Freude selber war oft für dich ein Samengehäuse des Schmerzes – Und du sagtest selber recht oft: ich bin schon zufrieden, und ich verdiene kaum meine Hoffnungen und Wünsche, geschweige ihre Erfüllung. –
Flamin! schaue dieses umgelegte Gesicht hier an – es lächelt aus Freundschaft, nicht aus Freude – Flamin, diese erloschene Brust war über ein Herz gewölbt, das dich ohne Grenzen liebte und bis in den Tod.
Und das ist im ganzen das einzige Unglück des armen Seligen. An und für sich und seiner originellen Lage und Laune wegen hätte der gute Bastian schon gut genug fahren können; aber er war zu weich zur Freude – zu unbesonnen – zu heiss – fast zu phantastisch. Er wollte gar lieben (bei seinen Lebzeiten), und es war nicht zu tun. Die Blumengöttin der Liebe ging vor ihm vorbei, sie versagte ihm die Verklärung des Menschen, das Melodrama des Herzens, das goldne Zeitalter des Lebens.... Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem weichen Herzen fliessen, das vor Liebe bricht und keine findet! ...
Wenn unser Horion nicht glücklich war: so mag es ihm freilich gar wohl tun, wenn er schon am Mittage des Lebens seine Mittagruhe halten darf, wenn er sterben und, losgemacht vom heisspochenden Herzen, gestillt vom Todesengel, sich so frühe legen darf unter das lange Leichentuch, das der Menschen-Genius über ganze Völker, wie der Gärtner das Verdeck über den Blumenflor, gegen Regen und Sonne zieht – gegen die Glut unsrer Freuden, gegen den Guss unsers Wehs.... Ruhe du auch, Horion!"...
– Seine Wehmut bei diesen Worten aus dem alten Traume war so übermannend, dass er aus ihr – zur Entschuldigung oder zur Erholung – in eine fast wahnsinnige Laune übertrat.
"Inzwischen ist der sämtliche Spass halb gegen meinen Geschmack, den ich am hof ausbilden wollte. Das Leben verlohnets gar nicht, dass man seinetwegen den guten Tod auszankt oder beräuchert und erhebt. Die Furcht zu sterben ausgenommen, gibts nichts Jämmerlicheres als die Furcht zu leben. Leute von wahren Talenten sollten sich betrinken, um das Leben aus dem rechten Licht zu sehen und es uns nachher zu melden. – Am allerelendesten aber (so dass das menschliche Leben dagegen noch passabel ausfällt) ist das bürgerliche, auf das ich jahrelang losziehen könnte, bloss weil es nichts hat als lange Tröge für den Magen, aus denen die Ketten für die Phantasie herabhängen – weils den Menschen um Kleinstädter umsetzt – weils unser fliehendes Dasein aus einem Fruchtacker zur Säemaschine macht – weils einen fatalen Dunst ausdampft, der sich dick vor das Grab und über den Himmel ansetzt, und in dem sich der arme Expeditionrat von Mensch schwitzend, käuend, feist, beschmieret, ohne einen warmen Sonnenstrahl für sein Herz, ohne ein Streiflicht für sein Auge herumtreibt, bis ihn der Fall-Bock des Pflastererst83 auf den morastigen Drehplatz einrammt. – Den einzigen Nutzen hat so ein armer Marmorstein, aus dem ein Pflaster statt einer Statue gemacht wird, dass er das ganze Menschenleben für etwas recht Erhebliches ansieht, das er nicht genug preisen könne. – Inzwischen könnte doch auch uns guten Narren das Äussere nicht so klein vorkommen, wenn nicht etwas ewiges Grosses in uns wäre, womit wirs zusammenhalten – wenn nicht ein Sonnenlicht in uns wäre, das in dieses Operteater so hineinfällt, wie das Taglicht zuweilen, wenn eine tür aufgeht, in die nachtlichte Schaubühne – wenn wir nicht, wie Menschen in alten Auferstehgemälden, halb in der Erde steckten, halb aber ausser ihr – und wenn dieses Eisleben keine Aiguille percée84 wäre und keine Öffnung in ein ewiges Blau hinaus hätte .... Amen!
Ich hab' aber der leidtragenden Versammlung noch zu melden, dass ich sie – in den ersten April geschickt; denn der Tote, dessen Leichenrede ich halte, bin ich wirklich selber."...
Aber hier umarmten ihn alle seine Freunde, um seinem geistvollen Wahnsinne Schranken zu setzen – und um ein so heftiges echt-britisches Herz an ihres zu drücken. Die Umarmung erwärmte alle seine kalten Wunden sanft, und er war geheilt, obwohl erschöpft; das fremde Leben wuchs in seines hinein, und die Liebe überwand den Tod. Die Engländer, in deren Augen die Tränen einer doppelten Trunkenheit waren, konnten sich kaum abreissen vom humoristischen Liebling. –
Klotilde, die mit ihren Freundinnen der Leichenrede im Nebenzimmer zuhörte, hielt sie anfangs bittend ab, dieses aufzumachen. Aber als Viktor sagte: "Kalte Gestalt, richte dich auf und zeige den Menschen die Tränen, die aus einem weichen Herzen fliessen, das vor Liebe bricht" – so nahm sie eilend von ihnen gute Nacht, weil sie über eine ihr ganzes Wesen hebende Rührung nicht Meister werden konnte. Da man ihm die Zeit ihrer Entfernung berichtet hatte: so wurde er, der jetzt schon so müde, weich und zärtlich war, es in einem unaussprechlichen Grade – alle durch die Anstrengung erhöhten Lichter auf seinem Angesicht schienen in Liebe wie Mondschimmer in Tautropfen zu zerfliessen – er wartete nicht, bis sein Zimmer leer wurde, sondern zeigte das, was Klotilde in dem ihrigen verbergen wollte – er konnte sogar die unverschleierte Wachsstatue mit sanftem geist anschauen und sagte lächelnd: "Ich glaube, ich habe mich darum ganz in Wachs wiederholen lassen, warum es der Katolik mit einzelnen Gliedern tut, um sie an eine Heilige zu hängen