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Versteigersaal voll Töchter, aus ihrem liebes-Inokulationhospital eine oder die andre abstehen wollen, und denen ein Berghauptmann, Gerichtalter, Musikmeister und Lebensbeschreiberdas mögen meine wenigen Ämter seinkeine zu verächtliche Partie ist, dass ich, sag' ich, von diesen Eltern erwarte, dass sie (wenn ihnen die Sache ein Ernst ist) mir wenigstens das Haus verbieten oder den häufigen Briefwechsel: – das frischet Schwiegersöhne an.

30. Hundposttag

Briefe

Hätt' ich oder ein anderer hinter einem Busch oder in einem Hohlwege aufgepasset und wären wir zu rechter Zeit vorgebrochen: so hätten wir die zwei ineinandergesiegelten Briefe, die Viktor nach Maiental schickte, dem Boten abnehmen können, der kein Deutsch verstand, nämlich seinem italienischen Bedienten. Der Brief an Emanuel war der Umschlag des Briefes an Klotildedie Freundschaft ist immer das Umschlagtuch der Liebe. Vom Umschlage will ich nur einen Auszug und einen Ausschnitt geben, eh' ich den Brief an Klotilden ganz mitteile. Er bat seinen Emanuel, dieses nur für eine Briefdecke zu nehmen und die Inlage Klotilden allein zu übergebener sagt' es ihm ohne weitere Erklärung, er hänge nicht von seinen Wünschen, sondern von Blumenketten ab, die ihn zurückzögen von den andern Blumenketten in Maiental, und eine vielfache Umschnürung mit Girlanden könne man nicht durchbrechen, weil man nicht wolleer war absichtlich über sein neues Verhältnis mit Klotilden undeutlich, weil er ihre Erlaubnis zum Gegenteil nicht voraussetzen durfteer bat scherzhaft seinen Freund, seine Freundin zu bitten, dass sie ihm befehle, nach Flachsenfingen zu reisen, damit sie einander zu sehen bekämen – (ich komm' aus dem Perioden, wenn ich die Absicht dieser Wendung zeige) – er strich in seinem kopf die Frage wieder aus: ob Klotilde noch des Arztes bedürfe? bloss weil er einer für sie im doppelten Sinne war, und fragte nur, ob sie genesen seiEndlich schloss er so:

"Und so flatter' ich denn mit ziemlich abgestäubten Schmetterlingschwingen im unabsehlichen Tempel, der für unser Phalänen-Auge in kleinere zerfällt und dessen Säulen-Laubwerk wir für die Säulen selber halten und dessen Pfeilerreihen durch ihre Grösse unsichtbar werden, da flattert der Menschenzweifalter auf und niederzerstösset sich an Fensternrudert durch staubige Gespinsteschlägt seine Flügel endlich um eine hohle Blumeund der grosse Orgelton der ewigen Harmonie wirft ihn bloss mit einem stummen auf- und niedergehenden Sturme umher, der zu gross ist für ein Menschenohr. –

Ach ich kenne jetzt das Leben! Wäre nicht der Mensch sogar in seinen Begierden und Wünschen so systematischging' er nicht überall auf Zuründungen sowohl seiner Arkadien als des Reichs der Wahrheit aus: so könnt' er glücklich sein und mutig genug zur WeisheitAber eine Spiegelwand seines Systems, ein lebendiger Zaun seines Paradieses, die ihn beide nicht ins Unendliche sehen oder laufen lassen, sprengen ihn sofort auf die entgegengesetzte Seite zurück, die ihn mit neuen Geländern empfängt und ihn neuen Schranken zuwirft.... Jetzt, da ich so verschiedene Zustände durchlaufen, leidenschaftliche, weise, tolle, ästetische, stoische; da ich sehe, dass der vollkommenste entweder meine irdischen Wurzeln in der Erde oder meine Zweige im Äter verbiegt und einklemmt und dass er, wenn er es auch nicht täte, doch über keine Stunde dauern könnte, geschweige ein Leben lang; – da ich also klar einsehe, dass wir ein Bruch, aber keine Einheit sind und dass alles Rechnen und Verkleinern am Bruche nur Annähern zwischen Zähler und Nenner ist, ein Verwandeln des 1000/1001 in 10000/10001 so sag' ich: 'Meinetwegen! die Weisheit sei also für mich Auffinden und Ertragen bloss der kleinsten Lücke im Wissen, Freuen und Tun.' Ich lasse mich daher nicht mehr irremachen, und meinen Nachbar auch nicht mehr, durch die gewöhnlichste Täuschung, dass der Mensch jede Veränderung an sichjede Verbesserung ohnehin, aber auch sogar jede Verschlimmerungfür grösser ansieht, als sie hinterher ist.

Genug! aber seit dieser Bemerkung – o noch mehr, seit das hohe Schicksal mir Freuden gab, damit ich sie verdienteist neues Morgenlicht auf meinen Schattensteig gefallen, und ich habe nun Mut, mich zu bessern.... Der klare Strom der Zeit geht über einen hinabgelagerten Blumenboden schöner Stunden, auf welchem ich einmal stand und zu dem ich ganz hinunterschauen kann – o wenn sich diese Eden-Aue wieder aufwärts hebt und ich kann an deiner Hand darauf treten und neben dir niederknien und dankend bald zum Morgenhimmel, bald über die wehenden Blumenfelder dieses Lebens blicken: dann sink' ich stumm an dich zurück und umfasse dankbar deine Brust und sage: 'O mein Emanuel, durch dich verdien' ichs ja erst.' – Ja, ich sag' es heute, geliebter Lehrer, und bleibe du recht lange neben deinem Schüler auf der Erde, so lange, bis er würdig ist, dich zu begleiten aus ihr." –

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So lang auch dieses Schreiben war, so liebte Viktor seinen Lehrer doch zu sehrund hasste die fürstliche Unart, Menschen zu Werkzeugen zu machen, zu sehr –, als dass er es ihm nicht geradezu hätte sagen sollen, dass dieser Briefnicht sowohl seine Entstehung alsseinen Geburttag dem Briefe an seine Geliebte verdanke. Hier ist der an Klotilde, in den er mit folgenden Worten seine Bitte, sie zu sehen, bringt: "Wenn ich wüsste, dass ich die geliebte Seele,