der ihm in London die mündliche Vokation zur Hofkaplanei abgebettelt hatte, und der sie nicht mehr kriegen konnte. Daher nennen ihn die Hundposttage immer den Hofkaplan, wiewohl er in der Tat nur ein Landpastor ist.
Aus dem kleinen Umstande, dass Eimann als Reiseprediger mit in Jenners Gefolge ging, entspann sich viel. Eimann machte auf dem Landgut des Lords seiner jetzigen Frau mit dem Hals- und Brustgehenke seiner von der Schwindsucht durchgrabenen Herzkugel ein kleines Präsent, das angenommen wurde. Beide zeugten noch in England ihren Flamin. Die Lady liebte in der Hofkaplänin eine würdige Mitschwester ihres Geschlechts und eine würdige Mitbürgerin ihres Vaterlands; sie drang in sie mit heissen Bitten, in England zu bleiben, und als alle abgeschlagen waren, erbat und erzwang sie es von ihr, dass wenigstens ihr Flamin – um doch ein halber Brite zu werden – so lange in der Gesellschaft des Infanten und Viktors bleiben durfte, bis das freundliche Kleeblatt auf einmal in die deutsche Erde verpflanzet würde.
Die Pfarrerin war stark genug, für die schönere Erziehung ihres Flamins den Genuss seines Anblicks hinzugeben, und liess ihn unter den Augen der Liebe und in den kleinen Armen der kindlichen Freundschaft zurück. Dieselbe erziehende Hand – Dahore hiess der Lehrer – richtete und begoss die drei edlen Blumen, die aus einerlei Beete und Äter dreierlei Farben sogen und sich mit unähnlichen Staubfäden und Honiggefässen ausbildeten. Dahore hatte das Herz aller Kinder in seiner weichen Hand, bloss weil seines niemals brausete und zürnte, und weil auf seiner jungen Gestalt eine ideale Schönheit und in seiner reinen Brust eine ideale Liebe wohnte. Die drei Kinder liebten und umarmten sich unter seinen Augen wärmer, wie vor der Venus Urania die Grazien einander umschlingen: sie trugen sogar alle einen Namen, wie die Otaheiter aus Liebe ihre Namen tauschen.
Als sie einige Reife hatten, kam der Lord, um sie samt Dahore nach Deutschland einzuschiffen. Aber vor der Abfahrt bekam der Infant die Blattern und wurde blind – und Dahore musste mit ihm zur ängstlichen weinenden Lady umkehren. Viktor hatte sich lange und sprachlos an den Hals des kranken Freundes gehangen und um Dahores Knie geschlungen und wollte von den zwei Geliebten nicht scheiden; aber der Lord schied sie. – Flamin und Viktor wurden dann in Flachsenfingen erzogen, jener zum Juristen, dieser zum arzt.
– Es sind in der Kürbisflasche Spitzius Hofmanns einige Unwahrscheinlichkeiten; aber der Hund muss für das stehen, was er liefert. jetzt geht die Historie wieder geradeaus.
Der Lord entfernte sich, unter dem Kanonenlösen der löcherichten Garnison, mit Viktor in ein anderes Zimmer, und sein erstes Wort war: "Binde mich ein wenig auf und lasse deine Hand in meiner, damit ich deine Aufmerksamkeit bemerken kann; denn ich habe dir viel zu sagen." Guter Mann! wir merken es alle, dass du zärtlicher bist, als du scheinen willst, und wir loben es alle; nicht Kälte, sondern Abkühlung ist die grössere Weisheit; und unser innerer Mensch soll, wie ein heisser Metallguss in seiner Form, nur langsam erkalten, damit er sich zu einer glättern Gestalt abründe: eben darum hat ihn die natur – wie man für Bildmetall die Form erwärmt – in einen heissen Körper gegossen.
Er fuhr fort: "Ich habe, mein Teurer, in meiner Blindheit nur leere Briefe an dich diktieren können; ich wollte erst für deine Ankunft meine Geheimnisse aufsparen. Eine kleine Pulververschwörung beobachtet mich." Viktor unterbrach ihn mit der Frage, wie er so plötzlich blind geworden. Der Lord antwortete ungern: "Das eine Auge war es wahrscheinlich schon vor deiner Abreise nach Göttingen, aber ich wusst' es nicht."
"Aber das andere?" sagte Viktor. Über das Angesicht des Lords strich der kalte Schatten eines begrabnen Schmerzes; er sah den Sohn lange an und antwortete wie zerstreut und eilig: "Auch! Ich sehe dich an, du kommst mir viel länger und grösser vor." "Das ist vielleicht" (versetzt' er, denn er erriet ihn) "AugenTäuschung der empfindlichern Netzhaut8. – Sie sprachen von der Pulververschwörung." – "Diese hat erfahren," (sprach der Lord weiter) "dass der Sohn des Fürsten nicht in London sei; sie vermutet sogar, dass die Blattern absichtlich damals inokuliert wurden – und der Fürst spricht täglich von dem Augenblick, wo ich ihm seinen Sohn wiederbringe: er weiss vielleicht jene Vermutungen. Ich musste meine Abreise nach London auf meine Heilung verschieben. jetzt reis' ich in kurzem ab nach England, wo der Sohn nicht ist, und hole seine Mutter; ihn bringe ich anders woher und mit ebenso guten Augen, als du mir gegeben hast."
"Dann", fuhr Viktor heraus, "wird der beste Mann nicht gestürzt, wohl aber seine Feinde."
"Nein, ich bin vorher gestürzt, um mich wie du auszudrücken. – Aber du hast mich unterbrochen. Ich habe nie den Mut gehabt, andere Leute zu unterbrechen als Toren. – Denn meine Abwesenheit will man eben."
Ich als bestallter Historiograph frage nichts nach allem und unterbreche, wen ich will. Einer, den man unterbricht, kann zwar spassen, aber nicht mehr beweisen. Der auf den Plato gepelzte Sokrates, der keinen Sophisten ausreden liess, war eben darum selber einer. In England, wo man noch Systeme unter den Weingläsern duldet, kann sich ein Mann so sehr ausbreiten wie ein Royalbogen; in Frankreich, wo sich die Brille