Denker, monatelang darüber spintisieret, oft halbe Abende, und doch die Sache nicht eher herausbringt, als wenn er sie hört, jetzt erst – Wahrlich sogar das Fenster-S passet an!" – Ich und der Leser wollen ihm das aus den Händen nehmen, womit er sich hier vor uns steinigt; denn er wirft nach uns beiden ebensogut, weil wir ebensogut nichts erraten haben wie er. Kurz, der versteckte glückliche, der die schöne Klotilde zur Unglücklichen macht, und für den sie ihre stumme scheue Seele ausseufzet, und der für ihre meisten Reize gar keine Augen hat, ist der blinde – Julius in Maiental. Daher will sie hin.
Ich wollt' einen Folioband mit den Beweisen davon vollbringen: Viktor zählte sie sich an seinen fünf Fingern ab. Beim Daumen sagt' er: "Des Julius wegen sucht sie die kleine Julia, so ist es auch mit Giulia" – beim Schreibfinger sagte er: "Das französische Anfang-J sieht wie ein S ohne Querstrich aus" – beim Mittelfinger: "Die Minerva hat ihm ja nicht bloss die Flöte, sondern auch Minervens schönes Gesicht beschert, und in dieses blinde Amors-Gesicht konnte Klotilde sich ohne Erröten vertiefen; schon aus Liebe gegen seinen Freund Emanuel hätte sie ihn geliebt"beim Ringfinger: "Daher ihre Verteidigung der Missheiraten, da sein bürgerlicher Ringfinger an ihren adeligen kommen soll" – beim Ohrfinger: "Beim Himmel! das alles beweiset nicht das geringste."
Denn nun überströmten ihn erst die ganzen Beweise: im ersten Bande dieses buches kam oft ein unbekannter Engel zu Julius und sagte: "Sei fromm, ich schweb' um dich, ich beschirme deine eingehüllte Seele – ich gehe in den Himmel zurück." –
Zweitens: dieser Engel gab einmal Julius ein Blatt und sagte: "Verbirg es, und nach einem Jahr, wenn die Birken im Tempel grünen, lass es dir von Klotilden vorlesen: ich entfliehe, und du hörst mich nicht eher als über ein Jahr." – – Alles das lag ja Klotilden wie angegossen an: sie konnte dem Blinden nie ihr sterbendes Herz aufdecken – sie ging gerade jetzt (wie lange ist noch auf Pfingsten?) nach Maiental, um das Blatt, das sie ihm in der Charaktermaske eines Engels gereicht, selber vorzulesen – endlich ging sie ja gerade damals nach St. Lüne ab – – kurz, aufs Haar trifft alles zu.
Wenn der Lebensbeschreiber ein Wort dareinsprechen dürfte: so wär' es dieses: Der Berghauptmann, der Lebensbeschreiber, glaubt seines Orts alles recht gern; aber Klotilden, die bisher aus jedem Schmutznebel weiss strahlend herausging, und an der man, wie an der Sonne, so oft Wolken mit Sonnenflecken vermengte, kann er so lange nicht tadeln, bis sie es selber vorher tut. Viktor hat sogar, wie ich in der ersten Auflage, manche Beweise vergessen, die für Klotildens Liebe gegen Julius reden: z.B. den warmen Anteil an dessen Blindheit und ihren Wunsch seiner Heilung (im Briefe an Emanuel), Flamins veraltete Eifersucht in Maiental, sogar die Wonne, mit der sie im Schauspielhaus das Tal ein Eden nennt und die Lete ausschlägt.
Viktor riss das Paket entzwei, und zwei Blättchen fielen aus einem grossen Blatte heraus. Das eine Blättchen und das grosse Blatt waren von Emanuel, das zweite vom Lord. Er studierte das letzte, in doppelten Chiffern geschriebne zuerst; folgendes: "Im Herbst komm' ich, wenn die Äpfel reifen. – Die Dreieinigkeit" (der Lord meint des Fürsten drei Söhne) "ist gefunden; aber die vierte person in der Gotteit" (der vierte lustige Sohn) "fehlet. – Fliehe aus dem Palaste der Kaiserin aller Reussen," (- mit dieser Chiffer hatten beide den Minister Schleunes zu bezeichnen verabredet-) "aber die Grossfürstin (Joachime) melde noch mehr: sie will nicht lieben, sondern herrschen, sie will kein Herz, sondern einen Fürstenhut. – In Rom" (er meint Agnola) "hüte dich vor dem Kruzifix, aus dem ein Stilett springt! denke an die Insel, eh' du fehlest." Viktor erstaunte anfangs über die zufällige Angemessenheit dieser Verbote; aber da er sich bedachte, dass er sie ihm schon auf der Insel gegeben haben würde, wenn sie sich nicht auf seine neuern begebenheiten bezögen: so erstaunt' er noch mehr über die Kanäle, durch welche seinem Vater die Spionen-Depeschen von seinen jetzigen Verhältnissen zugekommen sein mögen (- könnte denn mein Korrespondent und Spion nicht auch des Vaters seiner sein? – ), und am meisten über die Warnung vor Joachimen. "O! wenn diese gegen mich falsch wäre!" sagte er seufzend und mochte das trübe Bild und den Seufzer nicht vollenden. – – Sondern er vertrieb beide durch das kleine Blatt von Emanuel, das so klang:
"Mein Sohn!
Die Morgenröte des Neujahrs schien über den Schnee an mein Angesicht, als ich das Papier hinlegte," (Emanuels zweiten, sogleich folgenden Brief) "auf das ich zum letzten Male meine Seele mit allen ihren über diese Kugel hinausreichenden Bildern abzudrükken suchte. Aber die Flammen meiner Seele wehen bis zum Körper und sengen den mürben Lebensfaden ab; ich musste oft die zu leicht blutende Brust vom Papier und von der Entzückung wegwenden.
Ich habe, mein Sohn, mit meinem Blut an dich geschrieben. Julius denkt jetzt Gott. – Der Lenz glüht