Posten schicke? Sie sagte ihm, wie weh ihr bisher diese tief in ihre Seele eingesperrten fragen getan; und sie dankte ihm für das Geschenk seines Vertrauens mit einer Wärme, die er für einen feinen Tadel seines bisherigen Schweigens hielt. – Sie stand von jeher gern in einem Blumenkranz von Kindern; aber in Flachsenfingen hatte sie dieser Nebelsternchen noch mehre und zwar aus einem besonderen grund um ihren Glanz versammelt, nämlich um es zu verbergen, dass sie Julia, eine kleine fünfjährige Enkelin des Stadtseniors, bei welchem ihr Bruder wohnte, als die unwillkürliche Lebensbeschreiberin und Zeitungträgerin desselben an sich ziehe. Mehr als dreimal war ihm, als müsst' er diesem lilienweissen Engel, den seine Wolke immer höher trug, zu Füssen fallen und mit ausgebreiteten Armen sagen: "Klotilde, werde meine Freundin, eh' du stirbst – meine alte Liebe gegen dich ist längst zerquetscht, denn du bist zu gut für mich und für uns alle – aber dein Freund will ich sein, mein Herz will ich überwinden für dich, meinen Himmel will ich hingeben für dich – ach du wirst ohnehin den Abendtau des Alters nicht erleben und die Augen bald zumachen, und der Morgentau hängt noch darin!" Denn er hielt ihre Seele für eine Perle, deren Körper-Muschel geöffnet in der auflösenden Sonne liegt, damit sich die Perle früher scheide. – Beim Abschiede konnte' er ihr mit der Freimütigkeit des Freundes, die an die Stelle der Zurückhaltung des Liebhabers gekommen war, die Wiederholung seiner Besuche anbieten. Überhaupt behandelte er sie jetzt wärmer und unbefangner; erstlich, weil er auf ihr erhabnes Herz so ganz Verzicht getan, dass er sich über seine frühern kühnen Ansprüche darauf wunderte; zweitens, weil ihm das Gefühl seiner uneigennützigen aufopfernden Rechtschaffenheit gegen sie Wundbalsam auf seine bisherigen Gewissensbisse goss.
An diese Kränklichkeit schloss sich ein Abend oder ein Ereignis an, worein der Leser, glaube' ich, sich nicht finden wird. – Viktor sollte abends Joachimen ins Schauspiel abholen, und ihr Bruder musste vorher ihn abholen. Ich hab' es schon zweimal niedergeschrieben, dass ihm seit einigen Wochen Mattieu nicht mehr so zuwider war wie einem Elefanten eine Maus; er hatte doch eine einzige gute Seite, doch einigen moralischen Goldglimmer an ihm ausgegraben, nämlich die grösste anhänglichkeit an seine Schwester Joachime, die allein sein ganzes, seinen Eltern zugeschlossenes Herz, seine Mysterien und seine Dienste innehatte – zweitens liebte er an Mattieu, was der Minister verdammte, den Salzgeist der Freiheit – drittens sind wir alle so, dass, wenn wir unser Herz für irgendein weibliches aus einer Familie eingeheizet haben, dass wir Einheizer nachher die Ofen-Wärme auf die ganze Sipp- und Magenschaft ausdehnen, auf Brüder, Neffen, Väter – viertens wurde Mattieu immer von seiner Schwester gelobt und entschuldigt. – Als Viktor kam zu Joachime: hatte sie Kopfschmerzen und Putzjungfern bei sich – der Putz und der Schmerz nahm zu – endlich schickte sie die lebendigen Appreturmaschinen fort und setzte sich, sobald sie aus dem Schaum der Puder- und Schmuckkästen, der Schminklappen und mouchoirs de Venus, der poudres d'odeur und der Lippenpomaden zu einer Venus erhärtet war, da setzte sie sich nieder und sagte, sie bleibe zu haus wegen Kopfschmerzen. Viktor blieb mit da und recht gern. Wer nicht das Sparrwerk und Zellenwerk des Menschenherzens kennt, den nimmt es wunder, dass Viktors Freundschaft gegen Klotilde ein ganzes Honiggewirke von Liebe für Joachime in seine Zellen eintrug; es war ihm lieb, wenn sie einander besuchten oder umarmten, er suchte in den Segenfingern des Papstes nicht so viele Heilkraft als in Klotildens ihren; die Freundschaft derselben schien ihm eine Entschuldigung der seinigen zu sein und Joachimen auf das Postament des Werts zu heben, auf welches er sie mit allen Wagenwinden noch nicht stellen können. Sogar das Gefühl seines steigenden Wertes gab ihm neue Rechte zu lieben; und heute würde sogar Klotildens Flor- und Fürstenhut seine Helmkleinodien auf Joachimens kränklichem, geduldigern kopf behauptet haben. In ihre fortgesetzte Koketterie gegen das Narrenpaar hatte' er sich längst gefügt, weil er recht gut wusste, wen sie unter drei Weisen aus Morgenland nicht zum Narren habe, sondern zum Anbeter. Aber zurück!
Mattieu, der der Schwester zu Gefallen auch zu haus blieb, und Viktor und sie machten die ganze Bande dieses concert spirituel. Joachime lehnte auf dem Kanapee ihren sanftern siechen Kopf an die Wand zurück und blickte auf das Fuss-Getäfel und sah mit den herübergezognen Augenlidern schöner aus – der Evangelist ging ab und zu – Viktor setzte, wie allemal, im Zimmer herum – Es war ein recht hübscher Abend, und ich wollt', meiner wurde heute so. Das Gespräch wendete sich auf die Liebe; und Viktor behauptete das Dasein einer doppelten, der bürgerlichen und der stiftfähigen oder französischen. Er liebte die französische in Büchern und als Gesamtliebe, aber er hasste sie, sobald sie die einzige sein sollte; er beschrieb sie heute so: "Nimm ein wenig Eis – ein wenig Herz – ein wenig Witz – ein wenig Papier – ein wenig Zeit – ein wenig Weihrauch – und giess es zusammen und tu es in zwei Personen von stand: so hast du eine rechte gute französische fontenellische Liebe." – "Sie vergassen", setzte Matz dazu, "noch ein wenig Sinne, wenigstens ein Fünftel oder Sechstel, das als adjuvans oder constituens61 zur Arznei kommen muss. – Indessen hat sie doch das Verdienst der Kürze; die Liebe sollte, wie