sein Inneres zurückgedrückte Wehmut einen Ausgang durch die stimme, die heftig und abgebrochen war, durch die Bewegungen, welche schnell waren, sogar durch die Lebhaftigkeit des Ausdrucks – kurz es war gut, dass sie fuhren.
Er dachte wieder das Gegenteil, als er auf dem Schlitten hinter ihr stand. Die Nacht schien sich hinter die Wolken gezogen zu haben, deren weites Gewölbe den Himmel einnahm. Er konnte keine Materie zum Gespräch auftreiben, er mochte sinnen, wie er wollte – er lief Klotildens, Viktors, aller Bekannten Leben durch – es stiess ihm nichts auf. Der Grund war, seine Gedanken, die er darauf ausschickte, kehrten ohne sein Wissen in jeder Minute um und hingen sich wie Bienen an Klotildens edles Profil, oder an ihr weiches Auge, oder sanken in ihre auf seine Hand gefallne Träne ein und in das ganze Äter-Meer der heutigen Töne. Der dunkle Himmel über ihm gab ihm endlich Emanuels letztes Schreiben in den Sinn, und er konnte ihr daraus des Blinden Einweihung in den höchsten Gedanken des Menschen erzählen. Klotilde hörte ihm freudig zu und sagte endlich: "Niemand ist glücklicher als ein Schüler eines solchen Lehrers; aber er muss nie in die Welt treten – da wird er es nicht sein. Sein Lehrer hat ihm ein zu weiches Herz gegeben, und ein weiches hängt, wie Sie ja selber sagen, wie das weiche Obst so tief herab, dass es jeder erreichen und verwunden kann; die harten Früchte hängen höher."
Sie kamen jetzt bei den harten Residenzfrüchten an, und ihre Bemerkung war ihre eigne geschichte. Aber die neuen Auftritte – die rauschenden Wagen und Kleider – der Lärm um nichts und um wenig – die Saalleuchter wie Fixsternsysteme – die doppelten Mund-Disharmonikas – die männliche Hof-Fauna – die weibliche Hof-Flora – das ganze mobil gemachte Lustlager, dieses Mess-Getümmel überschmetterte das gedämpfte Echo, das zwischen zwei harmonischen Seelen hinüber und herüber ging.
Unser Held wurde von der Fürstin noch freundlicher angelassen als vom Fürsten. Joachime, die Amtverweserin Klotildens, hatte noch ausser der kalten zürnenden Freundlichkeit eine juwelenreiche montre à regulateur. An einem öffentlichen Orte kostet es weniger als in einem Kabinett, den äussern Menschen wie eine Charaktermaske über den inneren zu decken. Viktor, auf welchen ohnehin jeder Schmerz die witzige wirkung des Trunkes machte, verriet den ersten höchstens durch das Übermass seiner Lebhaftigkeit.
Eine Frau verrät sich durch das Gegenteil – Klotilde durch nichts. Er sagte ihr in der sonderbaren Übertäubung, in welche äussere Freudentöne und innere Phantasien setzen, wenn sie wie zwei Ströme miteinander zusammenkommen, folgende Ideen: "Wär' ich die Göttin der Wonne (wenn es eine gibt), so liess' ich drei Uhr schlagen – um die Wandleuchter machte ich Farbenprismen oder hinge sie gar in die Kabinette und zöge über den Tanzsaal durch Weihrauch eine Zauberdämmerung – dann müsst' ich die Töne des Orchesters in so viele Zimmer zurückstellen, dass davon nichts hereinkäme als ein weiches Echo – und wenn dann in dem dämmernden, von Melodien durchwehten Wirrwarr nicht die Leute nach einigen stillen Bewegungen vor Entzücken vergehen wollten: so wüsst' ich nicht".... "Setzen Sie noch dazu," (sagte sie) "damit wir auch eines haben, dass wir hier bleiben und die Auflösung beobachten." –
Aber seine Fassung überlebte in jedem Balle kaum die Menuett. Nach dem ersten Geräusch, wenigstens um die Geisterstunde, war allemal seine ganze Seele in eine eigne poetische, der Augen kaum mächtige Schwermut zersetzt. Ausser den Tönen kann ich noch die Bewegung zum Erläutern dieser Erscheinung brauchen: alle Bewegung ist erstlich erhaben – nämlich die von grossen massen, oder vielmehr jede schnelle Bewegung gibt dem Gegenstand die Grösse des durcheilten Raums, daher bei Abstich mit dem Zwecke bewegte Gegenstände komischer sind als ruhige – zweitens das Bewegen der Menschen stellte ihm ihr Vorüberflattern, ihr Fliehen in die Gräber dar. Er blieb oft in der Nacht trübe unten an Häusern stehen, in deren zweitem Stockwerke man tanzte, und sah hinauf, und das Vorüberschweben freudiger Köpfe war ihm der Gaukelsprung der Irrlichter auf dem Kirchhofe.
Heute fühlte er dies bei einer zerschmolzenen überlaufenden Seele noch eher als sonst. Die Anglaise, worin aus der Kolonne ein Paar nach dem andern verschwindet, war ja das Bild unsers schattigen Lebens, in das wir alle ausziehen mit Trommeln, und von tausend Spielkameraden eingefasst, und in dem wir fortrücken, jedes Jahr verarmend, jede Stunde einsamer, und worin wir zu Ende laufen, von allen verlassen, ausser einem gemieteten Mann, der uns eingräbt hinter das Ziel. – Aber der Tod breitet gleichsam unsere arme aus und drückt sie um unsere geliebten Geschwister; ein Mensch fühlt erst am rand der Gruft, wo er ans Reich unbekannter Wesen stösset, wie sehr er die bekannten liebt, die ihn lieben, die leiden wie er, die sterben wie er.
Da ein Weib uns mit nichts die ganze selige Vergangenheit rührender aufdeckt, als wenn sie ihr Augenlid aufhebt und uns ihr schimmerndes Auge zeigt: so musste er ja wohl wenigstens unter dem Tanze in ein Auge blicken, das ihm lauter Himmel zeichnete, die versunken waren – und heute sollte ihm alles versinken, das Auge sogar. Und da Klotilde durch das Tanzen gewöhnlich erblasste: so zog er durch ihre Augen in ihr Inneres und zählte darin an der stillen Seele die Tränentropfen, die unerschüttert an ihr hingen – die vielen Impf-Einschnitte des Schicksals für