der seinen Kopf abgedeckt und kalt angeweht fühlte, richteten sich die wenigen natürlichen Haare auch empor vor Schrecken, wie die künstlichen; und als er sich mit dem kahlen Scheitel umdrehte, um der Kreuzerhöhung seines Haarwuchses nachzusehen, liess sein Zwillingbruder (um nicht entdeckt zu werden) das ganze härene Meteor, das dem Haar der Berenice im Himmel nachwollte, gar unter die Leute herunterfallen vor seinem gesicht vorbei und sah gelassen herab auf die Kulmination im Nadir, wie die ganze Galerie. – –
Während unserer Erzählung haben die Zwillinge einander geprügelt. Der Erstgeburt-Akzessist rief draussen auf dem mit Nacht überdeckten Flachsenfinger Weg in einem fort: "Herr Hofapoteker!" Und da er keine Antwort vernehmen konnte, musst' er mit dem Hörrohr an jedes Ding, ob es etwa rede, stochern. Endlich stiess sein Visitiereisen an die Erstgeburt, und er ging hin, um sie um Vergebung und Retour zu ersuchen. Aber der Apoteker war dermassen im Kochen und Sprudeln, dass er, als der Balgtreter seinen Kopf unterhielt, um dessen Antwort einzuholen, seine Hand in eine Kugel anschiessen und sie wie einen Glockenhammer auf die Pfeilnaht des untergehaltenen Hauptes fallen liess, worauf die Täucherglocke einen ordentlichen Ton angab. Der Apoteker würde, wenn man ihn recht verstanden und ihm Zeit gelassen hätte, durch diesen Zainhammer die Suturen auf dem tauben haupt um vieles vorgehoben haben; aber so störte ihn sein eigner Bruder, der ihn am kopf- denn der Balgtreter würde seine Finger als Schmucknadeln in die künstlichen Haare gelegt und ihn daran gelenkt haben, wäre die Perücke am kopf festgemacht gewesen – wie ein Gesträuch niederbog, um sein Hörrohr als ein zweites Rückgrat so stark und doch so behutsam über des Zwillings erstes zu legen, dass niemand komplizierte Frakturen davontrug als der Hörstab. – Darauf sagte er gute Nacht und empfahl ihm, sich links zu halten, um nicht irrezugehen....
– Hätte ich gewusst, dass diese geschichte so viele Blätter überschatten würde, ich hätte sie lieber weggeworfen. Am andern Morgen stattete der unverschämte Mattieu einen Besuch beim Kreuzträger ab, an dessen Händen jetzt das vom Zorn reifgewärmte Chiragra glühte; er wollte – weil er jeden Tadel seiner Unverschämteit mit einer grösseren beantwortete – die gichtbrüchigen hände zu neuen Katzenpfoten machen, um frische Spass-Kastanien aus dem Feuer zu nehmen. Aber der Apoteker, dessen Herz nur klein, aber doch nicht schwarz war, fühlte sich zu sehr gekränkt, und als Mattieu, über seine Klagen lachend und schweigend, von ihm ging, ohne sich nur die Mühe einer Entschuldigung zu geben: so schwur der Chiragrist, ihn – da haben wir wieder den Narren – zu stürzen.
Tritt wieder auf, mein Viktor, ich sehne mich nach schönern Seelen, als dieses Gebrüder Narren da hat! – Niemand von uns lebt und lieset so in den Tag hinein, dass er nicht wüsste, in welcher biographischen Zeitperiode wir leben: es ist nämlich acht Tage vor Ostern, wo Zeusel auf dem Krankenbette und Klotilde auf dem Wege nach St. Lüne ist. – Flamin hinterbrachte unserm Viktor den Spass mit dem kranken Zeusel. Er missfiel ihm gänzlich, so wie ihn Schriften wie der Antihypochondriakus, das Vademekum oder die mündlichen Erzähler gedruckter Spässe – die fadesten aller Gesellschafter – ekelten. Er konnte nie eine Tierhatze zwischen zwei Narren anlegen: nur der Entwurf eines solchen Schlachtstücks kitzelte seine Laune, aber nicht die Ausführung, so wie er Prügelszenen gern in Smollet (dem Meister darin) las und dachte, aber niemals sehen mochte. Sogar von den KörperBonmots und Hand-Pointen am fremden leib dachte' er zu geringschätzig, die ich doch den stummen Witz (wie stumme Sünden) nennen möchte, und die das wahre attische Salz kleiner Städte sind; denn wahrer Witz, dünkt mich, muss sich wie das Christentum nicht in Worten, sondern in Werken offenbaren. Er sah unsere Torheiten mit einem vergebenden Auge, mit humoristischen Phantasien und mit dem ewigen Gedanken an die allgemeine Menschennarrheit und mit schwermütigen Schlüssen an. Sobald er den bösen Punkt ausnahm, dass Zeusel sich jedem Edelmann zum Miettier so lange, bis ihn dieser zurückprügelte, vorstreckte, wie man in Paris Schosshunde zum Spazierengehen mieten kann: so hatte' er gegen dessen Eitelkeit, da sie zumal in andern Fällen gutmütig, freigebig und oft sogar witzig war, wenig einzuwenden. Niemand ertrug Eitelkeit und Stolz liebreicher als er: "Was hat denn der Mensch davon," sagt' er viel zu lebhaft, "wenn er kein Narr ist, oder wo soll er denn aufhören, demütig zu sein? Entweder zu gut oder gar nichts müssen wir von uns denken."
Viktor stattete also bei seinem Hausherrn zugleich einen freundschaftlichen und einen ärztlichen Besuch mit seiner teilnehmenden Seele ab. Diese Gesinnung griff herrlich in den Plan des Apotekers ein, den Doktor anzuwerben, damit er gegen Matzen diene. "Dazu brauche ich nichts," (sagte Zeusel zu Zeusel) "als dass ich ihn die Intrigen, die das Schleunessche Haus gegen ihn spielet, sehen lasse, denn er ist ohne mich nicht raffiniert genug dazu." Denn er hält überhaupt den Helden der Hundposttage – ders auch willig litt – ein wenig für dumm, bloss weil dieser gutmütig, humoristisch und gegen alle Menschen vertraulich war. In der Tat gab ihm das Leben in der grossen Welt zwar geistige und körperliche Gewandteit und Freiheit, wenigstens grössere; aber eine gewisse äussere Würde, die er an seinem Vater, am Minister