der Weisheit in glänzende Spitzen zersplittert, muss einer so kurz sein wie ein Besuchblatt. Hundertmal schweigt der Weise vor Gecken, weil er dreiundzwanzig Bogen braucht, um seine Meinung zu sagen – Gecken brauchen nur Zeilen, ihre Meinungen sind herauffahrende Inseln und hängen mit nichts zusammen als mit der Eitelkeit.... Noch merk' ich an, dass zwischen dem Lord und seinem Sohne eine höfliche feine Behutsamkeit obwaltete, die in einem so nahen Verhältnisse nur aus ihrem stand, aus ihrer Denkart und ihrer häufigen Abtrennung zu beurteilen ist. –
"Aber meine Gegenwart ist vielleicht noch schlimmer. Die Prinzessin" – –
(Die Braut des Fürsten, da seine erste Gemahlin bald und kinderlos starb, wie Spitz sagt)
"Die Prinzessin bringt einen Strom von Zerstreuungen mit, worin er keine stimme als die, die zum Vergnügen lockt, mehr hören wird. Ein unterbrochner Einfluss ist ein verlorner. Auch bin ich bis zu einem gewissen Punkte dieses Spieles so müde, dass ich den neuen Verbindungen, in die mich diese neue Erscheinung zöge, gern entfliehe. Sollte sie ihn nicht lieben, wie man sagt, so könnte sie ihn um so leichter beherrschen; und dann wäre meine Abwesenheit wieder nicht gut. – Mich beiseite! aber was nimmst du vor, solang' ich weg bin?"
Nach einer Viertelpause antwortete er selber. "Du wirst sein Leibarzt, Viktor!"Viktors Hand zuckte in der väterlichen. "Du bist ihm schon versprochen, und er sehnet sich nach dir, bloss weil ich dich oft genannt habe. Er kann es nicht erwarten, zu erfahren, wie jemand aussieht, dessen Vater er so gut kennt. Als Leibarzt kannst du ihn mit deiner Kunst und mit deiner Laune so lange fremden Fesseln entziehen, bis ich wiederkomme; dann leg' ich ihm noch sanftere an und gehe auf immer zurück. Meine Verbindung hatte bisher bloss die Absicht, fremde abzuwenden, besonders eine gewisse" – (Mit voller Brust und andrer stimme) "Mein Geliebter! Es ist auf der Erde schwer, Tugend, Freiheit und Glück zu erwerben, aber es ist noch schwerer, sie auszubreiten; der Weise bekömmt alles von sich, der Tor alles von andern. Der Freie muss den Sklaven erlösen, der Weise für den Toren denken, der glückliche für den Unglücklichen arbeiten."
Er stand auf und setzte Viktors Ja voraus. Dieser musste ihm also unter dem Gehen seinen Rednerfluss zutröpfeln. Er fing mit gehäuftem Atem an: "Ich verabscheue aufs heftigste den Samielwind der Hofluft"...
Bei mir hats der Lord zu verantworten, dass der Sohn hier die conjunctio concessiva "zwar" auslässet: wer sich die Erwartung des Gehorsams merken lässt, erhält ihn wenigstens unter einer stolzern Einfassung –
"die über lauter liegende Menschen streicht und den zu Pulver macht, der aufrecht bleibt – Ich wollt', ich wär' in einem Vorzimmer an einem Courtage; ich wollte zu allen in Gedanken sagen: wie hass' ich euch und euern tollen Sauerhonig von Lust- und Plag-Partien – die verdammten Wart- und Ruderbänke eurer Spieltische – die vollen Schlachtschüsseln hingerichteter Provinzen, ich meine eure Spiel- und Speiseteller – Aber ich weiss schon, ich drücke mich nie mit Stärke aus über die knechtischen lauernden Hofaustern, die nichts zu bewegen und aufzuschliessen wissen – das Herz ohnehin nicht – als ihr Gehäuse, um etwas hineinzunehmen..."
"Ich habe dich noch nicht unterbrochen", sagte der Lord und stand ein wenig still.
"Inzwischen", fuhr der Sohn fort, "wate ich mit grösster Lust zur Austerbank hinab.. O mein teurer Vater, wie könnt' ich nicht gehen! Warum liess ich nicht bisher Ihr krankes Auge aufgebunden, damit Sie auf meinem gesicht keine einzige Einwendung gegen Ihre Wünsche erblickten! – Ach, um jeden Tron stehen tausend nasse Augen' die von verstümmelten Menschen ohne hände hinaufgerichtet werden: droben sitzt das eiserne Schicksal in Gestalt eines Fürsten und streckt keine Hand aus – warum soll kein weicher Mensch hinaufgehen und dem Schicksal die starre Hand führen und mit einer unten tausend Augen trocknen?" – Horion lächelte, als wollt' er sagen: Jüngling!
"Aber nur um einige prozessualische Weitläuftigkeiten und Fristen bitte' ich Sie, damit ich Zeit bekomme – stoischer und närrischer zu werden. Närrischer, mein' ich, vergnügter. Ich möchte unter den guten Leuten um uns und neben meinem Flamin und jetzt im Frühling des Kalenders und in dem meiner Jahre, und eh' das Lebenschiff im Alter einfriert, nur noch zwei Monate lachen und zu Fuss gehen. Stoisch muss ich ohnehin werden. Wahrhaftig, wenn ich nicht Epiktets Handbuch als einen Schlangenstein an mich und meine Wunden legte, damit der Stein den moralischen Gift heraussaugt, sondern wenn ich mit einer Brust voll Krebsschäden aus dem haus ginge: was würde denn der Hof von mir denken? ... Ach, ich meine es doch ernstaft: der arme innere Mensch – von dem Wechselfieber der Leidenschaften ausgetrocknet – vom Herzklopfen der Freude ermattet – vom Wundfieber der Leiden glühend – braucht wie ein andrer Kranker Einsamkeit und Stille und Ruhe, damit er genese." Wenn er das Wort Ruhe nannte, war sein Inneres bis zur Auflösung bewegt; so sehr hatten schon die Leidenschaften sein Blut umgewühlt und sein Herz erschüttert.
jetzt gingen beide in schweigender Einigkeit wieder zu Eimann. "Ich habe eine Bitte für meinen Flamin." – "