und zerbiss die krampfhafte Lippe, womit er es sagte. – Einige Tage lang mocht' er nicht einmal Joachime sehen. "Hat diese denn ein Auge für die natur und ein Herz für die Ewigkeit?" fragt' er, und er wusste wohl die Antwort.
jetzt ging eine Zeit für ihn an, die gerade das Gegenteil der Sabbatwochen war – man kann sie die Renn-Wochen oder die Tarantel- Tanzstunden der Besuche nennen. Es ist eine verdammte Zeit, der Mensch weiss nicht, wo er steht. Sie fiel bei Viktor gerade in die Wintermonate, wo ohnehin die sausenden Butterwochen der Städte und Höfe sind. Ich will sie jetzt ordentlich schildern.
Viktor suchte nämlich sein uneiniges unglückliches Herz zu überschreien und zu betäuben – nicht mit den Trommelwirbeln der Lustbarkeiten; unter diesen verblutete es vielmehr, so wie unter dem Trommeln die Wunden stärker fliessen: sondern – mit Menschen; diese waren die blutstillenden Schrauben, die er um seine Seele legte. Sein Leib war jetzt wie der katolische Reliquienleib eines Apostels an allen Orten; er verlief den ganzen Tag, bald mit, bald ohne den Fürsten.
In Flachsenfingen war zuletzt keine Dame mehr, der er nicht die Hand geküsset hatte – und kein Nachttisch mehr, wo er es dabei hätte bewenden lassen.
Er machte in den Rennwochen doppelte Schleifen – französische Pas – Tupfdesseins – kleine Komödien – Scharaden – Rezepte für Kanarienvögel – Verse für Fächer – tausend Besuche – und noch mehr MorgenBriefchen....
Letzte, die er bekam und schickte, waren französisch geschrieben und französisch gebrochen – nämlich zu Haarwickeln gequetscht: "Es sind", sagt' er, "die Haarwickel weiblicher Gehirnfibern – die Patronen voll Amors-Pulver – die Kokons der liebenden Schmetterlinge" – er sprach vom Steigen und Fallen dieser weiblichen Papiere und nennte sie noch die Aushängebogen des weiblichen Herzens und die Schmutztitelblätter der koketten Edikte von Nantes. "Ich behaupte dies,"- setzt' er hinzu – "um mich vom Hofjunker Mattieu zu unterscheiden, ders leugnet, weil er gar verficht, anfangs dringe man den Schönen Briefe auf, dann Dinge von mehr Kubikinhalt, z.B. Fächer, Juwelen, hände, dann endlich sich selber, so wie die Posten anfangs nur Briefe aufnahmen, dann Pakete, endlich Passagiere."
Er fand diejenigen Weiber täglich amüsanter, die uns Leuten von Verstand das Herz aus der Brust und das Gehirn aus dem Kopf entwenden, und zwar (wie jener Edelmann anderes Zeug) nicht aus Liebe zum gestohlnen Gute, sondern aus Liebe zum Rauben- sie schicken wie der Edelmann den andern Morgen das Gut dem Eigner redlich wieder zu. Ihre Feinheiten – die seinigen – seine Wendungen, um ihren auszuweichen – die Aufmerksamkeit, die man auf sich wenden muss – die gelegenheit, alle Empfindungen unter die feinsten Trennmesser zu bringen, oder unter Sonnenund Mondmikroskope – die Leichtigkeit, den aufrichtigsten Wahrheiten den sauern Geschmack und den angenehmsten den süsslichten zu benehmen – – dieses machte ihm die Nachttische der Weiber, besonders der koketten, zu Lektisternien und Göttertischen: "Beim Himmel," sagte der Nacht-Tischgänger oder Toiletten-Panist, "ein Mann ist bloss ein Holländer, höchstens ein Deutscher, aber eine Frau ist eine geborne Französin oder gar eine Pariserin – der Mann verbirgt seine moralische wie seine physische Brust – Gedanken und Blumen, die nicht durch die Raufen der vier Fakultäten durchfallen, Empfindungen, die nicht in den Akten oder in einem ärztlichen Befundzettel können beschrieben werden, muss man wahrlich nur einer Frau und keinem mann sagen, zumal einem flachsenfingischen" ... oder einem scheerauischen. –
Um sich zu entschuldigen, dass er mit den Koketten auf dem Fuss eines Sammliebhabers umging, berief er sich auf seine Absicht- sie bloss kennen lernen zu wollen – und auf den vortrefflichen Forster, der in Antwerpen vor Rubens' Maria, die auf dem Altarblatt gegen Himmel fährt, so gut wie ein geborner Katolik hinkniete, bloss um sie näher zu beschauen.
Er hatte noch eine gefährlichere Entschuldigung: "Der Mensch", sagte er, "sollte alles sein, alles lernen, alles versuchen – er sollte an der Vereinigung der beiden Kirchen in seiner Seele arbeiten er sollte, wenn nur auf ein paar Monate, ein Stadtmusikus, Totengräber, Galgenpater, ein Ingenieur, Tragödiensteller, Oberhofmarschall, ein Reichsvikarius, Vizelandrichter, ein Rezensent, eine Frau, kurz alles sollte der Mensch auf einige Tage gewesen sein, damit aus dem Farbenprisma zuletzt die weisse vollkommne Farbe zusammenflösse." –
Die Grundsätze werden desto gefährlicher bei einem wie er, der, mit den hochgespannten saiten der unähnlichsten Kräfte bezogen, leicht den Ton eines jeden angab, nicht aus Verstellung, sondern weil sich seine Umgangs-Dichtkraft tief in die Seele des andern versetzen konnte – daher gewann, ertrug und kopierte er die unähnlichsten Menschen, ungeachtet seiner Aufrichtigkeit. Ich bedaure ihn aber, dass er überall so viel zu verschweigen hatte, sein Erraten des Fürsten, sein Herz gegen Klotilde, seine Versöhn-Intrigen gegen Agnola, seine Wissenschaft von Flamins Verhältnissen u.s.w. Ach Verschweigen und Verstellen fliessen leicht zusammen, und müssen nicht Tropfen in den festesten Charakter, sobald er immer unter der Traufe steht, endlich Narben graben?
Nichts erkältet mehr die edelsten Teile des inneren Menschen als Umgang mit Personen, an denen man keinen Anteil nehmen kann. Dieses Gastwirtleben am hof, täglich Leute zu sehen, die nicht einmal Ich sagen,