– als die trockne Schale eines Kerns, der erst in einem zweiten Planeten gesäte wird – als seine Hülle, als, sozusagen, die weggeworfne Schlafmütze seines erwachten Geistes?
Besehet, weinende Zuhörer, diese figürliche blasse Mütze! Hier liegt sie, der Kopf ist heraus, der darin sann – unser Viktor ist dahin und schweigt, der so oft sprach von Matematik, Klinik, Heraldik, Kautelarjurisprudenz, medicina forensis, Sphragistik und ihren Hülfwissenschaften. – Wir haben viel an ihm verloren wer tröstet Sie, vortrefflicher Herr v. Schleunes, über diese Einbusse, und so die andern Herren auch? – Man hat aber in diesem närrischen Leben, das wohl eine Art von Vor-Tod sein mag, gar nicht so viel Zeit, um ordentlich zu trösten. Nicht bloss Kirchenstühle sind oft auf Leichensteine gebauet, sondern auch Fürstenstühle – die vollends – und selber Kanzeln.
Sollte wohl deine Seele, hochseliger Sebastian, in ihrem mittlern Zustande nach dem tod etwas von ihrem Körper wissen, aus dem sie wie aus ihrem HutFutteral ausgepackt ist, und von der letzten Ehre, die wir hier ihrer Kapsel antun? Falls sie noch Bewusstsein hat und noch ein Auge für diese stube, worin sie so oft war: so wird es sie freuen, dass die heiligen drei Könige, wovon der Mohr der Kato der Ältere ist, um ihren abgezognen Madensack herumstehen und den Sack kaum fahren lassen wollen; es muss ihr gefallen, dass wir sämtlich klagen: wo ist seinesgleichen in der gemeinen Chemie – in der Physiognomik und Physiognomie – in den neuern Sprachen – in der Bänderlehre, aus der er eine Liebe für alle Arten von Bändern schöpfte? – Wer suchte weniger als er strengen Zusammenhang der Gedanken, der den Deutschen verleitet, gute durch schlechte zu verkitten und mehr Mörtel als Quader zu brauchen? – Nicht einmal der Hof – daher er nicht gern hinging, wenn dort Spass vorfiel – brachte ihn von einem gewissen ernstaften gesetzten Wesen ab, das er bis zu einem lächerlichen trieb, auf welches letzte er allezeit aus war. – – Beim Himmel! durch das Stundenglas des Todes, durch das er wie durch ein Taschenperspektiv guckte, brach ihm alles so klein hervor, dass er nicht wusste, weswegen er ernstaft sein sollte – ich will nicht gesund dastehen, wenn ihm nicht im besagten Glase alle Stufen zum Trone so winzig vorkamen wie die daumenlange Holztreppe des Laubfrosches in seinem Einmachglase.
Er war ein recht guter Prediger, besonders ein Leichenredner, daher ihn auch ein recht guter Prediger zu Gevatter bat, und das Patchen steht mit da und weint seines Orts über Leibschmerzen.... Nur grosse Hofprediger, die in der Hauptkirche die fürstliche Leichenpredigt halten, können sich dessen rühmen, was ich zu meinem grössten Vergnügen jetzt höre, dass das Leichengefolge lacht, und das ist mir ein Pfand, dass ich tröste....
Und doch hat einer, der auf dem Totenbette liegt, mehr Trost als einer, der nur neben dem Bettfuss steht. Das Souterrain der Erdrinde bewohnen lauter stille ruhende Menschen, die voreinander zusammenrücken; aber auf dem Souterrain stehen ihre unruhigen Freunde und wollen hinunter in die geliebten arme aus Staub; denn die Leinwand auf dem Toten-Auge ist ja ein Fallhut der erkalteten Stirn, der Sarg ist der Fallschirm des Unglücklichen, und das Leichentuch der letzte Verband der weitesten Wunden – ach warum fällt der müde Mensch lieber in den kurzen als in den langen ungestörten sichern Schlaf? – So nimm denn, guter Sebastian, den Totenschein als ein ewiges Friedensinstrument aus der Hand der sanften natur...
Aber beim Henker! wo haben wir denn den Toten? was soll die weisse Mütze da unten? – Ich sehe die Leiche im Spiegel gegenüber – sie muss wo stehen – ich muss sie holen." – –
– Mit einem Schauer seines Ich sprang er herab – ein erhabner Wahnsinn ging in den Stufen der Wehrnut, des Lächelns, des Erstarrens sein Angesicht auf und ab. Er lief hinter eine spanische Wand, die vor seine Statue aus Wachs gestellet war – und trug den wächsernen Menschen heraus – und warf ihn hin wie einen Leichnam – und ein Schleier war über den Leichnam gewickelt – und er stieg verzerret auf den Stuhl, um fortzufahren:
"Das ist die Nachtleiche – der verschlackte, der verkohlte Mensch – in solche starre Klumpen sind die Ich geklebt und müssen sie wälzen – Warum bebet ihr über mich, Zuhörer, weil ich bebe, dass ich dieses umgeworfene Menschenbild so starr anblicke? – Ich sehe' ein Gespenst um diesen Leichnam schweben, das ein Ich ist.... Ich! Ich! du Abgrund, der im Spiegel des Gedankens tief ins Dunkle zurückläuft – Ich! du Spiegel im Spiegel – du Schauder im Schauder! – Ziehet den Schleier vom Leichnam weg! Ich will den Toten keck anschauen, bis es mich zerstört.". . .
– Jeder schauderte nach; aber ein Engländer zog den Totenschleier weg Starr, sprachlos, ergriffen, erbebend sah Viktor auf das entüllte Gesicht, das auch lebendig um seine Seele hing; aber endlich ergossen sich Tränen über seine kalten Wangen, und er sprach leiser, wie wenn sich sein Herz auflöste:
"Seht, wie der Leichnam lächelt! Warum lächelst du denn so, Sebastian? Warst du etwa so glücklich auf der Erde, dass dein Mund in einer Entzückung erkaltete? ... Nein, glücklich warst du wohl nicht – die