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nach drei Tagen war, dass sie wiederkamen, die Schwester mit dem kältesten gesicht gegen ihn, und der Bruder mit dem wärmsten. Er konnte sich diese doppelte Temperatur nicht ganz erklären, sondern nur halb etwa aus Entdeckungen, die beide bei Tostato und dem Grafen O über seine Verkleidung und sein Buden-Drama könnten gemacht haben. Bisher war Joachimens Zürnen immer erst eine Folge des seinigen gewesen; jetzt war es umgekehrt; dies verdross ihn aber sehr.

Einige Tage darauf stand er mit der Fürstin und mit Joachimen in einem Fenster des ministerialischen Louvre. Die Unterhaltung war lebhaft genug; die Fürstin überzählte die Buden auf dem Markte, Joachime sah dem schnellen Zickzack einer Schwalbe nach, Viktor stand heimlich auf einem Beine (das andere stellt' er nur zum Schein und unbeladen auf den Boden), um zu versuchen, wie lang' er es aushalte. Auf einmal sagte die Fürstin: "Heilige Maria! wie kann man doch ein armes Kind so eingesperrt in einem Kasten herumtragen!" Sie guckten alle auf die Strasse. Viktor nahm sich die Freiheit zu bemerken, dass das arme Kind vonWachs sei. Eine Frau trug einen kleinen Glasschrank vor sich hängend, worin ein wächserner eingewindelter Engel schlief; sie bettelte, wie andere, gleichsam auf dieses Kind, und das Kleine ernährte sie besser, als wenn es lebendig gewesen wäre. Die Fürstin verlangte die neue Erscheinung herauf. Die Frau trat zitternd mit ihrem Mumienkästchen ein und zog den kleinen Vorhang zurück. Die Fürstin hing ein künstlerisch-trunknes Auge an die schlafende holde Gestalt, die (wie ihr Stoff von Wachs) aus Blumen geboren und in Frühlingen erzogen schien. Jede Schönheit drang tief in ihr Herz; daher liebte sie Klotilden so sehr und viele Deutsche so wenig. Joachime hatte nur ein Kind und eine Schönheit liebund beides war sie selber. Viktor sagte, diese wächserne Mimik und Kopie des Lebens habt ihn von jeher trübe gemacht, und er könne nicht einmal seine eigne Wachs-Nachbildung in St. Lüne ohne Schauder sehen. "Steht sie nicht in einem Überrock am Fenster des Pfarrhauses?" fragte Joachime viel heiterer. "Nicht wahr?" fragt' er wieder, "Sie dachten wohl vor einigen Tagen, ich wär' es selber?" – Aus ihrer Miene erriet er ihren bisherigen Irrtum, der vielleicht mit beigetragen hatte, sie gegen ihn aufzubringen. Der Pater der Fürstin kam dazu und fügtenach seiner Gewohnheit, zu huldigenbei, er werde' ihn, um ihm das Sitzen zu ersparen, nächstens bloss nach seinem Wachsbild zeichnen. Der Pater war bekanntlich ein guter Zeichner.

Ich lasse begebenheiten, die weniger wichtig sind, unerzählt liegen und gehe fröhlich weiter.

Es war schon im März, wo die höhern Stände wegen ihres sitzenden Winterschlafes mehr vollblütig als kaltblütig sindwers nicht versteht, nimmt an, ihr Überfluss an Blute rühre mehr vom Aussaugen des fremden her –; wo die Krankheiten ihre Besuchkarten in Gestalt der Rezepte beim ganzen Hof abgehen; wo die Augen der Fürstin, das Äter-Embonpoint des Fürsten und die gichtischen hände des Hofapotekers die Winterstürme fortsetzten: da war es schon, sag' ich, als auch Klotilde den Einfluss des Winters und ihrer verdoppelten Abgeschiedenheit von Zerstreuungen und ihres Umgangs mit ihren Phantasien jeden Tag heftiger empfand... Wenn ich aufrichtig sein soll: so mess' ich ihrer Abgeschiedenheit wenig, aber ihrem vom Wohlstand auferlegten Umgang mit dem edlen Matz, mit den Schleunesschen, mit andern kaltblütigen Amphibien alles bei; ein unschuldiges Herz muss in dem moralischen Frostwetter, wie alabasterne Gartenstatuen im physischen, wenn jenes und wenn diese weiche einsaugende Adern haben, Risse bekommen und brechen.

So stands mit ihr an einem wichtigen Tage, wo er bei ihr die kleine Julia fand. Diesen geliebten Namen legte sie dem kind des Seniors bei, des Mieterrn von Flamin, um ihre Trauersehnsucht nach ihrer toten Giulia durch einen ähnlichen Klang, durch den Rest eines Echo zu ernähren. "Dieser Trauerton" (sagte Viktor bei sich) "ist ja für sie das willkommene ferne Rollen des Leichenwagens, der sie zu ihrer Jugendfreundin holt; und ihre Erwartung eines ähnlichen Schicksals ist ja der traurigste Beweis eines ähnlichen Grams." Wenn noch etwas nötig war, seine Freundschaft von aller Liebe zu reinigen: so war es dieses schnelle Entblättern einer so schönen Passionblume; – gegen Leidende schämt man sich des kleinsten Eigennutzes. – Unter dem gespräche, von dem sich die eifersüchtige Julia durch die Unverständlichkeit ausgeschlossen fand, zupfte sie an der Bedientenklingel aus Verdruss; denn Mädchen machen schon um acht Jahre früher Gefallansprüche als Knaben. Klotilde verbot dieses Geläute durch ein zu spätes Interdikt; die Kleine, erfreuet, dass sie das hereilende Kammermädchen in Bewegung gesetzt, suchte wieder an der Quaste zu zupfen. Klotilde sagte auf französisch zum Doktor: "Man darf ihr nichts zu monarchisch befehlen; jetzt ruht sie nicht, bis ich mein äusserstes Mittel versuche. – Julia!" sagte sie noch einmal mit einem weiten, von Liebe übergossenen Auge; aber umsonst. "Nun sterb' ich!" sagte sie, schon dahinsterbend, und lehnte das schöne, von einem scheidenden Genius bewohnte Haupt an den Stuhl zurück und schloss die frommen Augen zu, die nur in einem Himmel wieder aufzugehen verdienten. Indem Viktor bewegt und stumm vor der stillen Scheintoten stand und bei sich dachte: "Wenn sie nun nicht mehr erwachte und du die starre Hand