1795_Jean_Paul_049_185.txt

" – Er bückte sich tief und konnte nicht antworten. –

Aber da ihr Wohnort ihnen jetzt entgegenschimmerte und ihr Schloss, von dem der Silberregen des Mondes niederrannda die Minute immer grösser und dunkler herankam, worin ihm der Abschied (vielleicht die Maske des Todes) diesen stillen Engel von der Seite nahmda ihm jede gleichgültige Abschiedformel, die er sich aussinnen wollte, sein krankes Herz zerschnittda er sah, wie sie ihr Haupt auf die Hand und auf den Schleier lehnte, um unbemerkt die ersten Zeichen ihres Abschiedes wegzunehmen oder aufzuhalten: so stürzte die ganze Wolke, die so lange einzelne Tropfen in seine Augen fallen lassen, zerrissen auf ihn nieder und überflutete sein Herz.... Er hielt plötzlich still.... Er sah mit unversiegenden Augen gegen St. Lüne.... Klotilde kehrte sich um und erblickte ein entfärbtes Angesicht, eine Stirn voll Schmerzen und einen zitternden Mund und sagte blöde: "Ihre Seele ist zu gut und zu weich." – Ja, dann brach sein überfülltes Herz entzwei. – Dann quollen alle mit alten Tränen vollgegossenen Tiefen seiner Seele auf und hoben aus den Wurzeln sein schwimmendes Herz, und er sank vor Klotilden nieder, glänzend in himmlischer Liebe und rinnendem Schmerzvon der Tugend überflammtvom Mondenlicht verklärtmit der treuen erliegenden Brust, mit den überhüllten Augen, und die zerrinnende stimme konnte nur die Worte sagen: "Engel des himmels! endlich bricht vor dir das Herz, das dich unaussprechlich liebt – o ich habe ja lange geschwiegen. – Nein, du edle Gestalt weichest nie aus meiner Seele. – O Seele vom Himmel, warum haben deine Leiden und deine Güte und alles, was du bist, mir eine ewige Liebe gegeben, und keine Hoffnung und einen ewigen Schmerz?" – Von ihm weggebogen lag ihr erschrocknes Angesicht in ihrer rechten Hand, und die linke deckte nur die Augen, aber nicht die Tränen zu. Ein sterbender laut flehete ihn an, aufzustehen. Man hörte den zweiten Schlitten von ferne. – "Unvergessliche! ich martere Sie, aber ich bleibe, bis Sie mir ein Zeichen der Vergebung geben." – Sie reichte ihm die linke Hand hinaus, und ein heiliges Angesicht voll Rührung wurde aufgedeckt. Er presste die warme Hand an sein flammendes Angesicht, in seine heissen Tränengüsse. Er fragte zitternd wieder: "O mein Fehler wird immer grösser, werden Sie ihn denn ganz verzeihen?"...

Da verhüllte sie das errötende Angesicht in den verdoppelten Schleier und stammelte abgewandt: "Ach dann muss ich ihn teilen, edler Freund meines Lehrers." – –

Seliger, seliger Mensch! nach diesem Wort bietet dir das ganze Erdenleben keinen grösseren Himmel an! Ruhe nun in stillem Entzücken mit dem überwältigten Angesicht auf der Engelhand, in die das edelste Herz das für die Tugend wallende Blut ausgiesset! Weine alle deine Freudentränen auf die gute Hand, die dir sie gegeben hat! Und dann: wenn du es vermagst vor Entzücken oder vor Ehrfurcht, denn hebe dein reines glänzendes Auge auf und zeig ihr darin den blick der erhabnen Liebe, den blick der ewigen Liebe und der stummen und der seligen und der unaussprechlichen! –

Ach der, den einmal eine Klotilde geliebt hätte, der könnte jetzt vor Entzücken nicht weiterlesennicht weiterschreiben...... oder auch vor Schmerz! –

Jetzt legte er den schönern Weg schweigend und geheiligt zurückder Mond hing wie ein betauter, mit weissen Blüten überlegter Morgen vom Himmel herabder Frühling bewegte seine Auen und seine Blumen unter dem Schleier von Schneedas Entzükken schlug in Viktors Herzen, schwoll in seiner Brust, glänzt' in seinem Augeaber die Sprachlosigkeit der Ehrfurcht herrschte über das Entzücken.... Sie kamen an. Und als beide im Zimmer der Harmonika, wo er abends vor Schmerzen ihre Hand ergriffen hatte, einander einsam gegenüberstanden, so verändert, so selig zum ersten Male, zwei solche Herzen, sie wie ein Engel, der vom Himmel niedersank, er wie ein Seliger, der aus der Erde auferstand, um dem blöden Engel an das Herz zu fallen und mit ihm sprachlos in den Himmel zurückzugehen... welche Stunde! – O nur für euch, ihr schönen Seelen, die ihr solche Stunde nie erlebt und doch verdient, mal' ich diese fort! .... Wie zwei Selige vor Gott schauen sie einander in die Augen und in die Seelen wie ein Zephyr, den zwei schwankende Rosen fortsetzen, wehet zwischen den zitternden Lippen der sprachlose Wonneseufzer, von der Brust in schnellen Zügen eingetrunken und freudig schauernd in langen ausgezittertsie schweigen, um sich anzublicken, sie heben die Augen auf, um durch den Freudentropfen durchzusehen, und senken sie nieder, um ihn mit dem Augenlide abzutrocknen.... Nein, es ist genug – o es ist eine andre Träne, die jetzt drückend in dem schönen Herzen liegt, das schweigt und sagen will: ich war niemals glücklich, und ich werde' es auch nie!

Viktor hatte ihr so viel zu sagen und hatte so wenige Minuten mehr dazu: gleichwohl machte ihn nicht sowohl die Freude als die Ehrfurcht stummdenn heilig ist dem liebenden Herzen die Gestalt, die zu ihm gesagt: ich bin dein. – Denket aber nicht, er wollte etwa die rohe Bitte tun, seinetwegen dazubleiben; nur die Frage, ob er sie