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Gasse schien von Emanuel zu kommen und zu sagen: "Horion! Beflecke deine Seele nicht und falle nicht ab von deinem Emanuel und von dir! Schau an die Leinwand über ihrem kranken Auge, als verhüllte es der Todund sinke nicht!"

"Ich sinke nicht!" sagte sein ganzes Herz: er wand sich mit ehrerbietigem Schonen aus den pulsierenden Armen und fiel, erstarrend vor der Möglichkeit einer Nachahmung des elenden Mattieu, den er so verachtet hatte, ausserhalb des Bettes an ihrer hinausgenommenen Hand mit vorströmenden Tränen nieder und sagte:

"Vergeben Sie dem Jünglingseinem überwältigten Herzenseinen geblendeten Augen – – ich verdiene alle Strafen, jede ist mir eine Vergebungaber ich habe niemand vergessen als mich." – – "Mais c'est moi que j'oublie en Vous pardonnant"79, sagte sie mit einem zweideutigen Auge, und er stand auf und suchte sich, da ihm ihre Antwort die Wahl zwischen der angenehmsten und der demütigsten Auslegung anbot, gern selber mit der letzten heimAgnolas Auge blitzte vor Liebedann vor Zorndann vor Liebedann schloss sie eser trat in die ehrerbietigste Entfernung zurücksie öffnete es wieder und kehrte ihr Gesicht kalt gegen die Wand und gab durch einen geheimen Druck an die Wand, der, glaube' ich, eine eigene Klingel im Zimmer der Kammerfrau regierte, der letzten den Befehl zu eilenund in einigen Minuten kam diese mit der Augen-Gurt. Natürlicherweise spielte man (wie im Leben des Menschen) den fünften Akt so hinaus, als wäre der dritte und vierte gar nicht dagewesen. – Dann zog er höflich ab.

So! – Nun fangen ich und der Leser darüber zu fechten an, und Viktor darüber zu denken. Recht war seine Umarmung nichtseine Entdeckreise nach der Wand und seine Gemäldeausstellung waren es auch nicht –, aber klug war sie; denn er konnte doch wahrlich nicht zurückpurzeln und sagen: "Ich dachte, Matz hange hinter dem Bette." – – Darauf antworten mir freilich Leute von Erfahrung: "Wir sind hier nicht darüber mit ihm unzufrieden, dass er die Klugheit der Tugend vorzog, sondern darüber vielmehr, dass er es nach dem Kusse nicht wieder so machteDieser Kuss ist ein zu kleiner Fehler, als dass ihn Agnola vergeben könnte." Ich merke, diese Leute von Erfahrung sind Anhänger von der sekte, welche in meinem buch die Fürstin wegen so vieler halben Beweise unter diejenigen Weiber rechnet, die, zu stolz und zu hart für die Liebe des Herzens, die Liebe der Sinne nur flüchtig mit der Liebe zum Herrschen abwechseln lassen, und die es nur tun, um aus Amors Binde ein Leitseil, aus seinen Pfeilen Sporen und Steigeisen zu machen. Es sind mir auch die halben Beweise recht gut bekannt, womit sich diese sekte decktdie Bigotterie der Fürstinihr Beichtabendihre bisherige Aufmerksamkeit für meinen Heldendas Verdecken der gemalten Marie und das Entüllen der lebendigernund alle Umstände meiner Erzählung. Aber ich kann so etwas von einer Freundin Klotildens (diese müsste sich denn gerade deswegen von ihr geschieden oder aus Seelengüte diese nur dem männlichen Geschlechte gewöhnlichern Eilboten des Temperaments gar nicht begriffen haben) unmöglich eher denken, als bis mich in der Folge offenbare Spuren eines mehr erbitterten als gekränkten Weibes dazu nötigen. –

Ich komme von meinem Versprechen ganz ab, einiges näher zu legen, was gewiss bei Unparteiischen meinen Helden darüber, wo nicht rechtfertigt, doch entschuldigt, dass er nach dem Kusse sozusagen wieder tugendhaft wurde, und nicht des leibhaften Teufels lebendig. Ich stelle keck unter die Milderunggründe seine Unbekanntschaft mit solchen Weibern, die, gleich den Spartern, mutig nicht nach der Zahl der Feinde ihrer Tugend fragen, sondern nach dem Orte derselben; er war wohl oft bei ihnen und in ihrem Lager, aber seine Tugend hinderte sie, ihm die ihrige zu zeigen. – Nicht so viel wie durch jenes wird er durch die Einwirkung des Nachtwächters und durch das Erinnern an den Tod entschuldigt; denn dieses muss selber entschuldigt werden; – es ist aber auch nur gar zu gewiss, dass gewisse Menschen, die zu Philosophen oder auch zu Dichtern organisiert sind, gerade dann, und zwar allemal, statt ihres Zustandes allgemeine Ideen beschauen, wo es andere gar nicht können und wo sie nichts sind als Ich, nämlich in den grössten Gefahren, in den grössten Leiden, in den grössten Freuden. –

Ein Billiger schiebt alles auf den Apoteker, der Viktors moralischer und mechanischer Bettzopf oder Bettaufhelfer war; denn da der ihm den edlen Matz in einer ähnlichen Lage (aber ohne Bettzopf) vorgemalet hatte: so wurde der Abscheu, welchen Viktor einige Tage vorher gegen des Evangelisten Betragen empfunden hatte, in ihm zum lähmenden Unvermögen, einige Tage darauf im geringsten es zu kopieren. – O wenn wir doch jede Sünde, zu der wir oder andre uns versuchen, ein paar Tage vorher von einem wahren Schuft begehen sähen, den wir anspeien! – Könnten wir dann dem Schufte nacheifern?

Endlich braucht man nur zu Viktor in den Erker, wo er jetzt sitzt in einem sonderbaren Barometerstande, hinzusehen, wenn man den vorigen beurteilen will. Sein jetziger ist nämlich eine Mischung von Leerheit, Unzufriedenheit (mit sich und jedem), von grösserer Liebe gegen Agnola, von Rechtfertigungen dieser Agnola, und doch von einem Unvermögen, sie sich als eine nahe Freundin Klotildens zu denken.