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hatte befehlen müssen. Agnola, die, wie ihr Stand, rasch war, ersuchte ihn noch, als er zur medizinischen Oberexaminationskommission ernennet war, sein Amt nur ja recht bald, schon heute sogleich im Schauspiele zu verwalten, wo er die Examinandin treffen werde.

Und er fand sie. Das Schauspiel war ein aus Eldorado gelieferter funkelnder Solitär, Goetes Iphigenie. Da er die Kranke wieder mit dem Abendrot der Schminke sah, worin sie auf fremdes Geheiss sogar unter dem Untergehen schimmern sollteda er dieses stille, zum Altar gleichsam rot bezeichnete Opfer, das er und andere von seinen Fluren, von seinen einsamen Blumen weggetrieben unter die Opfermesser des Hofs, den Untergang seiner Wünsche stumm erdulden sah, und da er mit dem weiblichen Verstummen das männliche Toben verglichund da Klotilde ihren Schmerz der Iphigenie geliehen zu haben schien mit der Bitte: "Nimm mein Herz, nimm meine stimme und klage damit, klage damit über die Entfernung von den Jugendgefilden, über die Entfernung vom geliebten Bruder" – und da er sah, wie sie die Augen fester an die Iphigenie, wenn sie nach dem verlornen Bruder schmachtete, anzuschliessen suchte, um die Ergiessung und die Richtung derselben (nach ihrem eignen auf dem Parterre, nach Flamin) zu beherrschen: o dann hatten so grosse Schmerzen und ihre Zeichen in seinen Augen und Mienen einen solchen Vorwand nötig, wie die Allmacht des Genius ist, um mit Schmerzen der dichterischen Täuschung verwechselt zu werden.

Nie hat ein Arzt seine Kranke mit grösserer Teilnahme und Schonung ausgefragt, als er Klotilden im nächsten Zwischenakte: er entschuldigte seine Zudringlichkeit mit dem Befehle der Fürstin. Ich muss vorher berichten, dass die Krankeob er gleich bisher ein fallender Petrus war, den manches Hahngeschrei mehr zum Weinen als zum Bessern gebrachtdoch die zweite person blieb, die er nie verleugnete, d.h. die er nie mit seinen jetzigen frivolen, launichten, kühnen, fangenden Wendungen anredete. Die erste person, welche er zu hoch achtete, um mit seinem jetzigen Herzen an sie zu schreiben, – war sein Emaunel.

Klotilde antwortete ihm: "sie sei so wohl wie immer: das einzige, was an ihr krank sei," (sagte sie lächelnd) "nämlich die Farbe, sei schon unter den Händen einer Wundärztin, die sie wider ihre Neigung bloss von aussen heile." Diese scherzhafte Erwähnung des von der Fürstin dekretierten Schminkens hatte die doppelte Absicht, ihr Schminken zu entschuldigen und den Doktor aus seinem weichherzigen Ernst zu bringen. Aber das erste war unnötigda im Teater sogar Damen, die nie Rot auflegen, es beim Eintritt in die Loge auftrugen und beim Ausgang ausstrichen, um nicht an einem Baum voll glühender Stettineräpfel als die einzigen Quitten dazuhängen, und da überhaupt von dem ganzen weiblichen Hofstaat die mineralischen Wangen als Hof-Gesichtlivree gefodert wurden. Das zweite war vergeblich; vielmehr schwollen die Wunden seines Herzens durch zweierlei höher: durch jenes kalte, fast schwärmende Ergeben ins Verblühenund durch etwas unaussprechlich Mildes und Weiches, was oft im weiblichen Gesicht das brechende Herz, das fallende Leben bezeichnet, wie das Obst durch weiches Nachgeben beim Druck seine Reife ansagt.

O ihr guten weiblichen Geschöpfe, macht euch der Kummer, da euch die Freude schon verschönert, vielleicht darum noch schöner und zu rührend, weil er euch öfter trifft, oder weil sich jener in diese kleidet? Warum muss ich hier die Freude über euer Erdulden und Verschleiern der Schmerzen so flüchtig bekennen, da jetzt vor meiner Phantasie so viele Herzen voll Tränen mit offnen Angesichtern voll Lächeln vorüberziehen und eurem Geschlechte das Lob erwerben, dass es sich dem Kummer so gern wie der Freude öffne, wie die Blumen, ob sie sich gleich nur vor der Sonne auftun, doch auch auseinandergehen, wenn diese der Wolkenhimmel überzieht?

Viktor, ohne durch ihre Antwort irre zu werden, fuhr fort: "Vielleicht können Sie sich nicht von der schönen natur entwöhnen und von der Bewegungdas Nachtsitzen, das ich selber empfinde"- – Sie liess ihn nicht ausreden, um ihn daran zu erinnern, dass sie ja die jetzige Farbe von haus an den Hof mitgebracht. Man sieht aber in dieser Erinnerung mehr Schonung als Wahrheit; denn sie wollte ihr Hofamt nicht gerade vor dem verklagen, der es ihr erlangen half. – – Viktor, der ihre Kränklichkeit so sicher sah, und doch keine Frage mehr vorzulegen wusste, stand stumm, verlegen da. Das eigne Schweigen löset den Zurückhaltenden die Zunge: Klotilde fing selber an: "Weil ich nichts weiss, was mir hier schadet, als die Schminke: so bitte' ich meinen Arzt, mir diesen Diätfehler zu untersagen" – d.h. die Fürstin zum Widerruf ihres Schminkedikts zu vermögen – "Ich mag gern", fuhr sie fort, "doch einige Ähnlichkeit mit zwei so guten Freunden, Giulia und Emanuel, bekommen" – d.h. die blasse Farbe, oder auch die Meinung des baldigen Todes. – Viktor stiess ein hastiges Ja heraus und wandte das schmerzende Auge gegen den auffliegenden Vorhang.

Nie waren wohl die Szenen der Spieler und der Zuhörer sich ähnlicher. Iphigenie war Klotildeder wilde Orest, ihr Bruder, war ihr Bruder Flaminder sanfte helle Pylades sein Freund Viktor. Und da Flamin unten im Parterre mit seinem wolkigen Angesicht stand – (er kam nur, um seine Schwester bequemer zu sehen) –, so war es unserm und seinem