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gleich der Tod seiner Schwester (der beerbten Giulia) ein wenig entschädige. Daher liebe die Fürstin Klotilden, da deren Heurat mit Mattieu nur eine Sache des Interesse sei. Käm' es aber wirklich zu einer Vermählung, wie wahrscheinlich sei, da Mattieu sie schon durch Grobheit dem Kammerherrn abnötigen würde".... (Es ist ein eigner Zug des Evangelisten, dass er gegen Schwache grob und oft gegen dieselbe person rauh und wieder fein war) – "so könnte jener und Jenner sich im wechselseitigen Vergeben üben; und das Band der Freundschaft würde sich auf einmal um vier Personen in verschiedenen Schleifen wickeln. Diese vierfache Verkettung risse dann keiner mehr auseinander, und alles ginge zum Teufel. Der einzige Maschinengott, der die Knüpfung dieses Knotens noch verhüten könnte, sei derHerr Hofmedikus. Ihm versage Herr Le Baut vielleicht die Tochter nicht, da er ihr zum Hofdamenamt verholfen – 'welches damals, da ich mich Ihnen nicht deutlich erklären durfte, gerade meine wahre Absicht war, die Sie ebensogut errieten als ausführten' – und da das Schicksal des Sohns (Flamins, der nach der allgemeinen Meinung noch verschollen war) ja in den Händen Sr. Herrlichkeit stehe. Auch zweifle er am Gewinnen der Fürstin nicht, da er (der Doktor) bisher ihre Gunst besessen, und sie ihn dem Doktor Kuhlpepper vorgezogen. Durch den Verlust Klotildens und Agnolas wären den Schleunesschen die Flügel beschnitten."...

Schurke! hätte hier Flamin geflucht; aber Viktor, der glaubte, diesen moralischen Staubbesen verdiene nur ein ganzes Leben, nie eine Handlung, und der mit der grössten Unduldung der Laster eine zu grosse Duldung der Lasterhaften verband, dieser sagte, aber mit mehr Hitze, als man nun vermuten wird: "O du gute Fürstin! die deutschen Skorpionen sitzen um dein Herz und stechen es zur Wunde und giessen als Balsam Gift in die Wunde, damit sie niemals heile! – Abscheuliche, abscheuliche Verleumdung!" Viktor lobte und verfocht gern seine Freunde zu lebhaftund zwar aus Neigung zum Gegenteil; denn da er bei seiner eignen Ehre die Belobbriefe seines Gewissens den Schandgemälden der Welt ruhig und stumm entgegensetzte, so wär's zwar seine Neigung gewesen, die Ehre seiner Freunde so kalt zu verteidigen wie seine eigne, aber es war Gehorsam gegen sein Gewissen, es (trotz dem Gefühle der Entbehrlichkeit) mit der grössten Wärme zu tun.

so Das höfische und triumphierende Lächeln Zeusels war eine zweite Verleumdung; der Tropf hielt Viktor für ein Zifferblatt oder Stundenrad bei der Sache und sich für den Perpendikel. Daher sagte Viktor mit einem aus Wehmut und Stolz gemischten Unwillen: "Meine Seele erhebt sich zu weit über eure Hof-Kleinigkeiten, über eure Hof-Spitzbübereien, mich ekelt euer Kram unaussprechlich. – O du edler Geist in Maiental!" – –

Er ging mit durchschnittenem Herzen wegder Nachtwächter, der ihn allemal im höhern Sinne an die Zeit und an die Ewigkeit dazu erinnerte, rief seines Lehrers Gestalt vor seine weinende Seele undKlotilde mit ihren blassen Mienen kam mit und sagte: "Siehst du noch nicht ein, warum ich so bleiche Wangen habe und so schnell in das fromme Tal Emanuels ziehe?" – und Joachime tanzte vorüber und sagte: "Ich lache Sie aus, mon cher!" – und die Fürstin verhüllte ihr unschuldiges Gesicht und sagte aus Stolz: "Verteidige mich nicht!" –

Der Leser kann sich leicht denken, dass Viktor den Namen Klotilde für zu gross hielt, um ihn nur in einer solchen Nachbarschaft über die Lippen zu bringenwie die Juden den Namen Jehova nur in der heiligen Stadt, nicht in den Provinzen auf die Zunge nahmen. Seine Seele heftete sich nun an den Nachflor seiner Liebe, an die von Zeuseln besprützte Agnola. Es war ihm erwünscht, dass gerade jetzt der Kaufmann Tostato aus Kussewitz ankommen musste, um seine katolische Osterbeichte in der Stadt abzutun: er konnte bei ihm doch auf Verschwiegenheit über die Maskopei-Rolle in der Bude dringen, damit er der gemisshandelten Fürstin wenigstens den Schmerz über eine gutgemeinte Beleidigung, über die in die Uhr eingeklebte Lieberklärung, ersparte.

27. Hundposttag

AugenverbandBild hinter BettevorhangGefahr

für zwei Tugenden

Klotilde ging in der Leidenwoche, unter Liebkosungen von der Fürstin entlassen, nach St. Lüne. In der Osterwoche trägt sie ihr Herz voll bedeckter Sorgen nach Maiental zu ähnlichern Seelen, wenn sie vorher durch die Vorhölle gegangen, nämlich durch einen schimmernden Ball, den ihroder höflicher zu reden, der Fürstinder Fürst am dritten Osterfeiertage gibt.... Ist diese Blume mit dem Melonenheber des Todes oder Schicksals aus meinen biographischen Beeten ausgestochen und versetzt: so werf' ich die Feder weg und prügle den Spitz zurückich habe mich so sehr an sie gewöhnt wie an eine Verlobte: wo treib' ich am hof wieder einen weiblichen Charakter auf, der wie ihrer heilige und feine Sitten verbindet, Himmel und Welt, Tugend und Ton, ein Herz, welches (ist es anders mit etwas Kleinem zu vergleichen erlaubt) der unsern Helden ängstigenden und auch wie ein Herz aussehenden montre à regulateur ähnlich ist, welche mit dem Zeiger der Hofstunden einen Zeiger der Sonnenstunden und den liebenden Magnet verknüpft?

jetzt sind wir noch die ganzen Osterfeiertage beisammen; denn Sebastian muss zum Pfarrer Eimann, um ihn und die britischen Drillinge und seine liebe Kaplänin und mehr liebes zu sehen. Er wäre gern schon am