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neue Tugendendie beschnittenen Wurzeln, die das Schicksal an dieser Blume, wie wir an niedern Gewächsen, vor der Verpflanzung in eine andre Erde verkürztund die tausend Honiggefässe schöner Gedanken. Und da er an alle ihre bedeckten Tugenden auf einmal dachte, an die herrschaft ihrer weiblichen Vernunft über ihre Empfindsamkeit, an ihr leichtes Einwilligen in den Ball, den ihr jetzt der Fürst, so wie das in die Schminke, die ihr sonst die Fürstin aufgedrungen, und an ihre gefälligkeit, sobald sie nichts aufzuopfern brauchte wie sich; und da er sich vorhielt, dass sie, nicht ähnlich den Hof- und Stadtweibern, die wie Gewächse sich ans Fenster des Gewächshauses nach dem Lichte ausspreizen, sondern ähnlich den Frühlingblumen gern im Schatten blühe, und doch die Liebe zum Landleben so wenig wie ihre Bescheidenheit zur Schau auslege: so musst' er das Auge abwenden von der zarten aufgerichteten Blume, auf die der Tod den Leichenstein niederwarf, von der schönsten Seele, die ihren Wert noch nicht im Spiegel einer gleichen sah, vom sterbenden Herzen, das doch nicht glücklich war. Alsdann stieg freilich der Gedanke, vor dem er zusammenfuhr, wie ein Sturm empor: "Ich will ihrs heute sagen, wie gut sie ist – o ich sehe' sie doch nicht wieder, und sie stirbt sonst von sich ungekannt! – Ich will ihr zu Füssen sinken und meine unaussprechliche Liebe bekennen. – Sie kann nicht zürnen; ich begehre ja nicht ihr heiliges Herz, das keiner verdient, ich will ja nur sagen: meines vergisset dich nie, aber es verlanget deines nicht, es will nur sanfter brechen, wenn es vor dir gezittert und geblutet und geweinet und gesprochen hat"...

Nahe hinter diesem Gedanken kam Klotilde selber zu ihm an der Hand ihrer Stiefmutter, und das von der Wärme wie Rosen von der Sonne entfärbte Angesicht, die kränkern müden Züge taten die stille Bitte, in die frische Luft und nach Haus zu kommen.

Sie fuhr; die Stiefmutter entfernt hinter ihr. – Welcher Tausch der Bühnen! – Unter dem Morgentor des himmels stand der Mond, der den Leichenschleier aus Gewölk abgehoben hatte von der Milchstrasse und von dem ganzen blauen Abgrund. Er trug allmählich einen Grund von Silber auf und zeichnete mit Schatten und Blitzen ein rückendes Nachtstück hinein. Sein Licht schien der Frost in Körper zu verdichten, in weisse Auen, in taumelnde Ströme, in schwebende Flocken, es hing blitzend als weisses Blütenlaub an den Gebüschen, es glimmte die östlichen Berge hinauf, die die Sonne in Eisspiegel gegossen hatte. – Und alles über dem Menschen und um den Menschen war erhaben-stillder Schlaf spielte mit dem Todjedes Herz ruhte in seiner eignen Nacht. –

Und hier bei diesem Eintritt gleichsam aus dem Getümmel der Erde in die stille überdämmerte Unterwelt flossen kalte Schauer und nach ihnen glühende Schauer über Viktors Nerven. – Dies geschieht, wenn die Seele des Menschen zu voll ist und zu sehr erschüttert wird, und alle Fäden ihres zitternden Körpergewebes schwanken dann mit ihr. – Sein Schlitten wurde jetzt eine fliegende Gondel. Die entgegenschlagende Nachtluft wehte alle seine Flammen an. O! der Strom voll Eisspitzen, wenn er über ihn gezogen, die kühle Decke von Schnee, wenn sie auf ihm gelegen wäre! – Immerfort rief es in ihm: "Du fährst die Stille, die Geduldige mit ihrem schwarzen Schleier dem tod zues ist ihr Leichenwagendie edle Perlenfischerin hat dem Himmel ihr Zeichen gegeben, dass sie hier unten Schmerzen und Tugenden genug gesammelt habe, damit er sie wieder hinaufziehe zu sich." – Die vorüberrückenden Berge, die vorbeistürzenden Bäume, die wegrinnenden Felder, diese Flucht der natur schien in einen grossen Wasserfall zusammenzufliessen, der alles mittrieb und den Menschen zuerst, und nichts stehen liess als die Zeit. – Und als er in das Tal, wo die Stadt verschwindet, wie vor einem Jahre seine begleitenden Freundinnen, hinunterrollte und als der Mond scheinbar hinter den Bäumen durch den Himmel zu fliegen anfing: so richtete er seine Augen gegen die Sterne auf und redete zurückgebogen, hinaufstarrend, zertrümmert den Himmel laut an: "Tiefes blaues Grab über den Menschen, du versteckst deine weiten Nächte hinter zusammengerückten Sonnen! Du ziehest uns und unsre Tränen hinauf wie Dünste. – Ach wirf nicht die armen, sich so kurz sehenden Menschen so weit auseinander, nicht so unendlich weit! – Und warum kann der Mensch nicht hinaufblicken zu dir, ohne zu denken: wer weiss, welches geliebte Herz ich droben nach einem Jahre suchen muss!" –

Seine verdunkelten Augen fielen schmerzhaft vom Himmel herabauf Klotildens ihre, die aufgehoben seinen gegenüberstanden. Sie konnte die Träne, die vom Auge erst bis zur Wange gefallen war, weder durch den Schleier entziehen, noch für eine auf dem Angesicht zergangene Schneeflocke ausgeben, da der Schleier die Flocken abstiess; aber eine solche Träne hatte keinen Schleier nötig. Klotilde hatte gedacht, er meine bloss Emanuel, und darum wurde sie weich.... Wie zwei scheidende Engel schauten beide sich mit weinenden Augen an. Aber Klotilde zog die ihrigen ab, und ihr Haupt bückte erliegend sich vorwärts. Gleichwohl wandte sie sich wieder um und tat mit dem himmels-Angesicht und mit der himmels-stimme die schöne Bitte an ihn: "Würdigen Sie dieser warmen Freundschaft auch meinen Bruder; und vergeben Sie der Schwester heute diese Bitte, da ich sie vielleicht lange nicht erneuern kann.