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in ihren Gärtenauf jedem Quark eine Landschaft, die sie nie betreten, einen Salvator Rosa-Felsen, den sie nie besteigen, gern sitzen sehen... ich sage, weil unter so vielen Gründen, warum sie es tun und der alten natur dieses jus imaginum einräumen, der wahre nur von einem Extrablättchen auszuklauben wäre, indem nur ein solches es weitläuftig entscheiden könnte, ob es davon komme, dass ihnen die natur, wie einem Liebhaber die Geliebte, bei der ewigen Trennung ihr Bild geschenktoder davon, dass die Künstler ihnen, wie den alten Göttern, das gerade am liebsten bringen und opfern, was sie hassenoder dass sie dem Kaiser Konstantin gleichen, der zur nämlichen Zeit das wahre Kreuz abschaffte, und die Abbildungen desselben vermehrte und heiligteoder dass sie aus feinerem Gefühl das dauerhafte, aber musivische Gemälde der natur, in welchem ganze Bergrücken die musivischen Steinchen sind, den zärtem, aber kleinern Vexierbildern der Künstler nachsetzen müsstenoder dass sie Leuten glichen (wenn es solche gäbe), die auf den Teatervorhang sich die ganze Oper mit allen Dekorationen abmalen liessen, um sich das Aufziehen des Vorhanges und das Beschauen der Akte zu ersparen – – – Und doch, wenn das Extrablättchen mitten im Entscheiden wäre, würde jeder aus Hundhunger nach blossen Vorfällen Reissaus nehmen und auf nichts auslaufen als auf die Fortsetzung der Vorfälle und auf

das Ende des Extrablattes.

Die Fürstin hatte zwei Verhüllungen, wovon er die eine sehr liebte und die andre sehr hasste. Die geliebte war ein Schleier, der für ihre wunden Augen eine Heilbinde war; ihm aber war einer die Folie und Fassung des weiblichen Gesichts, und er machte sich anheischig, den Satz als Respondent und Präses zugleich zu verteidigen, dass die Tugend nie besser mit Schönheit belohnet werde als in St. Ferieux bei Besancon: denn beim Sittenfeste bekommt dort das beste Mädchen einen Schleier zu 6 Livres. – Die verhasste Verhüllung waren die Handschuhe, gegen die er überall seinen Fehdehandschuh hinwarf: "Eine Frau"sagt' er im Hannöverischen – "wag' es einmal und ziehe gegen mich von Leder, nämlich ihre Hand, und verfechte damit ohne hülfe der Esaushände die Esaushände und sage, man muss sie nicht abziehen als im Bette. Anziehen müsste man sie höchstens da, könnt' ich versetzen; aber ich werde aufragen: zu was dienen denn am Ende die schönsten hände, die ich sehe, wenn sie immer unter den Flügeldecken liegen, als wären wir Männer persische Könige? Und ist es dann zu streng, wenn man Personen, die solche nachgemachte hände von Leder oder Seide tragen, ins Gesicht sagt, sie glichen der Mediceischen Venus, sogar bis auf die Hände77? Man antworte!" –

Überhaupt ist in diesem dunkeln grünen Kabinett fast alles Agnolas schöne römische Schultern ausgenommenzugehüllt; sogar zwei Heiligenbilder warens. Denn ein gemaltes Marienbild mit einer wahren metallischen Kronees sollte kein Sinnbild der Regenten mit Vexier-Köpfen unter echten Kronen seindeckten die Zedern der Bette-Federbüsche zu; und über einen sehr hübschen heiligen Sebastian von Tizianaus dem Palast Barbarigo in Venedig kopiert – (der Mann sah mit seinen Pfeilen wie ein Stachelschwein aus und hing doch neben ihrem Kopfkissen) hatte sie die Bettgardine weiter vorgezogen, als sein Namenvetter ohne Pfeile kam, der mehr anbetete als angebetet wurde. Viele versicherten mich seitdem, es sei ein Sebastian von van Dyk aus der Düsseldorfer Galerie gewesen; aber weiter unten werde' ich zeigen, warum nicht.

Ausser einem weiblichen Auge, das hinter einem Schleier ruht, gibts nichts Schöneres als eines, das (hier hat der Teufel sechs ende-S hintereinander) ihn gerade wegleget. Dem armen Doktor schlug eine solche schöne Glut entgegenda er als Okulist verfahren wollte –, dass er sogleich als Protomedikus ihres Kopfes verfuhr, um an ihre Hand zu fühlen und sich dadurch zu retten. Denn während sie den HandschuhKallus von ihrer Handes waren aber nur halbe Handschuhe mit nackten Fingern oder halbe Flügeldecken, d.h. hemipteraherunterzupfte: so war der Doktor, weil sie darauf hinsehen musste, in der grössten Sicherheit von der Welt, und das griechische Feuer fuhr ganz neben ihm vorbei. Daher ist recht mit Bedacht in die Feuerordnung der Moral ein ganzer, fast zu langer Artikel hineingesetzt, ders jungen Mädchen verbietet, mit den Augen frei wie mit blossem Lichte in dem Besuchsaale herumzugehen, weil so viel brennbares Zeug darin stehtwir sämtlich –, sondern sie müssen solche in einen Strickstrumpf oder Nährahmen oder in ein dickes Buch – z.B. in die Hundposttagestecken wie in eine Laterne.

Es ist wahrlich ein Jammer: seit ich und das Publikum im fürstlichen Zimmer sind, folgt eine Ausschweifung nach der andernich meine Sternische. –

Der fürstliche Puls ging noch etwas erhitzter als dessen seiner, der ihn hier beschreibt. Sie hatte kurz vorher, eh' er kam, einen warmen Verband aus zerbratnen Äpfeln von den Augen abgenommen. Sie begehrte einen Zwischenverband, indes man das zubereiten würde, was der Doktor verordnete. Er konnte aber jetzt in der Nacht, bei diesem Wirrwarr des Helldunkels, in allen vier Kammern seines Gehirns und in den acht kleinern Gehirnen der vierten Gehirnkammer keinen Augendoktor auftreiben als den Doktor v. Rosenstein, welcher darin aufstand und ihm riet, er solle raten, Safranpulver, ein 5tel Kampfer und zerschmolzene Winteräpfel auf gezupfte feine Linnen zu