1795_Jean_Paul_049_147.txt

es noch wie dieser fort, aber es erkaltet dann und schlägt nicht lange mehr. –

Unglückliche Liebe war also der nagende Honigtau auf dieser Blume, schloss Sebastian. natürlich dachte' er an sich zuerst; aber schon längst hatten ihn alle seine feinsten Beobachtungen, seine ihm jetzt geläufigern Rikoschet-Blicke aus dem Augenwinkel überwiesen, dass er die Auszeichnung, die sie ihm nicht versagte, mehr ihrer Unparteilichkeit als ihrer Neigung zuzuschreiben habe. Wer es sonst am hof seidas herauszubringen, stellt' er vergeblich einen Elektrizitätzeiger nach dem andern auf. Auch wusst' er voraus, dass er vergeblich aufstellen werde, da Klotilde alles Aushorchen ihres inneren vereiteln würde, wenn sie eine unerwiderte Neigung hätte; die Vernunft war bei ihr das Wachs, das man auf das eine Ende der magnetischen Nadel klebt, um das Niedersinken (die Inklination) des andern aufzuheben oder zu verbergen. Gleichwohl nahm er sich vor, das nächstemal einige Wünschelruten an ihre Seele zu halten. – –

Ich muss hier einen Gedanken äussern, der einigen Verstand verrät und mein Berechnen überhaupt. Mein Hund-Postmeister Knef sah wahrscheinlich nicht voraus, dass ich das Jahr und die Länge dieser ganzen geschichte bloss aus der Mondfinsternis des 25. Febr. herausrechnen würde, deren er Meldung tat, so wie überhaupt grosse Astronomen durch die Mondphasen sehr hinter die geographische Länge der Erde kamen. 1793 fiel das in diesem Kapitel erzählte vor: ich bin Mann dafür; denn da sich überhaupt die ganze geschichte, wie bekannt, im 9ten Jahrzehend des 18ten Jahrhunderts begibt, und da darin keine Mondfinsternis von einem 25sten Febr. überall zu finden ist als im Jahre 1793, d.h. im jetzigen: so ist mein Satz gewiss. Zur Sicherheit hielt ich alle in diesem buch einfallende Mond- und Wetterveränderungen mit denen von 1792 und 1793 zusammen; und alles passete schön ineinanderder Leser sollt' es auch nachrechnen. Ungemein ergötzend ist es für mich, dass sonach, da ich im Julius schreibe, die geschichte in einem halben Jahre meiner Beschreibung nachkommt. –

Viktor zauderte mit seinem Gange zur Fürstin nicht, um bei ihr die schweigende Klotilde für eine vollständige Nervenpatientin zu erklären. Er lachte selber innerlich über den Ausdruckund über die Ärzteund über ihre Nervenkurenund sagte: wie sonst die französischen Könige bei ihren Heilanstalten gegen die Kröpfe sagen mussten: "Der König berührt dich, aber Gott heilt dich", so sollten die Ärzte sagen: der Stadt- und Landphysikus greift dir an den Puls, aber Gott macht die Kur. – Hier indessen gab er sie aus drei guten Absichten für eine Nervenleidende aus: erstlich um für sie die Aufhebung der Hof-Leibeigenschaft, wenigstens die Befreiung vom genauen Hofdamen-Amt zu erlangen, weil in seinem Herzen immer der hineingestochene Splitter des Vorwurfs eiterte: "Du bist schuld, dass sie hier sein muss" – ferner um ihr die Erlaubnis der Land- und Frühlingsluft, falls sie einmal darum nachsuchte, im voraus auszuwirkenendlich um sie von der befohlnen Ähnlichkeit mit denen Damen zu erlösen, an deren bleifarbigen Gesichtern, wie an den Bleisoldaten der Kinder, sich das Rote täglich abfärbt, so wie täglich ansetzt. Da sich aber Agnola selber schminkte, so musst' er aus Höflichkeit es beiden auf einmal verbieten, als Arzt. Die Fürstin untersiegelte alle seine Bittschriften recht gütig; nur über den Schmink-Artikel gab sie in Rücksicht ihrer selbst gar keine Resolution, und in Rücksicht Klotildens diese: sie habe nichts dagegen, wenn sie bei ihr, ausgenommen an Courtagen und im Schauspiel, ohne Rot erscheine; und von der Anwesenheit bei beiden sei sie gerne dispensiert, bis sie wieder genesen sei.

Er konnte kaum den Abschied erwarten, um diesen Reichsabschied oderschluss der geliebten Kranken zu bringen. Ihn selber nahm diese Willfährigkeit der Fürstin wunder, bei der sonst Bitten Sünden waren, und die nichts versagte, als was man erbat. Seine Verlegenheit war jetzt nur die, Klotilden die Bewilligungen der Fürstin ohne das beleidigende Geständnis ihrer vorgeschützten Kränklichkeit beizubringen. Aber aus diesem kleinen Übel zog ihn ein grosses: als er bei ihr vorkam, sah sie noch zehnmal siecher aus als vorgestern bei der Entdeckung ihrer Verwandtschaft; ihre Blüten hingen zugedrückt und kalt betauet zur Erde nieder.

gang und Stellung waren unverändert, die äussere Fröhlichkeit dieselbe; aber der blick war oft zu flatternd, oft zu stehend; durch die Lilienwangen flog ein Fieberrot, durch die untere Lippe einmal ein zerdrückter Krampf... Hier hob das Mitleid den erschrocknen Freund über die Höflichkeit hinaus, und er sagte ihr geradezu die Einwilligungen der Fürstin. Er rief seinem beschwerten Herzen seine bisherige Hof-Kühnheit zu hülfe und befahl ihr, den nahen Frühling zu ihrer Apoteke zu machen und die Blumen zu ihren offizinellen Kräutern und ihrePhantasie zu ihrer Arzenei. "Sie scheinen mich" (sagte sie lächelnd) "zu den Lerchen zu rechnen, die in ihrem Bauer immer grünen Rasen haben müssen. Damit aber meine Fürstin und Sie nicht umsonst gütig waren: so werde' ichs am Ende tun. – Ich gesteh' es Ihnen, ich bin wenigstens eine eingebildeteGesunde: ich fühle mich wohl. ".... Sie brach es ab, um ihn mit der Freimütigkeit der Tugend und mit einem in schwesterlicher Liebe schwimmenden Auge über ihren Bruder auszufragen: ob er glücklich und zufrieden sei, wie er arbeite, wie er sich in seinen