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streichen. Die Kammerfrau wurde fortgeschickt, die Zubereitung des Rezeptes zu besorgen oder zu befehlen, nachdem sie vorher ein schwarzes Taftband mit dem Äpfeln-Überschlage um zwei der schönsten Augen vorgebunden hatte, die einer angenehmern Binde und Blindheit würdig waren. Ich bin lebhaft, wenn ich schreibe: der Überschlag schien aus dem Apfel der Schönheitund das schwarze Band aus aneinander gestossenen Schminkmuschen gemacht zu sein. Der Pater ging auch fort, sobald er die Hoffnung der baldigen Heilung vom Doktor hatte. Für den Medikus war es aber wahrhaftig jetzt kein Kinderspiel, einem italienischen Rosen- und Madonnengesicht gegenüber zu sitzennoch dazu so nahe, dass er den Atem flüstern hören kann, nachdem er ihn vorher wachsen sehen konnteeinem Gesicht gegenüber zu halten (mein' ich, war kein Spiel), auf dem Rosen den Lilien eingeimpfet sind wie Abendröte den lichten Mondwolken, und das ein malerischer Schatten, nämlich ein schwarzes Ordenband, eine priesterliche Kopfbinde, ein wahrer postillon d'amour, so schön zerteilt und hebtein zugebundnes Gesicht, das er recht bequem in einem fort anschauen kann, und das sich (in einer malerischen Halbstellung) auf das Kopfkissen und auf die Hand, ihm zugerichtet, stützt.....

Ich hätte eine Steigerung versuchen und bei Sebastians Seele anfangen sollen, die heute aus ihrer eignen Schwermut, aus ihren Sorgen, aus ihrer durch die Zeuselsche Verleumdung vergrösserten Liebe für Agnola lauter Schönheitlinien und flüssige Tuschen machte, um damit in dessen eigenes Gesicht ein so schönes neues hineinzumalen, als je eine schöne Seele eines auf Leinwand, oder am eignen Kopf, oder an einem fremden erschaffen hat.

Agnola machte wohl diese Bemerkung eher als ich.

Es tat freilich dem Paare schlechten Vorschub, dass es unter nicht vier Augen (denn Agnola war zugehangen), sondern unterzwei Augen war; denn die beiden andern Augen der Hofdame im Kabinett, aus denen Viktor nicht eher klug werden konnte als jetzt, da die fürstlichen zu waren und er ohne fragen durch Blicke und Anlächeln das starre Ding auf dem Sessel drinnen im Kabinett untersuchen konnte, waren wahrhaftig gemalt und der Rumpf dazu, der sie trug.

Es frappierte ihn jetzt, dass er wider alle Hofordnung allein bei der Fürstin sein durfte; aber er sagte sich, sie ist eine Italienerin eine Patientineine kleine schöne Phantastin – (letztes war sogar aus dem ungewöhnlichen Winternegligé und Sizilien-Feuer ersichtlich). – Er konnte bisher (und auch heute vor dem Verbande der Augen) den rechten Ton gar nicht bei ihr treffen; denn da sie zu fein war für eine Deutsche, zu wenig zärtlich für eine Engländerin, zu lebhaft für eine Spanierin: so hätt' er auf sie freilich geschrieben p. p. p. (passé par Paris, welches auf den über Paris gelaufnen Briefen steht), er hätt' es, sag' ich, wäre sie nicht wieder zu innig-leidenschaftlich gewesen für eine Pariserin. Daran stiess sichs. – Aber da zwei Menschen sich mutiger und freier unterreden, wenn einer oder beide im Finstern sitzenund Agnola sass da –: so war Viktor doch heute nicht ganz und gar so einfältig wie ein Schaf. Noch dazu machte ihn der Kleinodienschrank beherzt, in dem ersie konnte' es nicht sehen, dass er unhöflich herumsahzu seiner Freude unter 20 Uhren keine montre à regulateur ausfand. Sie fragte ihn, ob sie bis zum dritten Feiertage so hergestellt sein werde, dass sie zum Vergnügen des Fürsten auf dem Balle etwas beitragen könne. Er bejahete es, ob er gleich wusste, sie trüge noch mehr bei, wenn sie wegbliebe, und ob sie gleich dasselbe wusste. – Hier dauerte sie ihn, und er wollt' ihr alles offenbaren. Er wollte nicht etwa plump sagen: "In Grosskussewitz liess ich mich vom Teufel breitschlagen, dass ich in die Uhr Ew. Durchlaucht einen Liebesantrag eingeschwärzet"; sondern er wollte im schönsten Seelenergusse mit dem pochenden Busen niederfallen und sagen: "Nicht aus Furcht der Strafe, sondern aus Furcht, dass das Geständnis meines Fehlers einige Ähnlichkeit mit der Wiederholung desselben erhalte, hab' ichs bisher verborgen, dass ich einmal eine Hochachtung, in der ich nur Ihren Hof, und nicht den Gebieter desselben nachahmen darf, weniger zu stark als zu kühn ausgedrückt habe; aber die Stärke der Gefühle wird leicht mit der Rechtmässigkeit derselben verwechselt."

Er setzte dieses Niederfallen noch aus, weil er hinter der Gardine einen goldnen Streif wahrnahm, der der Anfang eines Bilderrahmens zu sein schien. Dieses Einfassgewächs musste doch um etwas herumlaufen, um ein Bild, mein' ichund das wollt' er gern wissen.

Der verdammte Hofapoteker samt seiner Verleumdung hatte' es zu verantworten, dass er das wollte; nicht als ob er glaubte, dass Matzens Gesicht umgoldet hinter dem Bette hinge: sondern weil ihm heute allerlei aufgefallen war. Er konnte' es, da ihres Auges Tapetentür und Sprachgitter schwarz verhangen war, recht leicht machen: er durfte nur die linke Hand leis' auf die Bettkante aufstemmen und so, hineingebogen und über ihr mit gehaltenem Atem schwebend, mit der rechten über das Bette (es war schmal und er lang) hinübergreifen und die Gardine ein wenig zupfen so wusst' er, was dahinter hing. Ich sag' es noch einmal: ohne den Apoteker wär's ihm gar nicht eingefallen. Ein Verleumder macht, dass man wenigstens jede Handlung