Osterheiligenabend dem Regierrat dahin gefolgt (und dem Lebensbeschreiber wär's so lieb gewesen wie ein Osterfladen, weil er der Städte und Höfe auf dem Papiere übersatt ist); aber der Genius der zärtlichsten Freundschaft winkte ihm, nur wenigstens bis den ersten Ostertag Flamins und Klotildens wegen, welche beide einander so lange entbehret und so sehnlich gewünschet hatten, sich wechselseitig neue Wunden nun mitbringend, zurückzubleiben, gleichsam als woll' er fragen: "Die ersten Freudenblicke dieser so lange auseinandergedrängten Geschwister wird doch mein unglücklicher Sebastian nicht stören wollen?" – Wahrlich, nein! antwortete seine Träne.
Die Stadt war nun von seinen Geliebten ausgeleert – die Leidenwoche war eine wahre für ihn – nicht einmal die Fürstin, gleichsam die Elektrizitätträgerin seiner auf sein eigenes Herz zurückgewehten Liebeflamme, war ihm seit langen erschienen – denn mit dieser Stimmung konnte' er nicht zu Joachimen gehen – – – als ihn der Pater der Fürstin, die heute bei ihm (am heiligen Osterabend) gebeichtet hatte, besuchte und vor ihm einen Wundzettel ihrer Augen entfaltete und ihn freundlich schalt, dass der Hofbeichtvater dem Hofmedikus Sünden, statt zu erlassen, vorzurücken habe. "Ich wollte morgen verreisen", sagte Viktor – "Gut!" sagte der Pater, "die Fürstin verlangt schon heute Ihre hülfe."
Auf dem Wege zu ihr sagt' er zu sich: "Hat denn Tostato das Osterbeichten verschworen, dass er jetzt abends noch nicht da ist? und wo wird ihn der Henker morgen haben?" – "Hier!" antwortete – Tostato hinter ihm. – So einen lustigen Bussfertigen hatte noch keine Sakristei gesehen. Das Freuden- und Teufelsund Beichtkind sagte die Ursache seines frohen Tobens: "die Fürstin hab' ihm als Landsmann heute das halbe Gewölbe ausgekauft." – Eh' Viktor auf seinem Gesicht die ernstaften Mienen in Reih und Glied gestellet hatte, mit welchen er ihm die Bitte um Verschweigung seines kaufmännischen Vikariats tun wollen, ich meine die Buden-Verwaltung: so erfreuete ihn der springende Beichtsohn mit der Nachricht, dass die Fürstin nach seinen und ihren Landsleuten, nach seinen Associés, gefragt, und dass er ihr gar nicht verborgen, dass einer einmal das letzte ohne das erste gewesen – nämlich ihr Hofmedikus selber. – "Donner!" sagte der....
Der arme Narr von Kaufmann meint' es gut, und es war weiter nichts anzustellen als die Untersuchung, ob nicht Agnolas fragen Zufall gewesen – ob sie die Uhr noch habe, oder je aufgemacht, ob kein Wind die Lieberklärung als einen verschwisterten Wind fortgetrieben. – –
Bedenklich bliebs, dass gerade der Pater und der Kaufmann, gerade die bösen Augen und die guten Nachrichten in einen Tag zusammenfielen; in diesen 30sten März, in den Osterabend. Da dieser Besuch für meinen Helden sehr merkwürdig ist: so bitte' ich jeden, sich recht bequem zu setzen und die vom Buchbindergolde verpichten Blätter dieser Erzählung vorher aufzuspalten und achtzugeben wie ein Spion. –
Als Viktor im schloss war: stiess ihm der Pater auf, welcher sagte, er gehe auch mit. Es war ein Glück; denn ohne diesen Wegweiser hätt' er schwerlich den Pfad durch ein Labyrint von Zimmern in das veränderte Krankenkabinett gefunden. Und mit ihm ging wie ein Kibitz die sorge durch alle Gemächer, er werde auf dem gesicht der Fürstin ein Klaglibell gegen das eingesperrte billet doux erblicken; aber nicht einmal ein Anfangbuchstabe oder das Rubrum eines Urteils stand auf ihrem gesicht, als er vor sie trat, und seine Wetterwolke war seitwärts gegangen. Wenigsten stiess eine, die über der Fürstin selber hing, seine ab; sie war nämlich krank, aber nicht an Augen bloss, und eine zweite Botschaft, die ihn holen sollte, hatte' ihn nur verfehlt. Sie empfing ihn im Bette – nicht ihrer Krankheit, sondern ihres Standes wegen: denn für Damen von einigem Range ist das Bette das Hoflager – die Moosbank- der Hochaltar – die Königpfalz – kurz der Fürstenstuhl und Sessel. Wie der Philosoph Descartes, der Abt Galiani und der alte Shandy, so können sie in diesem Treibhaus am besten denken und arbeiten. Ob sie gleich im Bette lag, so war sie, wie gesagt, doch nicht gesund, sondern von Kopfund Augenschmerzen angefallen. Daher hatte sie von ihrer fortgeschickten Dienerschaft für heute nichts behalten als eine Kammerfrau, die sie sehr liebte, und die Mücke an der Wand, die sie irrte, und unsern Doktor, der eines von beiden unterliess. Ich hätte eine im offenstehenden Bilderkabinett sesshafte Hofdame gerne mitgezählet; aber sie sass so stumm und unbeweglich draussen, dass Viktor schwur, sie ist entweder ein Kniestück oder – eine Deutsche – oder beides. Es ersparte den verbrühten Augen der Fürstin ebensoviel Schmerzen, dass der grüne Lichtschirm und die grünen Atlastapeten und die grünen Atlasgardinen im Krankenkabinett ein wogendes blaues Helldunkel zusammengossen, als es gesunden Augen Vergnügen verschaffte. Eine einzige Wachskerze stand auf einem Leuchter, den alle Jahreszeiten einfassten, nämlich abgebildete – über welche Sitte der Grossen, die natur immer nur in Spielmarken, in effigie und durchs Kopierpapier, nie in natura selber zu geniessen, ich hier weder meine Meinung noch die Gründe sagen kann, weil ein ganzes
Extrablatt
vonnöten wäre, um nur unter so vielen möglichen Gründen, warum sie überall – auf den Tapeten – auf den dessus des portes – des trumeaux – des cheminées – auf den Vasen – auf den Leuchtern – auf den plats de menage – auf den Lichtscher-Untersätzen