in Maiental besuchen dürfe, nur die Bitte, dass sie für ihr Genesen sorge, kann er wagen. Klotilde hatte nur eine an ihn zu tun, die sie nicht genug überhüllen konnte; die nämlich, ihres eifersüchtigen Bruders wegen sie nicht in Maiental zu sehen.
Unter dem Zögern der Entzückung schellet der zweite Schlitten. Die Eile nötigte sie zum Mut – – Viktor verwandelte die Bitte in den Wunsch, dass der Frühling die Absicht ihrer Reise (die Genesung) begünstigen möge, und die Frage in die Freude, wie glücklich sie in Maiental neben Dahore sein werde, wie selig er sonst dort gewesen und wie wenig er sonst geglaubt, dass man es da noch mehr werden könne. Klotilde antwortete (wahrscheinlich auf seinen Wunsch nachzureisen): "Ich hinterlasse Ihnen ebensoviel, meinen Bruder und Ihren Freund; vergessen Sie meine vorige Bitte nicht!"
Erst da die annähernden Eltern Klotilden erinnerten, den Schleier zurückzuschlagen, und ihren Geliebten anmahnten, den ersten Abschied von dem errungenen Herzen zu nehmen: da blickten beide weit in das grosse Eden hinein, das sich um ihr Leben aufgetan – und die helle Minute, die jetzt im Strom der Zeit vorüberfloss, spiegelte in die Ewigkeit zwei himmlische Gestalten hinauf, eine entschleierte, blassrote, von Tränen verklärte, und eine von Liebe verherrlichte, von Hoffnung widerscheinende – und nun lasset nicht länger die Hand Seelen zeichnen, die nicht einmal das glänzende grosse Auge der Liebe abmalet...
Als die Eltern kamen: fühlt' er alle mögliche Kontraste, aber er vergab alle mögliche. Er nahm bald Abschied, um zu haus in der Stille der Nacht den ersten betenden blick über seinen künftigen Lebensstrom zu werfen, der sich jetzt zum Grab hinzog in Schönheitlinien, und in welchem bunte Minuten spielten wie Goldfische.
In der Nachtstille, nicht weit von seiner Wachsmumie, wollte der glückliche niederfallen vor dem unendlichen Genius und ihm mit neuen Tränen danken für diese Nacht, für diese Freundin, deren erste Liebe er ist. Aber der Gedanke, es zu tun, ist die Tat, und o wie könnte unser gerührtes Herz, das schon vor Menschen verstummt, noch andere Worte vor dem Unendlichen finden als Tränen und Gedanken? –
– Und in dieser ergebnen Stimmung voll tiefer Ruhe, worin ich die Feder weglege, mögest du, lieber Leser, dieses Buch weglegen und auch sagen wie ich: es werden sich wohl mehr trübe Tage so beschliessen wie der achtundzwanzigste Hundposttag.
Vorrede zum dritten Heftlein
(das in der ersten Auflage um ein Dutzend Bogen
früher anging)
Da jetzt auch der Schalttag in die Vorrede einfällt und er noch dazu beim Anfangbuchstaben V anfängt: so können ja beide ungemein glücklich miteinander abgefertigt werden.
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Siebenter Schalttag
Ende des Registers der Extra-Schösslinge
UV
Unempfindlichkeit der Leser – Vorrede. Es gab glückliche zeiten, wo man von seinem Nebenwilden und nächsten nichts zu befahren hatte, als totgeschlagen zu werden – wo nur der Hagel der Knutenmeister der Haut war, anstatt dass jetzt der Passatwind des Visitenfächers für uns eine Windsbraut ist und der kühle Atem über die Teetasse hinüber ein Seewind – wo man weniger am Kummer des andern Anteil nahm als an seinem Frasse – wo die Damen die Herren in Bärenhäuten mit nichts verwundeten (mit Blicken, Reizen, Locken am allerwenigsten), mit nichts als mit Keulen, und wo sie sich zwar so gut wie heute und morgen des Herzens eines ehrlichen Mannes bemächtigten, aber doch nur so, dass sie den Inhaber desselben vorher auf einen Altar hinstreckten und ordentlich abschlachteten, eh' sie ihm den Himmelglobus aus dem Brustgehäuse ausschnitten. – –
Um diese zeiten sind wir nun alle gebracht; in den jetzigen siehts schlecht aus. Beim Himmel, man hat ja nicht viel weniger als alles vonnöten, um glücklich, und nicht viel mehr als nichts, um unglücklich zu sein – zu jenem braucht man eine Sonne, zu diesem ein Sonnenstäubchen! – Gut wären wir daran und grosse Zimmer in allen Lustschlössern hätten wir innen, wenn es uns vom Schicksal bescheret wäre, dass wir etwa so viele Foltern erlitten, wie die Juristen haben, nämlich drei – nicht mehr Plagen, als die Ägypter trugen, nämlich sieben – nicht mehr Verfolgungen, als die ersten Christen ausstanden, nämlich zehn. Aber auf solche Glück-Ziehungen sieht ein Mann von Verstand gar nicht auf; wenigstens verspricht sich solcher Treffer einer nicht, der sich wie ich hinsetzt und erwägt unsre Kolibrimägen – unsere weiche Raupenhaut – unsere selber klingende Ohren – unsere Selberzünder von Augen – und unsere culs de Paris, die nicht von einem umgestülpten Rosenblatt, sondern schon vom Schatten eines Dornes gestochen werden – und unsere feine Hautfarbe, die ohne einen Mondschirm im Mondlicht schwarz würde.... Und doch hab' ich in diese Rechnung unserer Leiden – weil ich mit Fleiss darauf aus bin, sie kleiner zu machen – noch ganz andere, ganz verdammte Posten nicht gebracht, sondern z.B. den Reichtum völlig ausgelassen, dieses Schmerzengeld so vieler tausend Schrammen und Splitterungen der Brust, und überhaupt Millionen Seelenwunden, die unser durchlöchertes Ich ganz durchsichtig machen würden, wär' es nicht zum Glück ganz vom Kopf bis zum Fuss in englisches Taftpflaster gekleidet.... Aber ich liess alles dergleichen weg, weil ich wusste, es wäre doch so gut wie nichts, o wenn ichs gegen ein ganz anderes Fegfeuer und Gewitter hielte, in das vorzüglich wir Mannspersonen geworfen werden, wenn wir so unglücklich sind, dass wir uns