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vergeblich rissest, und ihr letztes Wort auf dieser öden Erde gewesen wäre: nun sterb' ich! – o Gott, gäb' es dann ein anderes Mittel für die Trostlosigkeit ihres Freundes als ein Schwert und die letzte Wunde? Und ich fasste mit der kalten Hand ihre Hand und sagte: ich gehe mit dir!" – indem er so dachte, und indem die Kleine weinend die sinkende Rechte zog: so wurde das Angesicht wirklich bleicher, und die Linke gleitete vom Schoss herab – – hier wurde jenes Schwert mit der Schärfe über sein Herz gezogen – – Aber bald schlug sie wieder die irren Augen auf, todesschlaftrunken sich besinnend und schämend. Sie beschönigte die flüchtige Ohnmacht durch die Bemerkung: "Ich habe es wie jener Schauspieler mit der Urne seines Kindes gemacht, ich dachte mich an die Stelle meiner Giulia in ihrer letzten Minute, aber ein wenig zu glücklich."

Er wollte eben medizinische Hirtenbriefe gegen diese zernagende Schwärmerei abfassenso sehr übersetzt eine unglückliche Liebe jedes weibliche Herz aus dem majore-Ton in den minore-Ton, sogar einer Klotilde ihres, deren Stirn männlich, und deren Kinn sich fast mehr zum Mut als zur Schönheit erhob –, als ganz andere Hirtenbriefe kamen. Die Botenmeisterin derselben war Viktors glücklichere FreundinAgate. Lache wieder Leben, du Unbefangne, in zwei Herzen, auf welche der Tod seine fliegenden Wolken-Schatten geworfen! Sie fiel vertraut in zwei freundschaftliche arme; aber gegen ihren Bruder Doktor, der so lange statt des ganzen Rumpfs nur seine Hand, d.h. seine Briefe, nach St. Lüne hatte gehen lassen, war sie noch scheu. Ich kann aber seinen Fehler, aus einem haus, das er ein Vierteljahr aus Gründen gemieden, nachher noch ein zweites ohne Gründe wegzubleiben, ich kann diesen Fehler nicht ganz verdammen, weil ich ihnselber habe. – Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen; ihr blühendes Landgesicht wies ihm statt seiner jetzigen Karwoche des Grames eine Rötelzeichnung seiner und ihrer dahingeflatterten Freudentage im Pfarrgarten. Er verhiess ihr feierlich, ihr Ostergast zu sein mit ihrem Bruder und statt der Köpfe und Fenster einander nichts einzuschlagen als Eier; er rastete nicht, bis er der alte wieder war, und sie die alte. Da sie die Langduodez-geschichte des Dorfes und Vaters den beiden nur aus Liebe lächelnden Hofleuten gar nicht als eine Auszugmacherin oder in einer verstümmelten Ausgabe ablieferte, sondern in der Länge ihrer Rückenbänder: so fühlten Klotilde und Viktor, wie sanft ihnen dieses Niedersteigen von den bunten spitzen Hofgletschern in die weichen Täler der mittlern Stände tat, und sie sehnten sich beide weg von glatten Herzen an warme. Unter den Menschen und Borsdorferäpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen. Dieses Sehnen nach aufrichtigern Seelen war es auch wohl, was aus Klotilden die Behauptung presste: es gebe nur Missheiraten zwischen den Seelen, nicht zwischen den Ständen. Daher kam ihre wachsende Liebe gegen die ausser dem Lohkasten eines Stammbaums, nur in der Gemeinhut grünende Agatewelche Liebe einmal ich und der Leser im ersten Bande aus Scharfsicht für den Deckmantel einer andern Liebe gegen Flamin erklärt haben, und die uns beiden den Tadel gegen eine Heldin abgewöhnen sollte, die ihn hintennach immer widerlegt.

Auf der dicken Brieftasche, die Agate brachte, war die Handschrift der Aufschrift vonEmanuel, welchen Klotilde alles an die Pfarrerin überschreiben liess, um ihrer Stiefmutter dasZumachen ihrer Briefe abzunehmen. Die Frau Le Baut hatte diese Einsicht der Akten, diese Sokrates-Hebammenkunst im Ministerium erlernt, das ein Recht besitzt, Haussuchung in den Briefen aller Untertanen zu tun, weil es sie entweder für Pestkranke oder für Gefangene halten kann, wenn es will. Während die Stieftochter im Nebenzimmer das äussere Paket erbrach, weil sie aus seiner Dicke einen Einschluss für den Doktor prophezeiete: hauchte letzter aus Zufalloder aus Absicht; denn seit einiger Zeit legte er überall seine Entzifferkanzleien der Weiber an, im engsten Winkel, in jeder Kleidfalte, in den Spuren gelesener Bücherhaucht' er, sagt' ich, zufälligerweise an die Fensterscheiben, auf denen man sodann lesen kann, was ein warmer Finger daran geschrieben hat. Es traten nach dem unwillkürlichen Hauche lauter französische, mit dem Fingernagel skizzierte Anfang-S heraus. "S!" – dachte' er – "das ist sonderbar: ich fange mich selber so an."

Seine Vermutungen brach die mit einem seligentwölkten Angesicht wiederkommende Klotilde ab, die dem denkenden Medikus einen grossen Brief von Emanuel reichte. Nach dieser zweiten Freude folgte statt der dritten eine Neuigkeit; sie eröffnete ihm jetzt, "dass endlich Emanuel sie instand gesetzt, eine gehorsame, wenn auch nicht gläubige Patientin zu sein". Sie hatte nämlich bisher den Vorsatz ihres Gehorsams und ihrer Frühlingkur so lange verschwiegen, bis ihr Freund in Maiental ihr ein Krankenzimmergerade Giulias ihresbei der Äbtissin auf einige Lenzmonate ausgewirket hatte, damit da das Wehen des Frühlings ihre gesunknen Schwingen hebe, der Blumenduft das zerspaltne Herz ausheile, und der grosse Freund die grosse Freundin aufrichte.

Viktor entwich eilend, nicht allein aus Hunger und Durst nach dem Inhalte seiner Hand, sondern weil eine neue Gedankenflut durch seine alten Gedankenreihen brach. – "Bastian!" (sagte Bastian unterweges zu sich) "ich hielt dich oft für dumm, aber für so dumm nichtNein, es ist sündlich, wenn ein Mann, ein Hof- Medikus, ein