sonnennaher Schwanzkomet. Ich will sagen: Horion sah gerade, als er eine Abkömmlingin aus Januars haus liebte, die in London wohnte, den Fürsten zum zweitenmal und nahm ihn und den Hofstaat desselben in seinem haus zu London auf. Über diese sehr weitläuftige Verwandte des Fürsten werfen meine Nachrichten – aus zu grosser Rücksicht auf staates- und Familienverhältnisse – einen unzeitigen Schleier. Sie war bei der Vermählung mit dem Lord 22 Jahre alt, und ihr ganzes Wesen war (wenn ich den kühnen Ausdruck eines Londner Lobredners derselben nehmen darf) nichts als ein einziges zartes stilles blaues Auge. Das ist alles, was man dem Publikum zuwendet. –
Der Fürst liess sich gern vom Lord besiegen und beherrschen, den eine sonderbare Mischung von Kälte und Genie zum uneingeschränkten Monarchen und Kommandeur der Seelen machte. Der Lord hatte noch eine schöne Nichte im haus, deren Reize in den fürstlichen Augen einen solchen geistigen Alten vom Berge, wie er, sowohl jünger als ebener machten. –
Aber die Totenglocke warf ihre Misstöne in diese Wohllaute des Lebens. Die Geliebte des Lords flog aus der rauhen Erde und liess ihr seinen ersten Sohn als Andenken und Herzpfand zurück; sie starb im 23sten Jahr gleichsam am Leben des Kindes, einige Tage nach dessen Geburt, und der zarte dünne Zweig brach unter der reifen Frucht zusammen. Lord Horion schwieg vor dem Geschick. Er hatte sie fürchterlich geliebt, ohne es zu zeigen; er betrauerte sie ebenso, ohne sein tiefes schwarzes Auge zu benetzen.
Der Fürst fand an der Nichte, d.h. an einer wahren Engländerin, darum Geschmack, weil er vorher einen ebenso grossen an den Französinnen gefunden hatte; und aus diesem grund hätt' er umgekehrt diese geliebt, hätt' er vorher jene gekannt. Der nachherige Obrist-Kammerherr Le Baut hatte dieselbe Gesinnung, und was noch mehr ist, gegen dieselbe person; und wie die indischen Hofleute alle Wunden ihres Herrn nachahmen, so machte Le Baut mit einem AmorsPfeil die des seinigen nach und versetzte sich eine der stärksten damit.
– Diese Londoner Historien können nicht lange mehr dauern, und wir langen dann alle in unserm St. Lüne fröhlich wieder an. –
Ein hitziges Fieber befiel den Regenten, das sein Arzt Doktor Kuhlpepper bloss für Kreuz- und Querzüge einer unsteten Gichtmaterie hielt. Es war mir bisher noch nicht möglich, es auszumitteln, ob dieser Kuhlpepper mit seinem bekannten Namenvetter und medizinischen Mitmeister in London etwa näher verwand ist. Das Fieber heizte Januarn so sehr ein, und der Beichtvater machte bei dessen Gewissen statt der Löschanstalten so viele Brennanstalten, dass er in der Todesnot einen förmlichen Schwur ableistete, bei keinem Mädchen mehr an Entvölkerung und Revolution zu gedenken. Dieselbe Schwäche, die seinen Aberglauben und Kinderglauben stärkte, diente seiner Sinnlichkeit; als er wieder auf war, wusst' er gar nicht, was er machen sollte. Die Nichte und seine Eidleistung waren in seinen Gehirnkammern Wandnachbarn. Ein geschickter Exjesuit aus Irland, der bloss für Gewissenszweifel lebte und selber conscientiam dubiam hatte, sprang dem Zweifler bei und macht' ihm fasslich: "sein Gelübde müss' er, zumal vor der Lossprechung davon, gewissenhaft halten, ausgenommen den sündlichen und unmöglichen Punkt, der darin sei, den nämlich, den er ohne Einwilligung seiner Gemahlin weder geloben dürfte, noch erfüllen könnte." Mit andern Worten, der Jesuit verhielt ihm nicht, er habe im Fieber nur dem unverheirateten Geschlechte abgeschworen und sein Zölibat lediglich auf Nonnen eingeschränkt, mitin verbiet' ihm sein Gelübde zwar nicht den doppelten Ehebruch (den hebe der Beichtstuhl), aber äusserst streng den einfachen. Januar war zu fromm, um sich nicht des einfachen gänzlich zu entalten.
Es ist schwer, die Verbindung zu untersuchen, in welcher seine jetzt grössere Liebe gegen seine vier Gross- oder Kleinfürsten in Gallien mit seinem erfüllten Gelübde stand; kurz, er gab dem Lord das Geschäft und die Vollmacht, die vier Menschen aus Gallien abzuholen nach London, weil er seine geliebte anonyme kleine Nachwelt mit nach Deutschland nehmen wollte. Es war ungewiss, liebt' er in den Müttern die Kinder so herzlich – oder in den Kindern die Mütter. Der Lord ging gern wie Kotzebue (aber anders) nach dem Untergange der Geliebten nach Frankreich. Endlich kam, nicht von ihm, sondern von den Hofmeistern des Wallisers, des Brasiliers, des Asturiers, die trübe Nachricht, dass in einer Nacht, wahrscheinlich nach einem gemeinschaftlichen Plane verbundner Prinzenräuber, die drei Kinder entführt worden – nicht lange darauf wurde vom Lord diese Trauerpost nicht nur bestätigt, sondern auch mit der neuen vergrössert, dass der Monsieur oder Mosje auf den sieben Inseln nicht mehr – auf ihnen sei.
Das Schicksal gibt dem Menschen oft den Wundbalsam früher als die Wunde: Januar erhielt den fünften Sohn, den ich allezeit bloss den Infanten nennen will, noch eher als die Nachricht seines eingebüssten Kindersegens. Der Obrist-Kammerherr von Le Baut hatte sich mit der Mutter des Infanten (der Nichte des Lords) vermählt; aber er datierte seine Vermählung um drei Quatember zurück, anstatt sie um einen später anzusagen. Ich habe nie den Zusammenhang dieses Anachronismus (Zeitverrechnung) mit dem fürstlichen Gelübde einzusehen vermocht. übrigens so gefährlich Jenner den Eheherren seines Hofes durch sein Votum wurde, und so unschädlich den Vätern: so war doch das tugendhafte Vertrauen, das die Eheherren auf die ihnen ankopulierte weibliche Tugend setzten, so unbegrenzt, dass sie ohne Anstand diese Tugend in sein entbundnes Feuer führten. Ja sie setzten