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(wie ein Gesandschaftsekretär) statt der PolitikPunsch vor.

Aber nur Sorgen, nicht Wehmut oder Liebe lassen sich vertrinken. Die in Nervengeist aufgelösten andern Geister ziehen sich mit einem magisch-schimmernden Zirkel um jede idee, um jede Empfindung, die du darin hast, wie in Brauhäusern die Lichter wegen des Dunstes in einem farbigen Kreise brennen. Das Glas mit seinem heissen Nebel ist ein papinischer Topf sogar des dichtesten Herzens und zersetzt die ganze Seele; der Trunk macht jeden zugleich weicher und kühner. Ein weiches Herz war von jeher neben einer tapfern gehärteten Faust. Da es noch fortschneiete: so bot er Klotilden auf morgen seinen Muschel-Schlitten und sich (da er ohnehin zum Balle geladen war) zum fahrenden Ritter anwodurch er den Evangelisten nötigte, sich als Schlitten-Gondelierer der Stiefmutter anzutragen.

Klotilde entfernte sich jetzt von der männlichen lustigen Gesellschaft ins Nebenzimmer, wo ihre Agate und alles wares geschah nicht aus Missbilligung der anständigen männlichen Fröhlichkeitnoch weniger aus Verlegenheit, da es überhaupt ihrem Geschlechte leichter ist und leichter gemacht wird, sich unter vierzig Augen unbefangen zu benehmen als unter viernoch weniger aus Unvermögen der Verstellung ihrer Schwesterliebe gegen Flamin; denn ihre fliegende Seele hatte längst die Flügel zusammenzulegen, die Tränen und Wünsche zu verhüllen gelernt, unter Fremden erwachsen, in schwierigen Verhältnissen und unter uneinigen Eltern erzogensie tat es bloss, wie die Pfarrerin, weil es britische Sitte ist, dass sich die Damen von Männern und ihrem Punsch-Weihkessel wegbegeben.

Da sie aus Viktors Augen warund da er aus ihrem jetzigen noch bleichern Aussehen den Schluss zog, dass ihr das Tal Emanuels schwerlich die Lenzfarben wiedergeben werde, weil die Aussicht der Abreise nichts geheilet habe; und da ihm diese kleine Abwesenheit gleichsam in einem Taschenspiegel die Totenerscheinung einer ewigen vorhieltund da das schwellende Herz doch endlich den Damm der Verstellung überwältigt –: so eilte er in den Winter hinausdeckte die entzündete Brust den kühlenden Flocken aufund riss den Spalt weiter, in den das Schicksal seine Schmerzen impfteund lief durch die weisse Nacht auf den Wartturm hinauf; – und hier, übergossen von der still aus dem Himmel steigenden Schneelawine, sah er in die graue, wühlende, zitternde, flackernde Landschaft hinaus und in die weite, von Schnee durchbrochne Nachtund alle Tränen seines Herzens fielen, und alle Gedanken seiner Seele riefen: "So sieht die Zukunft aus! So schimmernd sinken die Freuden des Menschen vom Himmel und zerfliessen schon unter dem Sinken! So rinnt alles dahin! Ach welche Luftschlösser sah ich von dieser Höhe um mich glänzen, und Abendrot glimmte an ihnen! Ach alle sind unter Schnee verschüttet und unter Nacht!" Er sah in den Garten Klotildens hinab, in dessen finstern, vom Schnee überflatterten Lauben er das Eden seines Herzens gefunden und wieder verloren hatte. "Die Töne, die über diesen Garten flossen, sind versiegt, aber nicht die Tränen, die ihnen nachrinnen", dachte' er. Er sah in den Garten ihres Bruders hinab, wo das Tulpen-K zerblättert und die grünenden Namen vergangen und verhüllet waren.

Mit dieser Seele, die in diese Gegend wie in das Gebeinhaus verweseter Tage hineingeschauet hatte, kehrte er zum freudigen Klube zurück. Der Wechsel mit Kälte und Wärme hatte seine Ähnlichkeit mit dem Punschverein fortgesetzt, der unterdessen fortgetrunken. Alle und er betraten die Grenze des Trunkes, wo man in einem Atem lacht und weint; aber es freuet mich, dass der Mensch doch wahre Nahrung des Geistes und Herzens (wenngleich aus keiner Klosterküche oder Klosterbibliotek, doch) aus einemKlosterkeller ziehen kann; – dass er die Gesundheit seinesWitzes trinkt; – dass ihn ein jeder Kelch (nicht bloss auf dem Altar) geistlich stärkt, und dass er, wenn die Schlangen ihre Kronen beim Trinken abnehmen, seine darunter aufsetztund dass die Weinrebe Tränen nicht bloss selber oder aus den Augen eines katolischen Marienbildes vergiesset, sondern auch aus denen eines Mannes, der von ihr getrunken. Der Klub fiel darauf, Parlamentreden zu halten. – Der Kaplan schlug Kasualreden vor. – Viktor sprang auf einen Stuhl und sagte: "Ich halte den Leichensermon auf mich selberich habe hier schon in meiner Kindheit gepredigt."

Alle tranken noch einmal, selber die Leiche, und diese perorierte dann so:

"Geliebteste und traurigste Zuhörer und Mitbrüder!

Ein Mensch, tiefgebeugte Zuhörer, kann in die zweite Welt hinabsinken, ohne dass ein Trauerpferd nachspringt, so wie er in diese einläuft, ohne dass ein Paradegaul vorantrabt. – Wir unsers Orts haben sämtlich den Leichentrunk voraus eingenommen, um alles auszuhalten; denn im Nassen dehnt sich der Mensch aus, und im Trocknen dorret er ein, ich meine durch feste speisen, gleich dem Blutigel, der ausser dem wasser vier Zoll kürzer ausfällt. Und ich hoffe, ich und das tiefgebeugte Trauergefolge haben dem Hochseligen zu Ehren getoastet genug.

Und so sehe' ich ihn denn vor mir"...

Hier winkte er dem Pfarrer, seine Schlafmütze hinzuwerfen, damit etwas Totes daläge, an das sich sein Affekt wenden könnte

"... vor mir da liegen den unvergesslichen Herrn Hofmedikus Sebastian Viktor von Horion, und gestorben ist er und will hinab unter das Erde-Zudeck, in die Stätte voll langer Ruhe. Was sehen wir noch vor uns ruhen als die Täucherglocke, worin die bedeckte Seele in dieses Dunstleben hereinsank