1795_Jean_Paul_049_159.txt

sprach? Ach die weisse Taube war vielleicht dein Engel, und darum zerfloss heute vor seiner Nähe dein HerzDie Taube fliegt nicht auf, aber Tau-Wolken, wie abgerissene Stücke aus Sommernächten, mit einem Silberrand, ziehen über den Gottesacker und überfärben die blühenden Gräber mit Schatten.... jetzt schwimmt ein solcher vom Himmel fallender Schatten auf uns her und überspült unsern Berg – – Rinne, rinne, flüchtige Nacht, Bild des Lebens, und verdecke mir die fallende Sonne nicht lange! .... Unser Wölkchen steht in Sonnenflammen.... o du holde, so sanft hinter dem Erdenufer zurückblickende Sonne, du Mutterauge der Welt, dein Abendlicht vergiessest du ja so warm und langsam wie rinnendes Blut aus dir und erblassest sinkend, aber die Erde, in Fruchtschnüren und Blumenbändern aufgehangen und an dich gelegt, rötet sich neugeschaffen und vor schwellender Kraft.... Höre, Julius, jetzt tönen die Gärtendie Luft summetdie Vögel durchkreuzen sich rufendder Sturmwind hebt den grossen Flügel auf und schlägt an die Wälder; höre, sie geben das Zeichen, dass unsre gute Sonne geschieden ist.... O Julius, Julius,' (sagt' ich und umfasste seine Brust) 'die Erde ist grossaber das Herz, das auf ihr ruht, ist noch grösser als die Erde und grösser als die Sonne... Denn es allein denkt den grössten Gedanken.' Plötzlich ging es vom Sterbebette der Sonne kühl wie aus einem grab daher. Das hohe Luftmeer wankte, und ein breiter Strom, in dessen Bette Wälder niedergebogen lagen, brauste durch den Himmel die Laufbahn der Sonne zurück. Die Altäre der natur, die Berge, waren wie bei einer grossen Trauer schwarz überhüllt. Der Mensch war vom Nebelgewölbe auf die Erde eingesperrt und geschieden vom Himmel. Am fuss des Gewölbes leckten durchsichtige Blitze, und der Donner schlug dreimal an das schwarze Gewölbe. Aber der Sturm richtete sich auf und riss es auseinander; er trieb die fliegenden Trümmer des zerbrochenen Gefängnisses durch das Blau und warf die zerstückten Dampfmassen unter den Himmel hinabund noch lange braust' er allein über die offne Erde fort, durch die lichte gereinigte Ebene... Aber über ihm, hinter dem weggerissenen Vorhang glänzte das Allerheiligste, die Sternennacht. –

Wie eine Sonne ging der grösste Gedanke des Menschen am Himmel auf- meine Seele wurde eingedrückt, wenn ich gegen Himmel sahsie wurde aufgehoben, wenn ich auf die Erde sah- Denn der Unendliche hat in den Himmel seinen Namen in glühenden Sternen gesäet, aber auf die Erde hat er seinen Namen in sanften Blumen gesäet.

'O Julius,' sagt' ich, 'bist du heute gut gewesen?' – Er antwortete: 'Ich habe nichts getan, ausser geweint.'

'Julius, knie nieder und entferne jeden bösen Gedankenhöre meine stimme beben, fühle meine Hand zitternich knie neben dir.

Wir knien hier auf dieser kleinen Erde vor der Unendlichkeit, vor der unermesslichen, über uns schwebenden Welt, vor dem leuchtenden Umkreis des Raums. Erhebe deinen Geist und denke, was ich sehe. Du hörst den Sturmwind, der die Wolken um die Erde treibtaber du hörst den Sturmwind nicht, der die Erden um die Sonne treibt, und den grössten nicht, der hinter den Sonnen weht und sie um ein verhülltes All führt, das mit Sonnenflammen im Abgrund liegt. Tritt von der Erde in den leeren Äter: hier schwebe und siehe sie zu einem fliegenden Gebirge einschwinden und mit sechs andern Sonnenstäubchen um die Sonne spielenziehende Berge, denen Hügel71 nachflattern, stürzen vorüber vor dir und steigen hinauf und hinab vor dem Sonnenscheindann schau umher im runden, blitzenden, hohen, aus kristallisierten Sonnen erbaueten Gewölbe, durch dessen Ritzen die unermessliche Nacht schauet, in der das funkelnde Gewölbe hängtDu fliegst Jahrtausende, aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in die grosse Nacht hinausDu schliessest das Auge zu und wirfst dich mit einem Gedanken über den Abgrund und über die ganze Sichtbarkeit, und wenn du es wieder öffnest, so umkreisen dich, wie Seelen Gedanken, neue hinaufund hinabstürmende Ströme aus lichten Wellen von Sonnen, aus dunkeln Tropfen von Erden, und neue Sonnenreihen stehen einander wieder aus Morgen und Abend entgegen, und das Feuerrad einer neuen Milchstrasse wälzt sich um im Strom der ZeitJa dich rücke eine unendliche Hand aus dem ganzen Himmel, du siehest zurück und heftest dein Auge auf das erblassende eintrocknende Sonnenmeer, endlich schwebt die entfernte Schöpfung nur noch als ein bleiches stilles Wölkchen tief in der Nacht, du dünkst dich allein und schauest dich um und- – ebensoviel Sonnen und Milchstrassen flammen herunter und hinauf, und das bleiche Wölkchen hängt noch zwischen ihnen bleicher, und aussen um den ganzen blendenden Abgrund ziehen sich lauter bleiche stille Wölkchen. – –

O Julius, o Julius, zwischen den wandelnden Feuerbergen, zwischen den von einem Abgrund in den andern geschleuderten Milchstrassen, da flattert ein Blütenstäubchen, aus sechs Jahrtausenden und dem Menschengeschlecht gemacht- Julius, wer erblickt und wer versorgt das flatternde Stäubchen, das aus allen unsern Herzen besteht? –

Ein Stern wurde jetzt herabgeschlagen. Falle willig, Stern, in die Luft der Erde geheftet, auch die Sterne über der Erde taumeln wie du in ihre entlegnen Gräber herabdas Weltenmeer ohne Ufer und ohne Grund quillet hier, versieget dort;