Düften füllt, und im dunkeln Dufte glimmt die Seele wieder an wie Abendrot, eh' sie selig untergeht? – – –
Ach Horion, ruht die Erde noch unter uns, die ihre Todeshügel um das weite Leben trägt? Zittern diese Töne in einer irdischen Luft? O! Tonkunst, die du die Vergangenheit und die Zukunft mit ihren fliegenden Flammen so nahe an unsre Wunden bringst, bist du das Abendwehen aus diesem Leben oder die Morgenluft aus jenem? – Ja, deine Laute sind Echo, welche Engel den Freudentönen der zweiten Welt abnehmen, um in unser stummes Herz, um in unsre öde Nacht das verwehte Lenzgetön fern von uns fliegender Himmel zu senken! Und du, verklingender Harmonikaton! du kömmst ja aus einem Jauchzen zu uns, das, von Himmel in Himmel verschlagen, endlich in dem fernsten stummen Himmel stirbt, der aus nichts besteht als aus einer tiefen, weiten, ewig stillen Wonne....
"Ewig stille Wonne," (wiederholet Horions aufgelöste Seele, deren Entzücken ich bisher zu meinem machte) "ja, dort wird die Gegend liegen, wo ich meine Augen aufhebe gegen den Allgütigen, und meine arme ausbreite gegen sie, gegen diese müde Seele, gegen dieses grosse Herz – Dann fall' ich an dein Herz, Klotilde, dann umschling' ich dich auf ewig, und die Flut der ewig stillen Wonne hüllt uns ein – Wehet wieder nach dem Leben, Erdentöne, zwischen meiner und ihrer Brust, und dann schwimme eine kleine Nacht, ein wallender Schattenumriss auf euren lichten Wogen daher, und ich werde hinsehen und sagen: das war mein Leben – dann sag' ich sanfter und weine stärker: ja der Mensch ist unglücklich, aber auf der Erde nur."
O gibts einen Menschen, über welchen bei diesen letzten Worten die Erinnerung grosse Regenwolken zieht, so sag' ich zu ihm: Geliebter Bruder, geliebte Schwester, ich bin heute so gerührt wie du, ich achte den Schmerz, den du verbirgst – ach du entschuldigst mich und ich dich....
Das Lied stand still und tönte aus. – Welche Stille jetzt im Dunkel! Alles Seufzen war in ein zögerndes Atmen eingekleidet. Nur die Nebelsterne der Empfindung funkelten hell in der Finsternis. Keiner sah, wessen Auge nass geworden war. Viktor blickte in die stille schwarze Luft vor ihm, die vor wenig Minuten mit hängenden Gärten von Tönen, mit zerfliessenden Luftschlössern des menschlichen Ohrs, mit verkleinerten Himmeln erfüllt gewesen und die nun dablieb als nacktes schwarzes Feuerwerks-Gerüst.
Aber die Harmonika füllte dieses Dunkel bald wieder mit Lufterscheinungen von Welten an. Ach warum musst' es denn gerade die meinen Viktor nagende Melodie des "Vergissmeinnicht" treffen, die ihm die Verse vortönte, als wenn er sie Klotilden vorsagte: "Vergiss mein nicht, da jetzt des Schicksals Strenge dich von mir ruft – Vergiss mein nicht, wenn lockre kühle Erde dies Herz einst deckt, das zärtlich für dich schlug – denke, dass ichs sei, wenn es sanft in deiner Seele spricht: vergiss mein nicht"... O wenn noch dazu diese Töne sich in wogende Blumen verschlingen, aus einer Vergangenheit in die andre zurückfliessen, immer leiser rinnen durch die vergangnen, hinter dem Menschen ruhenden Jahre – endlich nur murmeln unter dem Lebensmorgenrot – nur ungehört aufwallen unter der Wiege des Menschen – und erstarren in unsrer kalten Dämmerung und versiegen in der Mitternacht, wo jeder von uns nicht war: dann hört der gerührte Mensch auf, seine Seufzer zu verbergen und seine unendlichen Schmerzen.
Der stille Engel neben Viktor konnte sie nicht mehr verhüllen, und Viktor hörte Klotildens ersten Seufzer. –
Ja, dann nahm er ihre Hand, als wenn er sie schwebend erhalten wollte über einem offnen grab.
Sie liess ihm ihre Hand, und ihre Pulse schlugen bebend mit seinen zusammen. –
Endlich warf nur noch der letzte Ton des Liedes seine melodischen Kreise im Äter und floss auseinander über eine ganze Vergangenheit – dann hüllte ihn ein fernes Echo in ein flatterndes Lüftchen und wehte ihn durch tiefere Echo hindurch und endlich an das letzte hinüber, das rings um den Himmel liegt – dann verschied der Ton und flog als eine Seele in einen Seufzer Klotildens. –
Da entfiel ihr die erste Träne, wie ein heisses Herz, auf Viktors Hand.
Ihr Freund war überwältigt – sie war dahingerissen – er presste die sanfte Hand – sie zog sie aus seiner – und ging langsam aus dem Zimmer, um dem zu weichen Herzen, über dessen holde Zeichen die Nacht ihren Schleier hing, wieder zu hülfe zu kommen....
Das kommende Licht nahm diese Traumwelten hinweg. – Mattieu und die Kammerherrin erschienen auch. Wir wollen aber in dieser weichen Stimmung, wo man gerade gegen Schlimme in der härtesten ist, nichts sagen und nichts denken über das neue Paar, das für den Abstich gegen unsere Erweichung nichts kann. Viktor sagte sich dies auch, aber mehr als einmal; weil sich die vom Apoteker erlogne Vermählung Klotildens mit Mattieu ihm mit den grellsten Farben aufdrang, ähnlich jener platonischen Verbindung, wo der reine Geist aus seinem Äter getrieben und mit zusammengekrümmten Flügeln in einen befleckten Leib gemauert wird. Klotilde kam zurück. Sie war in Verlegenheit gegen Viktor, bloss weil er darin war oder neben ihr auf dem Schlitten noch mehr darin sein musste – ihren geschwollenen Augapfel entfernte sie vom Licht. – Da Tränen-Versetzungen wie Milchversetzungen drücken und zerstören: so suchte die in