und dadurch um Genesung zu danken oder zu bitten; oder wie die römischen Kaiser, deren Wachsstatue die Ärzte nach dem tod des Originals besuchten."
Die Gesellschaft ging ab, und er war endlich allein. Der Mond, der um 11 Uhr 57 Minuten aufgegangen war, warf sein noch vertieftes abnehmendes Licht erst oben an die Fenster von Klotildens Wohnzimmer. Viktor löschte das Nachtlicht aus und setzte sich, um mit seinem noch wogenden träumenden Herzen nicht in die Träume des Schlafes zu treten, ans Fenster, beinahe an den gewöhnlichen Standort seiner Wachskopie und in ähnlicher Stellung – – als das Schicksal es fügte, dass er, der heute die Wachsmumie für seine person ausgegeben hatte, jetzt umgekehrt für das Bild angesehen werden sollte – –
– von Klotilden! Sie stand in einiger Entfernung von ihrem Fenster, an welches kein Licht als das vom Himmel fiel; Viktor war, da das letzte noch nicht zu ihm hineinkonnte, ganz im Schatten und ihr mit Vierfünftel seines Profils zugekehrt. Kaum sah' er, dass sie einen unverwandten fassenden, gleichsam einschlagenden blick auf ihn hefte: so erriet er, dass sie ihn mit dem wächsernen Menschen vermenge; auch bemerkte er aus dem Augenwinkel, dass etwas Weisses um sie flattere, d.h. dass sie sich die Augen oft trockne. Aber wie wär' es seinem feinen Gefühle möglich gewesen, ihr durch die geringste Bewegung ihren Irrtum zu nehmen und sie für ihr unschuldiges Anblikken verlegen und rot zu machen! – Ein anderer, z.B. der verkannte Matz, hätte sich in einem solchen Vorfalle gelassen in die Höhe gerichtet und gleichgültig zum Fenster hinausgesehen; aber er verknöcherte sich gleichsam in seiner Stellung der Leblosigkeit. Allein nur die Nacht und Entfernung konnten ihr sein Zittern zudecken, da ihre für seine Leiche fallenden Tränen wie ein heisser Strom sein zerstörtes Herz ergriffen und das wenige, was der heutige Abend daran noch fest gelassen, erweichten und auflösten in eine brennende Welle der Liebe. Den Kindern fliessen die Tränen stärker, wenn man ihnen Mitleid bezeigt; und in dieser Stunde der Erschöpfung wurde Viktor weicher, der sonst durch fremdes Mitleid mit ihm härter wurde, und als Klotilde sich ans Fenster setzte, um das müde Haupt aufzulehnen: so war ihm, als ermahne ihn etwas, das jetzt wahr zu machen, was er heute zu der Statue gesagt: "Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem weichen Herzen etc."
Klotilde zog endlich die Vorhänge zu und verschwand. Aber er setzte behutsam noch lange die Rolle seines Bildes fort, und eben, da er sich weniger anstrengte, um eine Statue zu spielen, gelang es ihm besser. Alle seine Gedanken flossen nun wie Balsam über die Narben und aufgerissenen Stellen seines inneren, und er sagte: "Wenn du auch nur meine Freundin bist, so genüget es mir, und du kannst diesen von sehnsucht empörten Busen stillen.
O dieses volle Herz würde ohnehin auseinandergetrieben, wenn es den Gedanken fassen sollte, dass du mich liebtest!" – übrigens fiel ihm heute zum erstenmal die Unwahrscheinlichkeit seiner neulichen Vermutung ein, dass eine so zurückhaltende person wie sie sich auf eine so wenig zurückhaltende Art gegen den blinden Julius sollte benommen haben, und er fragte sich: "ist es denn zur Erklärung ihrer Abreise vom Hof nicht genug an Jenners und Mattieus unheiliger Liebe und an Emanuels heiliger?" – Damit sie aber am Morgen nicht ihre irrige Verwechslung entdeckte, so gab er seinem wächsernen Figuranten genau die Stelle, die er selber am Fenster eingenommen.
Dritter Osterfeiertag
F. Kochs doppelte Mundharmonika – die
Schlittenfahrt – der Ball – und ...
Der Leser wird mit mir wünschen, dass der dritte Ostertag etwas Schlimmers endige als den langen 28sten Hundposttag.
Der Schlitten ging leidlich, soviel vorauszusehen war. – – Ich sehe' aber noch etwas anders voraus: dass sich eine halbe Million meiner Lesekunden (für die andre halbe steh' ich) nicht aus meinem Helden finden kann. Es ist daher mein Amt, nur soviel ihnen vorzusagen: Viktor war nie kleinmütig, ihn ekelte die menschliche Unterjochung unter das Glück; der Tod nahm ihn jeden Tag einmal auf den erhabenen Arm und liess ihn von da herunter bemerken, wie winzig alle Berge und Hügel sind, auch Gräber. Jedes Unglück machte ihn stählern, der Medusenkopf des Totenkopfs machte ihn steinern, und er ärgerte sich nachher über den schmelzenden Sonnenblick der freudigen Rührung. Seine lustige Laune, sein Ideal weiblicher Vollkommenheit, der Mangel an gelegenheit und das Schild Minervens hatten ihm über die Windmonate des Gefühls hinübergeholfen, und er hatte bisher keine andre Sonne angebetet als die um 21 Millionen Meilen entlegne – bis der Himmel oder der Henker die nähere herführte, gerade im Jahr 1792. – Noch wär' es ganz leidlich gegangen und das Unglück schon auszuhalten gewesen, wenn er gescheut oder kalt gewesen wäre; ich will sagen, wenn er nicht zu sich gesagt hätte: "Es ist schön, nie über sich zu weinen, aber doch über den andern; es ist schön, jeden Verlust zu verbeissen, aber nicht den eines Herzens, und was wird ein geschiedner Freund aus seiner Höhe grösser finden, entweder wenn ich mir Trostpredigten über sein Ableben mit wahrer Fassung halte, oder wenn ich dem Geliebten im freiwilligen übermannenden Kummer nachsinke?" – Dadurch – und aus Unbekanntschaft mit der Übermacht edler, aber unbezähmter Gefühle – und weil er seine bisherige zufällige Herzstille mit