deren Verhältnisse man so gleichgültig unkennt wie deren Talente, wenn sie nicht ein Bedürfnis sucht – dieses Haschen nur nach dem nächsten Augenblick – dieses Vorüberrennen der feinsten und geistreichsten Fremden und Besuchameisen, die in drei Tagen vergessen sind – alles dieses, was die Paläste zu russischen Eispalästen macht, wo sogar der Ofen voll Naphtaflammen eine Eisscholle ist, wozu ich das komische Salz gar nicht zu setzen brauche, das ohnehin alles warme Blut, wie glauberisches das heisse wasser, erkältet, alles dieses machte sein Herz öde, seine Tage kahl und lästig, seine Nächte beklommen, sein Betragen zu kalt gegen Gute, zu duldend gegen Schlimme.
Noch dazu schwieg sein Emanuel und schloss, wie die natur, seine Blumen in sich ein. – Wen die natur ernährt und erhebt, der ist im Winter nicht so gut als im Sommer. Die Erde hatte ihren Pudermantel von Schnee um und den ganzen Tag die Nachtkleidung an, die Bäume hatten ihre Knospen in die Flocken- Papilloten gewickelt, und die Äste sahen wie Haarnadeln aus – Viktors Seele war wie die natur; o! der Himmel wärme bald in beiden die Blumen des Frühlings an!
Da die Krankheitgeschichte meines Viktor mich zu schmerzhaft an die versteckten Gifte im menschlichen Körper erinnert: so soll sie bald zu Ende sein. Es gefiel ihm, dass er durch das Herumflattern immer galanter und kälter gegen alle weibliche Personen wurde – das Seil der Liebe schneidet weniger tief in den Busen ein, wenn es, in Fäden und Flocken ausgezupft, um alle flattert. Er, der, wie sein Namenvetter, der heilige Sebastian, ganz mit (Amors) Pfeilen vollgeschossen aussah, liess Pfeile anderer Art gegen das ganze Geschlecht, wiewohl nie gegen Einzelwesen, fliegen. In diesem letzten Umstand war seine Bitterkeit von Mattieus seiner unterschieden, der z.B. von seiner eignen Base, die ihre Schönheit durch späte Blattern verloren, sagen konnte: "Ihre Schönheit hielt sich recht tapfer gegen die Blattern und trug aus diesem Siege die herrlichsten Narben davon, und zwar alle, wie Pompejus' Ritter, von vornen im Gesicht."
Wie Teufelsdreck zum haut-gout gebracht wird, so würzet man das feinste savoir vivre durch einige kühne Unhöflichkeiten. Bastian war in der Tarantelzeit durch nichts verlegen zu machen – er ging und kam wie ein Pariser ohne Umstände – er suchte oft kühne, aber vorteilhafte Stellungen seines Körpers – unter dem Schauspiel tat er Reisen durch die Logen, wie der Fürst durch die Kulissen – er brachte es (obwohl mit Mühe, und nur indem er sich immer das Muster der Hofleute vorhielt) fünfmal dahin, dass er gleichgültig zuhörte oder gar wegschauete, wenn ihm der andere erzählte; welches alles, wenn nicht wesentliche, doch Nebenstücke der wahren Höflichkeit sind.
Auch will ich zu seinem Ruhm nicht unbemerkt lassen, dass er sich die ordentlichen erotischen und satirischen Freiheiten der gallikanischen Kirche gegen mehre Weiber auf einmal nahm; denn vor einer einsamen hatte' er noch die alte Ehrerbietung eines edlen Herzens. Ich will von jenem doch ein Beispiel gehen. Einmal war er unter fünf Verleumderinnen (die Gesellschaft bestand aus sechs Frauenzimmern und einer Mannsperson); die hässlichste schwärzte alle, sogar gedruckte Mädchen an, z.B. die verstorbene Klarisse, der sie vorrückte, sie habe gegen Lovelace nicht genug gewusst sauver les dehors de la vertu. Man muss es gewärtig sein, wie die Königsberger Schule es in ihren Rezensionen aufnimmt, dass er sich vor der Verleumderin auf ein Knie hinliess und mit einigem Ernst sagte: "Clarisse! Voici Votre Lovelace, retranchons quatre tomes et commençons comme les faiseurs d'Epopées par le reste.59"
Freilich warf er sich die Tarantelzeit häufig unter der Tarantelzeit vor; und da der Heidenvorhof seines Herzens so voll Weiber wurde, indes im Allerheiligsten desselben nichts war als ein stummes Dunkel, und da sein Kopf ein Insektenkabinett von Hofkleinigkeiten wurde: so seufzete er freilich oft in seinem Erker: "O! komme bald, guter Vater, damit dein sinkender Sohn aus diesem schmutzigen Märznebel in ein helleres Leben steige, eh' er sich ganz befleckt hat, dass er nicht einmal diesen Wunsch mehr tut" – und sooft er in Joachimens Zimmer die Prospekte von Maiental – welche Giulia vom Porträtmaler Klotildens machen lassen – zu gesicht bekam: so zog er mitten im Scherzen das Auge von ihnen mit einem Seufzer weg – – Aber geheilt wurde' er nicht, als bis das Schicksal sagte: jetzt! Da klopfte der Teaterschlüssel auf einmal, der die Menschen in der Schauspielerprobe des Lebens – das Schauspiel selber wird erst im zweiten gegeben – kommen und handeln heisst; und es trug sich etwas zu, was ich sogleich im folgenden Kapitel berichten werde, wenn ich in diesem auserzählet habe, wie Viktor mit allen Leuten um sich her stand.
Mit manchen eigentlich schlecht – erstlich mit Klotilden. Sie wohnte zwar bei dem Minister – als Hofdame hätte sie ins Paulinum gehört, allein der Fürst hatte es wegen der Leichtigkeit, sie zu sehen, so karten lassen –, aber sie war immer um die Fürstin, mit der sie bald ein ähnlicher Ernst und eine ähnliche Zurückhaltung verknüpfte. Ihre Gleichgültigkeit gegen einen, der mit ihr einen gemeinschaftlichen Freund und Lehrer hatte, gab diesem Viktor eine noch grössere, zumal da er wusste, sie müsste fühlen, dass in dieser kalten Berg- und Hofluft nur ein einziger, obwohl falber Nelken-Absenker ihrer schönen Seele blühe, er selber nämlich.