gegangen, wenn grosse unbekannte Blumen über ihn zusammengeschlagen wären, wenn ein Seliger ihm eine von diesen Blumen gereicht hatte mit den Worten: 'Diese erinnere dich, wenn du erwachst, dass du nicht geträumt!' wie würde er schmachten nach dem elysischen land, sooft er die Blume ansähe. – Unvergessliche! Sie haben in der Schimmernacht, wo mein Herz zweimal erlag, aber nur einmal vor Schmerz, einem Menschen ein Eden gegeben, das hinausreicht über sein Leben; aber mir war bisher, als würde' ich wacher aus der zurückgehenden TraumnachtSiehe! da behielt ich aus dem paradiesischen Traum eine Blume85, die Sie mir gelassen haben, damit ich unaussprechlich glücklich bliebeund damit meine sehnsucht so gross würde wie meine Seligkeit. Warum zieht dieser Flor alle heissen Tränen tief aus meinem Herzen herauf, warum sehe' ich hinter diesem gewebten Gegitter die Augen aufgehen, die so weit von mir sind und die mein Inneres so wehmütig bewegen? O nichts befriedigt die liebende Seele, als was sie mit der geliebten teiltdarum schau' ich den Frühling mit so süssem Wallen an; denn sie geniesset ihn auch, sag' ichdarum gefällst du mir so, du lieber Mond und Abendstern; denn du umspinnst mit deinen Silberfäden auch ihre Schatten und ihre Maiblumendarum vertief' ich mich so gern in jedes schattierte Tal Ihres Eldorados86; denn ich denke: in den vergrösserten Schatten, in den duftenden Blüten dieser Bilder wandelt sie jetzt, und die Mondsichel wendet die Blitze der Sonne gemildert auf ihr Auge zurück. Wenn ich dann zu freudig werde, wenn der Abendregen der Erinnerung auf die heissen Wangen fällt, wenn sich meine Entzückung auf einem einzigen bebenden langen Dreiklang des Klaviers auf- und niederwiegt: dann tut dem taumelnden Herzen das Zittern und Schweigen und die unendliche Liebe zu weh, dann sehen' ich mich nur nach dem kleinsten laut, womit ich der Geliebten meines Herzens sagen darf, wie ich sie liebe, wie ich sie ehre, dass ich für sie leben will, dass ich für sie sterben will. – – O mein Traum, mein Traum tritt mir jetzt wie eine Träne ans Herz! In der Nacht des dritten Ostertags träumte mir: ich und Emanuel ständen in einer dunkeln Nachtgegend. Eine grosse Sense am westlichen Horizont warf widerscheinende laufende Blitze auf die hohen Fluren, die sogleich vertrockneten und erblichen. Wenn aber ein Blitz in unser Auge flatterte: so zog sich unser Herz süss zergehend empor in der Brust, und unsere Körper wurden leichter zum Wegschweben. 'Es ist die Sense der Zeit,' sagte Emanuel, 'aber von was hat sie wohl den Widerschein?' – Wir schaueten nach Morgen, und dort hing weit in der Ferne und hoch in der Luft ein weites dunkelglühendes Land aus Duft, das zuweilen blitzte. 'Ist das nicht die Ewigkeit?' sagte Emanuel. – Da sanken vor uns lichte Schneeperlen wie Funken nieder; – wir blickten auf, und drei goldgrüne Paradiesvögel wiegten sich oben und zogen unaufhörlich in einem kleinen Kreis hintereinander umher, und die fallenden Perlen waren aus ihren Augen oder ihre Augen selber. – Hoch über ihnen stand der Vollmond im Blauen, aber auf der Erde war doch kein Licht, sondern ein blauer Schatten; denn das Himmelblau war eine grosse blaue Wolke, bloss an einer Stelle vom mond geöffnet, der nur auf die drei Paradiesvögel und unten auf eine helle, von uns abgekehrte Gestalt Schimmer niedergossSie waren diese Gestalt und wendeten Ihr Angesicht bloss gegen Morgen, gegen die hängende Landschaft, als ob Sie etwas da sogleich erblicken würden. Die Paradiesvögel säeten die Perlen häufiger in Ihre Augen: 'Es sind die Tränen, die unsere Freundin weinen muss', sagte Emanuel; auch fielen sie dann aus Ihren Augen, aber lichter und blieben glimmend auf dem Blumenboden stehen. Das Blau auf der Erde wurde plötzlich heller als das Blau am Himmel, und eine schiefe Höhle, deren Mündung gegen die Ewigkeit aufklaffte, wühlte sich rückwärts durch die Erde gegen Abend bis nach Amerika hinab, wo unten die Sonne in die Öffnung schienund ein Strom von Abendröte, so breit wie ein Grab, schoss aufwärts aus der Erde und legte sich mit seinem Abendscheine an das ferne Duftland der nebeligen Ewigkeit wie dünne Flammen an. Da zitterten Ihre arme ausgebreitet, da zitterten Ihre Lieder voll sehnsüchtiger Wonne, da konnten wir und Sie die erleuchtete Ewigkeit ganz sehen. Aber sie wechselte schillernd unter dem Sehen, wir konnten das nicht denken und behalten, was wir sahen, es waren unfassliche Gestalten und Farbenspiele, sie schienen nahe, schienen fern, schienen mitten in unseren Gedanken zu sein. – Wölkchen, aus der Erde aufziehend, schwebten um die glühende Ewigkeit, und jedes hob einen auf ihm stehenden singenden Menschen hinauf zu dieser Lichtinsel, die sich gegen die Erde spaltete, bloss mit einer unabsehlichen Reihe von weissen Bäumen, aus Licht und