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Unsinn und zur fürchterlichsten philosophischen Kraft- und Tonlosigkeit.

Der Mensch hält sein Jahrhundert oder sein Jahrfunfzig für die Kulmination des Lichts, für einen Festtag, zu welchem alle andre Jahrhunderte nur als Wochentage führen. Er kennt nur zwei goldne Zeitalter, das am Anfang der Erde, das am Ende derselben, worunter er nur seines denkt; die geschichte findet er den grossen Wäldern ähnlich, in deren Mitte Schweigen, Nacht und Raubvögel sind, und deren Rand bloss Licht und Gesang erfüllen. – Allerdings dienet mir alles; aber ich diene auch allem. Da es für die natur, die bei ihrer Ewigkeit keinen Zeitverlust, bei ihrer Unerschöpflichkeit keinen Kraftverlust kennt, kein anderes Gesetz der Sparsamkeit gibt als das der Verschwendungda sie mit Eiern und Samenkörnern ebensogut der Ernährung als der Fortpflanzung dient und mit einer unentwickelten Keim-Welt eine halbe entwickelte erhältda ihr Weg über keine glatte Kegelbahn, sondern über Alpen und Meere geht: so muss unser kleines Herz sie missverstehen, es mag hoffen oder fürchten; es muss in der Aufklärung Morgen- und Abendröte gegenseitig verwechseln; es muss im Vergnügen bald den Nachsommer für den Frühling, bald den Nachwinter für den Herbst ansehen. Die moralischen Revolutionen machen uns mehr irre als die physischen, weil jene ihrer natur nach einen grösseren Spiel- und Zeitraum einnehmen als dieseund doch sind die finstern Jahrhunderte nichts als eine Eintauchung in den Schatten des Saturns oder eine Sonnenfinsternis ohne Verweilen. Ein Mensch, der sechstausend Jahre alt wäre, würde zu den sechs Schöpfungtagen der Weltgeschichte sagen: sie sind gut.

Man sollte aber niemals moralische und physische Revolutionen und Entwickelungen zu nahe aneinander stellen. Die ganze natur hat keine andere Bewegungen als vorige, der Zirkel ist ihre Bahn, sie hat keine andere Jahre als platonischeaber der Mensch allein ist veränderlich, und die gerade Linie oder der Zickzack führen ihn. Eine Sonne hat so gut wie der Mond ihre Finsternisse, so gut wie eine Blume ihre Blüte und Abblüte, aber auch ihre Palingenesie und Erneuerung. Allein im Menschengeschlecht liegt die notwendigkeit einer ewigen Veränderung; jedoch hier gibts nur auf- und niedersteigende Zeichen, keine Kulmination; jene ziehen nicht einander notwendig nach sich, wie in der Physik, und haben keine äusserste Stufe. Kein Volk, kein Zeitalter kommt wieder; in der Physik muss alles wiederkommen. Es ist nur zufällig, nicht notwendig, dass Völker in einem gewissen Stufenalter, auf einer gewissen mürben Sprosse wieder herunterstürzenman verwechselt nur die letzte Stufe, von welcher Völker fallen, mit der höchsten; die Römer, bei denen keine Sprosse, sondern die ganze Leiter brach, mussten nicht notwendig durch eine Kultur sinken64, die nicht einmal an unsere reicht. Völker haben kein Alter, oder oft geht das Greisenalter vor dem Jünglingalter. Schon bei dem Einzelwesen ist der Krebsgang des Geistes im Alter nur zufällig; noch weniger hat die Tugend darin eine Sommer-Sonnenwende. – Die Menschheit hat also zu einer ewigen Verbesserung Fähigkeit; aber auch Hoffnung? –

Das gestörte Gleichgewicht der eignen Kräfte macht den einzelnen Menschen elend, die Ungleichheit der Bürger, die Ungleichheit der Völker macht die Erde elend; so wie alle Blitze aus der Nachbarschaft der Ebbe und Flut des Äters entstehen und alle Stürme aus ungleichen Luftverteilungen. Aber zum Glück liegts in der natur der Berge, die Täler zu füllen.

Nicht die Ungleichheit der Güter am meistendenn dem Reichen hält die Stimmen- und FäusteMehrheit der Armen die Waage –, sondern die Ungleichheit der Kultur macht und verteilt die politischen Druckwerke und Druckpumpen. Die lex agraria in Feldern der Wissenschaften geht zuletzt auch auf die physischen Felder über. Seitdem der Baum des Erkenntnisses seine Äste aus den philosophischen Schalfenstern und priesterlichen Kirchenfenstern hinausdrängt in den allgemeinen Garten: so werden alle Völker gestärkt. – Die ungleiche Ausbildung kettet Westindien an den Fuss Europas, Heloten an Sparter, und der eiserne Hohlkopf65 mit dem Drücker auf der Neger-Zunge setzt einen Hohlkopf anderer Art voraus.

Bei der fürchterlichen Ungleichheit der Völker in Macht, Reichtum, Kultur kann nur ein allgemeines Stürmen aus allen Kompass-Ecken sich mit einer dauerhaften Windstille beschliessen. Ein ewiges Gleichgewicht von Europa setzt ein Gleichgewicht der vier übrigen Weltteile voraus, welches man, kleine Librationen abgerechnet, unserer Kugel versprechen kann. Man wird künftig ebensowenig einen Wilden als eine Insel entdecken. Ein Volk muss das andere aus seinen Tölpeljahren ziehen. Die gleichere Kultur wird die Kommerzientraktate mit gleichern Vorteilen abschliessen. Die längsten Regenmonate der Menschheitin welche die Völkerverpflanzungen allzeit fielen, so wie man Blumen allzeit an trüben Tagen versetzthaben ausgewittert. Noch steht ein Gespenst aus der Mitternacht da, das weit in die zeiten des Lichts hereinreichtder Krieg. Aber den Wappen-Adlern wachsen Krallen und Schnabel so lange, bis sie sich, wie Eberhauer, krümmen und sich selber unbrauchbar machen. Wie man vom Vesuv berechnete, dass er nur zu 43 Entzündungen noch Stoff verschliesse: so könnte man auch die künftigen Kriege zählen. Dieses lange Gewitter, das schon seit sechs Jahrtausenden über unserer Kugel steht, stürmt fort, bis Wolken und Erde einander mit einem gleichen Mass von Blitzmaterie vollgeschlagen haben.

Alle Völker werden nur in gemeinschaftlicher Aufbrausung hell; und der Niederschlag ist Blut und Totenknochen. Wäre die Erde um die Hälfte verengert: so wäre auch die Zeit ihrer moralischenund physischenentwicklung um die Hälfte verkürzt.

Mit den Kriegen sind die stärksten Hemmketten der Wissenschaften abgeschnitten. Sonst waren Kriegsmaschinen die Säemaschinen