warum die Fürstin die Uhr mit dem Einschlusse, den sie (schon nach dem Gespräch mit Tostato) gelesen haben muss, Joachimen in die hände gegeben; aber für die argwöhnischen Spitzbuben, deren ich im Kapitel ihres Augenverbandes und Kusses gedacht, ist das ein Fund; das Geschenk der Uhr bestätigt sie ganz in ihrem spitzbübischen Glaubensatz; denn sie können – ich setze mich vergeblich dagegen – das Geschenk für ein Zeichen der italienischen Rache ausgeben, die Agnola an der Nebenbuhlerin Joachime, der sie Viktors Widerstand zuschreiben musste, dadurch habe nehmen wollen, dass sie ihr seine anderweitigen Lieberklärungen mitgeteilt.
Viktor nahm sich, indem er zu haus die grössten physischen Schritte machte, vor, ähnliche politische zu tun und geradezu dem Fürsten zu bekennen: "Es ist nicht viel über neun Monate, dass ich Höchstderoselben Braut mit einer schmalen Lieberklärung behelligt habe, die sie gar noch nicht kann gelesen haben und die nun aus einer Hand in die andre geht." Aber jetzt war die Eröffnung der Uhrbrieftasche nicht tulich: Jenner war durch die Entfernung Klotildens ein wenig verdrüsslich; Viktor war seit einiger Zeit auch weniger um ihn als sonst, wie doch ein rechtschaffener Günstling nicht sollte, da z.B. der berühmte Graf von Brühl wie eine Mutter von Morgen bis Mitternacht seinen Herrn umwachte. Jenner schien in dieser Einsamkeit mehr an seine Kinder zu denken, und Viktor konnte ihm keine Nachrichten vom Lord erteilen. Die Hauptsache war vollends seine Frühlingkränklichkeit, die ihn wieder zum gläubigen Jünger des Doktor Kuhlpeppers und des Podagra machte. Dieser Doktor-Rumpf unter einem Doktorhute, dessen Gehirnfibern zu Basssaiten gezwirnt waren, versteigerte seine Einfältigkeiten bloss durch die ernstafte Schwerfälligkeit, womit er ihrer los wurde, über den Preis; von gewissen Personen, z.B. von Ärzten, von Finanz-Rechnern, von ökonomischen Geschäftträgern, fodern sogar Leute von feinen Sitten steife und halten sich an eine Zipfelperücke lieber als an einen Haarbeutel von Schnallengrösse oder an einen Tituskopf. Sebastian kam den Leuten viel zu spasshaft vor, als dass sie hätten denken können, er habe was gelernt. Im Punkte der Ärzte – wie in jedem Hauptpunkte des Vermögens oder des Lebens – denket der vornehmste Pöbel wie der niedrigste und schätzet Männer und Schosshunde nach äusserer zottiger Wildnis. Noch dazu hatte Viktor den Fehler, sich und die Ärzte in den Verdacht der Ruhmsucht zu bringen, indem er sie geradezu lobte: z.B. "sie wären bei ihrem Matrosenund Toten-Pressen eine Art Seelenverkäufer für die andre Welt und dienten den guten Engeln, die den Kern ohne die Körperschale begehrten, um ihn weiter zu stecken, zu Nussknackern; – wie oft heben wir nicht" (fuhr er fort) "die gefährlichsten Krankheitversetzungen durch eine leichte Krankenversetzung! Ich könnte mich auf die refugiés aus dieser Welt berufen, ob unser Streu- und Dintenfass (das Geräte unserer Rezepte) nicht die Säemaschine und Giesskanne der menschlichen Wintersaat waren; aber die Hinterbliebnen sollen reden und antworten, ob sie nicht die Pfründen, die Regimenter, die Lehngüter, die Ordenbänder, die ihnen zugefallen, unsern Rezepten und Uriasbriefen zu verdanken haben, und ob sie und sogar Könige im Trocknen sässen ohne unsere häufigen Abzuggräben im Kirchhof. – Und doch, dünkt mich, ist unser Ruhm im Heilen und Beleben ebenso gross, wo nicht grösser: dieser Ruhm – so wie die Sterblichkeitlisten, worauf er sich stützt – ist seit vielen Jahrhunderten der nämliche geblieben, unsre Teorien, Spezifika, Einsichten mochten sich ändern, wie sie wollten."..
Den Fürsten machten solche Satiren recht lustig und – ungläubig. Doktor Kuhlpepper hingegen hielt auf seine Würde und würde gegen einen Satirikus, der vom langsamen Dezimieren der Ärzte gesprochen hätte, seinen Degen gezogen und ihn durch ein schnelleres vollständig widerlegt haben. Ich rate jedem, der in der Welt etwas werden will (nämlich etwas anders), bei den Männern auszusehen wie ein Leichenbitter – bei den Weibern wie ein Gevatterbitter. – Der Fürst hielt sich im siechen Frühjahr aus zwei Gründen wieder vom Zipperlein besessen, erstlich weil ich noch keinen Nerven-Schwächling gekannt habe, der sich eine Krankheit, die ich ihm im Sommer ausgeredet hatte, nicht im nächsten kränklichen Winter wieder in den Kopf gesetzt hätte – zweitens weil Jenner nachgerechnet, dass er oft genug vor Damen auf die Knie gefallen war, um das Anbeten daran noch als Gonagra oder Kniegicht zu spüren.
So stands, als ein kleiner Zufall unsern Viktor wieder glücklich machte. Ich muss nur vorher sagen, dass er ohnehin gar nicht unglücklich war; denn ein Liebhaber bekümmert sich um nichts, um einen Hof gar nicht; er hat Amors Binde um und verzeiht gern der Fortuna und der Justiz die ihrigen. Und das moralische Osterfeuer lösete – so wie Aberglaube dem physischen eine eigne Kraft beimisset – alles Eis, womit man Viktors Blut andämmte, in Freuden-Lymphe auf; der Osterwind – der nach den Wetterpropheten bis zu Pfingsten fortwehet – setzte seine alten Freudenblumen in Bewegung und säete aus ihnen den Samenstaub künftiger weiter; der Schnee zerging auf dem aus dem Winterschlafe erwachenden heissen Frühling, und die ersten Blumen und die tausend Knospen gaben allen Herzen Kräfte und Hoffnungen und Liebe. O wenn Viktor draussen dem grünenden Steige nachsah, der ihn mit frischen Saftfarben mitten aus der Grummetsteppe (denn im Frühling grünen die Fusswege zuerst) in das maientalische Eden locken und tragen wollte; und wenn er dann glühend und dürstend umkehrte und in das gezeichnete Maiental einlief, in die entlehnten