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, mit dem er es schon seit vielen Jahren gegen etwas Gewisses ausgemacht hatte, dass sie einander in Gesellschaften gar nicht kennen wollten. Der Balgtreter begriff ohnehin aus Einfalt gar nicht, wie ein so vornehmer Mann wie Zeusel sein Bruder sein könnte, und verehrte ihn im stillen von weitem; nur eine Sache vertrug er nicht, trotz seiner blödsinnigen Geduld, die, dass sich der Apoteker für den Erstgebornen ausgab: "Bin ich nicht", sagt' er, "um eine Viertelelle länger und eine Viertelstunde älter als er?" Er schwur, in der Bibel sei es verbaten, seine Erstgeburt zu verkaufenund er war dann wie alle, denen eine dumme Geduld ausreisset, nicht mehr zu bändigen.

Der Apoteker bemerkte nach dem ersten Schrekken über den dastehenden Bruder mit Vergnügen, dass niemand seine Verbrüderung kenne; er wollte es daher auch nachtun und foderte vom Bruder-Bedienten so kalt wie jeder, zu trinken. Der Balgtreter besah, indem er den Kopf niederbog, damit der Bruder oben darüber die Befehle gäbe, mit Erstaunen und wahrer achtung die silbernen Gattertore und Beinschellen auf den Füssen seines Verwandten und dessen Hüftgehenk von Stahl-Girlanden der Uhren. Zeusel hätte sich gernwäre dem Junker zu trauen gewesen- gegen die Briten angestellt, als betrög' er sich und hielte des Tauben Bücken für übertriebene Kriecherei gegen Hofleute; er wäre dann imstande gewesen, dazuzusetzen, der Opistotonus gegen Niedere sei derselbe Krampf wie der Emprostotonus74 gegen Höhereaber wie gesagt, der Henker traue Hofjunkern!

Die Briten indessen nahmen den Narren samt seiner Geldbörse am Hintern kaum wahr und wunderten sich bloss, was er da wolle. Ihre republikanischen Flammen schlugen mit Flamins seinen zusammen, und zwar so, dass der Hofjunker sie für Franzosen und für Reisediener und Zirkularboten der französischen Propaganda würde genommen haben, wenn er nicht geglaubt hätte, nur ein Narr könne eine versuchen und eine glauben. Mattieu hatte Scharfsinn, aber keine GrundsätzeWahrheiten, aber keine WahrheitliebeScharfsinn ohne GefühlWitz ohne Zweck. Er war heute nur darauf aus, durch losgezündete Streifschüsse den Apoteker immer in der Angst zu befestigen, irgendeine Ideenverbindung werde ihn den Augenblick auf den dastehenden Bruder lenken. So legt' er recht glücklich nebenher den armen Hasenfuss auf die Folter des "gespickten Hasens", als er ironisch für den Nepotismus focht. "Die Päpste, die Minister" (sagt' er) "geben wichtige Posten nicht dem ersten besten, sondern einem mann, den sie genau geprüft haben, weil sie mit ihm fast auferzogen wurden, nämlich einem Blutfreund. Sie denken zu moralisch, als dass sie nach ihrer Erhebung ihre Verwandten nicht mehr kennen sollten, und sie halten den Hof für keinen Himmel, wo man nach seiner in die Hölle verdammten Magenschaft nichts fragt. Weil ein Minister so viel verdauen kann wie ein Strauss: so wundert man sich, dass er nicht auch wie ein Strauss seine Eier voll Anverwandten in den Sand und vor die Sonne wirft und ihr Aufkommen nicht dem Zufall anvertrauet. Aber nichts verträgt sich weniger mit dem echten Nepotismus als dies; ja selber der Strauss brütet zu Nacht und in kältern Orten persönlich und unterlässet es nur dann, wo die Sonne besser brütet: so sorgt auch der Mann von Einfluss nur in solchen Fällen für seine Vettern, wenn grosser Mangel von Verdiensten es fodert. Ich gesteh' es, die Moral kann so wenig Nepotismus wie Freundschaften gebieten; aber das Verdienst ist desto grösser, wenn man ohne alle moralische Verbindlichkeit mit seinem Stammbaum gleichsam die halben Tronstufen überdeckt." – Dieser satirische Hüttenrauch und Schwaden nahm die Briten für ihn ein, zumal da der Rauch edle Metalle voraussetzte, nämlich die höchste Unparteilichkeit bei einem Sohne, dessen Vater Minister war.

Da der Apoteker das Souper zerlegteMatz hatte' ihn ersucht, le grand escuyer tranchant zu sein –, so passte sein Freund es ab, bis er einen grossen Trutahn an der Gabel hatte, um ihn in der Luft, wie Reiher die Fische, und noch dazu italienisch zu zerfällen; dann nahm der Edle seinen Weg über den Partage-Trutahn und über Polen durch die Wahlreiche, bis er in den Erbreichen anlangte, wo er stille lag, um da die Bemerkung zu machen, dass ganz natürlicherweise der erste grosse Diktator seinen eignen Sohn auf seinen Tron nach sich werde hinaufgezogen haben: "so hab' er sich oft beim flachsenfingischen Vogelschiessen an den Kindern ergötzt, die mit den Kronen und Zeptern, welche die Väter herabgeschossen, herumsprangen und damit warfen und spielten." – Der Taube unterhielt durch seinen Visierstab und seine Zündrute, die er an den Tisch stemmte, die freieste Verbindung mit dem ganzen Klub und sah seinem arbeitenden Bruder zu, wie er sägte und hielt. Mattieu, der den Vorschneider liebte, aber die Wahrheit noch mehr, konnte seinetwegen nicht die Reflexionen über die gekrönten Erstgeburten unterschlagen, sondern er merkte frei an, man sollte wenigstens unter der regierenden Familie, wenn auch nicht unter dem volk, die Wahl frei haben. "Jetzt denken wir nicht einmal wie die Juden, bei denen zwar eine halbtierische Missgeburt noch die Rechte eines Erstgebornen hat, aber doch keine ganze tierische.75"- Der Balgtreter wurde durch die fallopische Muttertrompete des Stabs mit neuen Ideen des Erstgebornen geschwängertsein Bruder wurde von der Angst mehr zerlegt als der indische Hahn in der Luft. – Der Evangelist fuhr fort: "Auch bei den Juden hat bloss die tierische