1795_Jean_Paul_049_151.txt

, Dinge wie Nächte, Chaosstücke, zusammengeworfne Pflanzen vor ihm und verschwand damit.

Es kam Phobetor und trieb tierische Herden, die unter dem Gehen würgten und graseten, vor ihm vorüber und verschwand damit.

Es kam Morpheus und spielte mit seligen Kindern, mit bekränzten Müttern, mit küssenden Gestalten und mit fliegenden Menschen vor ihm, und als die Entzükkung den Engel weckte, war Morpheus und das Menschengeschlecht und die Weltgeschichte verschwunden...

jetzt schläft und träumt der Engel nochwir sind noch in seinem Traumerst Phobetor ist bei ihm, und Morpheus wartet noch darauf, dass Phobetor mit seinen Tieren verschwinde...

Aber lasset uns, statt zu träumen, denken und hoffen; und jetzt fragen: werden auf Pflanzenmenschen, auf Tiermenschen endlich Gottmenschen kommen? Verrät der gang der Welt-Uhr so viel Zweck wie der Bau derselben, und hat sie ein Zifferblatt-Rad und einen Zeiger!

Man kann nicht (wie ein bekannter Philosoph) von Endabsichten in der Physik sofort auf Endabsichten in der geschichte schliessenso wenig als ich, im einzelnen, aus dem teleologischen (absichtvollen) Bau eines Menschen eine teleologische Lebensgeschichte desselben folgern kann, oder so wenig als ich aus dem weisen Bau der Tiere auf einen fortlaufenden Plan in der Weltgeschichte derselben schliessen darf. Die natur ist eisern, immer dieselbe, und die Weisheit in ihrem Bau bleibt unverdunkelt; das Menschengeschlecht ist frei und nimmt wie das Aufgusstier, die vielgestaltete Vortizelle, in jedem Augenblick bald regelmässige, bald regellose Figuren an. Jede physische Unordnung ist nur die Hülse einer Ordnung, jeder trübe Frühling die Hülse eines heitern Herbstes; aber sind denn unsere Laster die Blüteknospen unserer Tugenden, und ist der Erdfall eines fortsinkenden Bösewichts denn nichts als eine verborgne Himmelfahrt desselben? – Und ist im Leben eines Nero ein Zweck? Dann könnt' ich ebensogut alles zurückgeben und umkehren und Tugenden zu Herzblättern versteckter Laster machen. Wenn man aber, wie mancher, den Sprachmissbrauch so weit treibt, dass man moralische Höhe und Tiefe, wie die geometrische, nach dem Standort umkehret, wie positive und negative Grössen; wenn also alle Gichtknoten, Fleckfieber und Blei- oder Silberkoliken des Menschengeschlechts nichts sind als eine andere Art von Wohlbefinden: so brauchen wir ja nicht zu fragen, ob es je genesen werdees könnte ja dann in allen möglichen Krankheiten doch nichts sein als gesund.

Wenn sich ein Mönch des zehnten Jahrhunderts schwermütig eingeschlossen und über die Erde, aber nicht über ihr Ende, sondern über ihre Zukunft, nachgedacht hätte: wäre nicht in seinen Träumen das dreizehnte Jahrhundert schon ein helleres gewesen und das achtzehnte bloss ein verklärtes zehntes?

Unsere Wetterprophezeiungen aus der gegenwärtigen Temperatur sind logisch richtig und historisch falsch, weil neue Zufälle, ein Erdbeben, ein Komet, die Ströme des ganzen Dunstkreises umwenden. Kann der gedachte Mönch richtig berechnen, wenn er solche künftige Grössen wie Amerika, Schiesspulver und Druckerschwärze nicht ansetzt? – Eine neue Religionein neuer Alexandereine neue Krankheitein neuer Franklin kann den Waldstrom, dessen Weg und Inhalt wir auf unserer Rechenhaut verjüngen wollen, brechen, verschlucken, dämmen, umlenken. – Noch liegen vier Weltteile voll angeketteter wilder Völkerihre Kette wird täglich dünnerdie Zeit schliesset sie loswelche Verwüstung, wenigstens Veränderungen müssen diese nicht auf dem kleinen bowling-green unserer kultivierten Länder anrichten! – Gleichwohl müssen alle Völker der Erde einmal zusammengegossen werden und sich in gemeinschaftlicher Gärung abklären, wenn einmal dieser Lebens-Dunstkreis heiter werden soll.

Können wir von einigen mit Eisenfeile und Scheidewasser (hier Lettern und Druckschwärze) selbst angelegten Miniatur-Erdbeben und Vulkanen auf die Ätnas-Ausbrüche schliessen, d.h. von den Umwälzungen der wenigen gebildeten Völker auf die der ungebildeten? Da wir setzen dürfen, dass das Menschengeschlecht so viele Jahrtausende lebt als der Mensch Jahre: dürfen wir schon aus dem sechsten Jahre dem Jünglings- und Mannsalter die Nativität stellen? Dazu kommt, dass die Lebensbeschreibung dieses KindesAlters gerade am magersten ist, und dass aufgewachte Völkerfast alle Weltteile liegen voll schlafenderin einem Jahre mehr historischen Stoff und folglich mehr Historiker erzeugen als ein eingeschlafnes Afrika in einem Jahrhundert. Wir werden also aus der allgemeinen Weltistorie dann am besten prophezeien können, wenn die erwachenden Völker ihre paar Millionen Nachtragbände gar dazugebunden haben werden. – Alle wilde Völker scheinen nur unter einem Prägstock gewesen zu sein; hingegen die Rändelmaschine der Kultur münzet jedes anders aus. Der Nordamerikaner und der alte Deutsche gleichen sich stärker als Deutsche einander aus benachbarten Jahrhunderten. Weder die Goldne Bulle, noch die Magna charta, noch den Code noir konnte Aristoteles in seine Regierund Gehorch-Formen hineinlegen: sonst hätt' er sie weiter gemacht; aber getrauen wir uns denn, den künftigen Nationalkonvent in der Mungalei oder die Dekretalbriefe und Extravaganten des aufgeklärten Dalai Lama oder die Rezesse der arabischen ReichsRitterschaft besser vorherzusehen? Da die natur kein Volk mit einem Münzstempel und einer Hand allein ausprägt, sondern mit tausenden auf einmaldaher auf dem deutschen ein grösseres Gedränge von Abdrücken ist als auf Achilles' Schild –: wie wollen wir, die wir nicht einmal die vergangnen, aber einfacheren Umwälzungen des Erdballs nachrechnen können, in die moralischen seiner Bewohner schauen? – –

Von allem, was aus diesen Prämissen folgt, glaube' ichdas Gegenteil, ausgenommen die notwendigkeit der prophetischen Demut. Der Skeptizismus, der uns, statt hartglaubig, unglaubig macht und statt der Augen das Licht reinigen will, wird zum