zu vieles Gewicht in den Augen Joachimens zu lassen, nahm er sich vor, sie um die Prospekte von Maiental, die in ihrem Zimmer hingen, anzugehen auf einige Wochen. O Maiental, wie viel hast du, wenn schon dein Schattenriss so glücklich macht! – Aber sein Besuch lief sonderbar ab. Er wünschte unterweges, in ihrem Toilettenzimmer wäre der feine Narr und der wohlriechende und mehr Zeug – es war nichts da. Sie nahm ihn mit einer sorglosen Lustigkeit auf, als wäre sie die Kolombine und der Medikus der Pickelhering. Er wollte aber bloss das allmähliche Abschwächen oder diminuendo seiner moralischen Dissonanzen ausführen; daher wurde' er durch das ewige Hinsehen auf seinen Notenpult und auf die Partitur seiner inneren Harmonie etwas steif und ungelenk in seinem Spiel. Weiber unterscheiden leicht Kälte der Vernunft (schon am Mangel der Übertreibung) von Kälte der Laune. Jetzt verlangte er die Prospekte. Joachime wurde nicht kälter, sondern warm, d.h. ernstaft, und hob in der hohlen Hand ihre Uhr empor und sagte, darauf blickend: "Ich geb' Ihnen so viele Minuten Frist, als Sie Tage weggeblieben sind, um das Wegbleiben zu entschuldigen." – Viktor nahm ohne Verlegenheit – wie jeder, der nur nach einem entweder guten oder bösen Grundsatz handelt – die BestimmFrist an und hob die montre à regulateur unter dem Spiegel aus, um nicht von Joachimen betrogen zu werden. Diese verdammte Uhr der Fürstin grinste ihn überall an, wie eine Druckkugel und Pulvermine unter seinen Füssen. Er zog sie auf, um dieses nürnbergische Ei (wie man sonst die Uhren nannte) aufzumachen und endlich einmal nachzusehen, ob die Lieberklärung, d.h. das punctum saliens der Liebe oder der Amor – der nach Plato auch aus einem Ei auskam –, noch darin sei. "Ich weiss schon," sagt' er zu sich, "es ist längst heraus, aber ich probier's nur."
Es wäre überhaupt die Frage gewesen, obs dieselbe Uhr war, da die in Tostatos Bude keine Brillanten hatte – wenn nicht aus dieser Pandorabüchse, sobald er sie am Fenster aufgeschlossen hatte, hervorgeflattert wäre ein dünnes Blättchen, halb so gross wie ein Schmetterlingflügel, so lang wie ein Tulpenstaubfaden. Die kleine Folie nahm vor jedem Lüftchen die Flucht. – – Joachime fing das Ding – las das Ding – fand die Lieberklärung noch darauf – hielt sie für eine, die er ihr selber eben mache, um seine Abwesenheit auszusöhnen, und die er der Uhr Witzes halber (er konnte auf ihre Herz-Gestalt anspielen) einverleiben wollen...
Jeder kann denken, wie ihm bei der Sache war. – Recht wohl wär' ihm dabei gewesen, wenn er hätte entsetzlich lügen dürfen oder wenn er nur wenigstens den wenigen Hof-Leuten hätte nachschlagen dürfen, die unter die 28 Pfund Blut, die ihren Körper wässern, nicht 28 ehrliche Bluttropfen – ein einziger kann, wie ein liquor probatorius, in der übrigen Masse verdammte Niederschläge nachlassen – geschüttet haben. Aber seine Seele ekelte der neue Köder zur Lüge. Der Leser kann gar noch nicht wissen, dass Viktor fehlschoss, – dass er nämlich (wegen der Entlegenheit von Joachimens Argwohn) auf diesen gar nicht kam, sondern auf den nähern, Joachime habe jetzt seinen ganzen närrischen Streich gegen die Fürstin heraus. Er war niemals fähig, einen fremden Leichnam als Schild den Pfeilschüssen gegen seinen eignen vorzuhalten – eine Sitte auf dem Hof-Moria, die nicht wie die alttestamentliche einen Isaak mit einem Widder löset, sondern einen Widder mit einem Isaak – er war heute am wenigsten fähig, die Fürstin preiszugeben, um sich zu retten; aber auch nicht einmal das vermocht' er, Joachimen preiszugeben, um jene zu retten, d.h. den Teufelzettel zu einem Süssbriefchen an Joachimen umzumünzen. Der Satan schrie sich in ihm heiser, um ihn nur so weit zu bringen, dass er wenigstens durch schweigende Gebärde löge und die ihrige rechtfertigte, worin der Schein immer mehr abnahm, als glaubte sie es an eine fremde Dame gerichtet.
Er sagte ihr frei heraus, was er sei – ein Narr. Er erzählte den ganzen Handel in Kussewitz. Er schloss damit, es sei ein Glück für ihn, dass die Fürstin das tolle Einschiebsel der Uhr gar nicht aufgestöbert habe.... Da er nun dieses eintönig vorsang ohne eine einzige Schmeichelei, aus der etwa eine neue verbesserte Auflage des Einschiebsels zu machen gewesen wäre: so war er so glücklich, bei seinem Abschiede die belehrte Joachime in einem Zustand zu hinterlassen, der sich nach solchen magnetischen Handhabungen bei gebildeten Weibern in einer schönen stolzen Erhebung und bei ungebildeten in den Versuchen äussert, an den Mann die bildende letzte Hand gerade so zu legen, wie sie die griechischen Künstler an ihre Modelle legten – – nämlich mit den Nägeln der letzten Hand. Viktor zog mit zweierlei sehr verschiedenen Prospekten ab, mit denen der Zukunft und mit den maientalischen. –
Sie behielt das Blättchen. Aber nicht die Furcht, sondern das herbe Gefühl, dass seine bisherigen Torheiten sich bloss in einem fremden Herzen mit einer fehlgeschlagnen Hoffnung endeten, floss mit einigen bittern Tropfen in die süsse verjüngende Empfindung, dass er auf seine Kosten recht gehandelt habe. Eine Rührung, eine Träne ist ein Schwur vor dem Himmel, gut zu werden; – aber eine einzige Aufopferung stählet dich mehr als fünf Busstränen und zehn Busspredigten.
Ich habe nicht den Mut es zu erraten,