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sondern das einzige Gut ist; da alle Begierden nach ihm auf ein leeres Nichts losgehen: so ist Tugend kein Verdienst, sondern eine notwendigkeit. Z.B. wenn es nichts Hassenswertes gibt: so ist der Sieg über den Zorn und die Liebe gegen den Feind nicht schwerer oder verdienstlicher als die gegen den Freund, sondern einerlei.

Was hat denn der Stoiker der Tugend nach seiner Meinung aufzuopfern als Vexiergüter, Luftschlösser und Fieberbilder? – Gleichwohl tut der Stoizismus der Tugend, wie die Kritik dem Genie, negative Dienste; die stoische Erkältung treibt keinen Frühling heraus, aber sie richtet die Insekten hin, die ihn zernagen; der stoische Winter nimmt, wie der physische, die Pest hinweg, eh' die wärmern Monate kommen, die neues Leben reichen....

Obgleich Viktor sagte: "Du Teure, kein Herz kann rein, still, zart und gross genug für deines sein, aber das schwache, das du erduldest, wird an deinem sich heiligen und kommt gebessert zu dir": so war doch nicht die blosse Liebe die Quelle seiner Tugend, sondern umgekehrt konnte nur Tugend sich durch eine solche Liebe offenbaren. Aber auch ohne das wird eine halb eigennützige Sinnänderung durch Handeln zur uneigennützigen, wie die Liebe, die von der Schönheit des Gesichts anfängt, sich zuletzt in Liebe für Schönheit der Seele veredelt.

Die Absonderung von Klotilden gab ihm durch den Gedanken Freude, dass er während derselben die eifersüchtigen Irrtümer ihres Bruders schone. Die Gesamtliebe rückte jetzt der Freundschaft gegen die bessern Weiber zu, und der Toleranz gegen die schlimmern. Er hob seine satirische Intoleranzdie aber nicht halb so gross war wie die junger schriftstellerischer Spassvögeldurch eigne Toleranzmandate auf. Er las Gullivers letzte Reise ins Pferdeland als Rezept gegen Lügen, wenn man an den Hof geht. Sein Kubach und Schatzkästlein und sein collegium pietatis bestand aus drei unähnlichen Bänden: Kant, Jacobi und Epiktet.

Ich wollt' aber, er machte sich nicht lächerlich. Von einem mann, der neun Monate am hof gewesen, war man schon zu erwarten berechtigt, dass er sich anders benehmen und gegen jene Gleichheit der Stände und der Laster nicht verstossen werde, da die Menschen die Sünden am besten gemeinschaftlich verüben, wie in den schweizerischen Kirchen die Zuhörer gemeinschaftlich husten müssen oder die Rekruten eines Transports zugleich pissen. Wenigstens sucht der Mann von Lebensart seine Liebe gegen seine Religion so gut zu verbergen wie die gegen seine Frau. – Ich komme wieder zur Historie:

Viktor beschloss nun, lauter Besuche zu machen, die ihn ärgerten und dem nächsten gefielen. Der nächste war eine ausserordentliche Steuer von Besuch bei der Fürstin (denn seine tägliche Prinzessinsteuer bei ihr hörte nun auf). Freilich wurde die dicke Stunden-Uhr des alten Zeidler Linds jede Minute ein Wekker, der ihm seine vorigen tollkühnen Scherze, seinen Uhr-Einschluss und Liebebrief an Agnola vorhielt. Ich kann mich der sorge nicht erwehren, dass die Leser ausglitschen und sichs nicht träumen lassen, mit welchem Herzen Sebastian zur Fürstin ging: o! mit einem voll stummer Abbitten undLossprechungen, mit einer ausgedehnten Brust voll stolzer Zuversicht und doch voll teilnehmender Milde. Woher kam das? – Aus der schönen Seele kam es, die jetzt, von fremder Liebe ausgesöhnt und ausgefüllt, nichts mehr wünschen konnte als Freundschaft, und die nun zu glücklich war, um nicht versöhnlich zu sein. Aber er fand zwei kalte raffinierte Gesichter bei ihr, denen ebenso schwer abzubitten als zu vergeben istnämlich ihr eigenes und das des Grafen von O aus Kussewitz, bei welchem ihre Übergabe geschehen war. Viktor errötete; der Graf schien ihn gar nicht zu kennensie wurden einander nicht vorgestelltsprachen aber zusammen so teilnehmend, als wenn sie es wären (zumal da es keinen Unterschied machte) – und so ging man mit kühlen Gefühlen und mit der grössten Gleichgültigkeit gegen eigne und fremde Anonymität hofmässig auseinander. Bloss Viktor ängstigte sich nachher mit Zweifeln, ob er nicht früher als Agnola den unbekannten Grafen einen Grafen genannt.

übrigens fand er erst jetzt, seitdem er Klotilden lichte, die Scheidewand zwischen Liebe und Freundschaft mit Weibern recht sichtbar und dick: vorher konnte' er durch die Scheidewand gut hindurchsehen. Eine Frau kann sich keinen festern und reinern Freund erwählen als den Liebhaber einer andern.

Viktor musste nun auch, und noch dringender, zu Joachimen gehen. Der böse Geist, der im Menschen allzeit wie die jüngsten Räte zuerst stimmt, machte die Motion: "er solle Joachimen den kleinen Irrwahn, dass er sie liebe, lassen" – als dies nicht durchging, nahm der Filou eine andere stimme an und schlug damit vor: "er sollte sie für ihre bisherige Zweideutigkeit durch die deutlichsten Zeichen seines Hasses strafen". – Aber er ging willig dem guten geist nach, der ihn an der Hand führte und unterweges sagte: "Gehe jetzt zu ihrziehe dich von ihr ohne ihre Schmerzen losdeine Hand gleite allmählich aus ihrer und räume einen Finger nach dem andern, wie es Mädchen mit ihrer physischen machen, und stelle dich weder als ihren Feind noch als ihren Liebhaber an." Er ging ohne allen Eigennutz hin; denn letzter wäre eher gewesen, zu haus zu bleiben und die Vergangenheit und Zukunft zu geniessen und durchzublättern, oder auch aus dem haus zu gehen nach St. Lüne, um sich zu Agaten neben den Florhut Klotildens, den sie studierte, zu setzen.

Um aber seinem Besuche nicht