er las Emanuels Brief.
"Mein Horion!
Vor einigen Stunden hat die Zeit ihre Sanduhr umgekehrt, und jetzt rieselt der Staub eines neuen Jahres nieder. – Der Uranus schlägt unserer kleinen Erde die Jahrhunderte, die Sonne schlägt die Jahre, der Mond die Monate; und an dieser aus Welten zusammengesetzten Konzertuhr treten die Menschen als Bilder heraus, die freudig rufen und tönen, wenn es schlägt.
Auch ich trete froh heraus unter das schöne Neujahrmorgenrot, das durch alle Wolken glimmt und den hohen halben Himmel heraufbrennt. In einem Jahre sehe' ich aus einer andern Welt in die Sonne: o wie wallet dieses letzte Mal mein Herz unter dem Erdengewölk von Liebe über, gegen den Vater dieser schönen Erde, gegen seine Kinder und meine Geschwister, gegen diese Blumen- wiege, worin wir nur einmal erwachen, und unter ihrem Wiegen an der Sonne nur einmal entschlafen!
Ich erlebe keinen Sommertag mehr, darum will ich den schönsten, wo ich mit deinem Julius70 zum ersten Male betend durch Lichtwolken und durch Harmonien drang und mit ihm vor einem donnernden Trone niederfiel und zu ihm sagte: 'Oben in der unermesslichen Wolke, die man die Ewigkeit nennt, wohnt der, der uns geschaffen hat und liebt' – diesen Tag will ich heute in meiner Seele wiederholen; und nie erlösche er auch in meinem Julius und Horion!
Ich habe oft zu meinem Julius gesagt: 'Ich habe dir den grössten Gedanken des Menschen, der seine Seele zusammenbeugt und doch wieder aufrichtet auf ewig, noch nicht gegeben; aber ich sage dir ihn an dem Tage, wo dein und mein Geist am reinsten ist, oder wo ich sterbe.' Daher bat er mich oft, wenn sein Engel bei ihm gewesen war, oder wenn die Flöte und die schauernde Nacht oder der Sturm ihn erhoben hatte: 'Sage mir, Emanuel, den grössten Gedanken des Menschen!' –
Es war an einem holden Juliusabend, wo mein Geliebter an meinem Busen auf dem Berge unter der Trauerbirke lag und weinte und mich fragte:'Sage mir, warum ich diesen Abend so sehr weine! – Tust du es denn nie, Emanuel? Es fallen aber auch warme Tropfen von den Wolken auf meine Wangen.' – Ich antwortete: 'Im Himmel ziehen kleine warme Nebel herum und verschütten einige Tautropfen; aber geht nicht der Engel in deiner Seele auf und nieder? Denn du streckest deine Hand aus, um ihn anzurühren.' – Julius sagte: 'Ja, er steht vor meinen Gedanken; aber ich wollte nur dich anrühren; denn der Engel ist ja aus der Erde gegangen, und ich sehne mich recht nach seiner stimme. In mir wallen Traumgestalten ineinander, aber sie haben keine so hellen Farben wie im Schlafe – lächelnde Angesichter blicken mich an und kommen mit aufgebreiteten Schattenarmen auf mich und winken meiner Seele und zerfliessen, eh' ich sie an mein Herz andrücke – Mein Emanuel, ist denn dein Angesicht nicht mit unter meinen Schattengestalten?' Hier schloss er sein nasses Angesicht glühend an meines, das ihm abgeschattet vorzuschweben schien; eine Wolke sprengte das Weihwasser des himmels über unsre Umarmung, und ich sagte: 'Wir sind heute so weich bloss durch das, was uns umringt und was ich jetzt sehe.' – Er antwortete: 'O sage mir es, was du siehest, und höre nicht auf, bis die Sonne hinabgegangen ist.'
Mein Herz schwamm in Liebe und zitterte in Entzücken unter meiner Rede: 'Geliebter, die Erde ist heute so schön, das macht ja den Menschen weicher – der Himmel ruht küssend und liebend an der Erde, wie ein Vater an der Mutter, und ihre Kinder, die Blumen und die schlagenden Herzen, fallen in die Umarmung ein und schmiegen sich an die Mutter. – Der Zweig hebt leise seinen Sänger auf und nieder, die Blume wiegt ihre Biene, das Blatt seine Mücke und seinen Honigtropfen – den offnen Blumenkelchen hängen die warmen Tränen, in die sich die Wolken zerteilen, gleichsam in den Augen, und meine Blumenbeete tragen den aufgebauten Regenbogen und sinken nicht – Die Wälder liegen saugend am Himmel, und trunken von Wolken stehen alle Gipfel in stiller Wollust fest – Ein Zephyr, nicht stärker als ein warmer Seufzer der Liebe, hauchet vor unsern Wangen vorbei unter die rauchenden Kornblüten und treibt Samen-Staubwolken auf, und ein Lüftchen ums andre gaukelt und spielt mit den fliegenden Ernten der Länder, aber es legt sie uns hin, wenn es gespielt hat – – O Geliebter, wenn alles Liebe ist, alles Harmonie, alles liebend und geliebt, alle Fluren ein berauschender Blütenkelch, dann streckt wohl auch im Menschen der hohe Geist die arme aus und will mit ihnen einen Geist umschlingen, und dann, wenn er die arme nur an Schatten zusammenlegt, dann wird er sehr traurig vor unendlicher, vor unaussprechlicher sehnsucht nach Liebe.' –
'Emanuel, ich bin auch traurig', sagte mein Julius.
'Siehe, die Sonne zieht hinab, die Erde hüllet sich zu – lass mich alles noch sehen und es dir sagen.... jetzt fliehet eine weisse Taube, wie eine grosse Schneeflocke, blendend über das tiefe Blau... jetzt zieht sie um den Goldfunken des Gewitterableiters herum, gleichsam um einen im Taghimmel aufgehangenen glimmenden Stern – o sie woget und woget und sinkt und verschwindet in den hohen Blumen des Gottesackers.... Julius, fühltest du nichts, da ich