der Minister) "Ihre Schüler an ihnen finden; Dichter bekümmern sich, wie die Heiligen, wenig um die Welt und ihr Wissen; sie können den Staat besingen, aber nicht belehren." – O du grinsende Mumie, dachte Viktor, ein Edelstein, den du nicht als einen Staatsbaustein vermauern kannst, ist dir weniger als ein Sandblock. Wenn du nur jede flammende, als eine Ergänzung der republikanischen Antiken dastehende Seele zu einem Unterschreiber, zu einem Zollkommisar oder Kammerfiskal einsetzen könntest (wie die Grosskairer die Ruinen zu Ställen und Pferdetränken verbauen)! – Der edle Matz fügte bloss hinzu: "In Rom war ein Maler, der mit jedem nur singend sprach; und ich kannte einen grossen Dichter, der nicht einmal im gemeinen Leben Prose konnte; er konnte aber mehres nicht und hatte wenig Welt, aber viel Welten im kopf – er wird, wenn er sich drucken lässt, seinen Lesern kaum mehre Täuschungen geben, als ihm jeder schon gemacht hat, der wollte."- – Viktor sah aus Klotildens gesenktem Auge, dass sie so gut wie er merke, dass der Teufel ihren Dahore meine; aber er schwieg; seine Seele war traurig und erbittert; aber er war längst durch den Hof die zu ertragen abgehärtet, die er hassen musste.
Unter dieser Disputation hatte der edle Matz die ganze Gruppe unvermerkt in schwarzem Papier nachgeschnitten. "Ach!" sagte Joachime, "das ist nicht das erstemal, dass er Gesellschaften schwarz abbildet."Da aber Viktor Silhouettengruppen niemals sehen konnte, ohne an uns zerrinnende Schatten-Menschen, an dieses versiegende Zwerg-Leben, an die auf das Leben gezeichneten Nachtstücke und an die Schattenpartien, die man Völker nennt, zu denken – und da ihn daran ausser seiner Traurigkeit und ausser einem Wachs-Skelett von Mad. Biheron, das im Naturaliensaale mit dastand, noch mehr die blasse Gestalt Klotildens erinnerte und da diese, mit den vergleichenden Augen auf dem Gerippe und dem Schattenbilde? leise zu Viktor sagte: "Mich könnten zu einer andern Zeit so viele Ähnlichkeiten traurig machen" – so durchschnitt sein volles Herz der scharfe Schmerz über seine ewige Armut und über die Gewissheit: "Dieses schöne Herz bewegt sich nie für deines, und wenn ihr Freund Emanuel gestorben ist, bleibst du immer allein" – und er trat ans Fenster, drehte es hart auf, schlang den Nordwind ein, zerdrückte mit der Faust die zwei Augäpfel und ging mit den – vorigen Zügen wieder zu den andern.
Aber für heute hatten solche Erschütterungen zu tief in sein Herz hineingerissen. Und da ihm Klotilde in einer einsamen Sekunde sagte, dass die Pfarrerin und Agate über sein Aussenbleiben zürnten: so war er, dem sich bei diesen Namen die ganze bewölkte Vergangenheit wie ein Himmel auftat, nicht imstande eine Antwort zu geben.
Als er nach haus kam, redete Klotildens stimme, die er unter allen ihren Reizen am wenigsten vergessen konnte, unaufhörlich und wie das Echo eines Trauergesangs in seiner Seele... Leser, wenn das, was du liebtest, lange verschwunden ist aus der Erde oder aus deiner Phantasie, so wird doch in Trauerstunden die geliebte stimme wiederkommen und alle deine alten Tränen mitbringen und das trostlose Herz, das sie vergossen hat! ... Aber nicht bloss ihre stimme, sondern alles drängte sich im Finstern um seine Phantasie, ihr bescheidenes Auge, das nicht hofmässig blitzte und ertrotzte und suchte, wie der andern ihre, diese behutsame Feinheit, die ihm seit seinem Hofleben weder an ihr noch an seinem Vater mehr zu gross vorkam – dazu setze man noch das Bild Joachimens und sein Chaos von Widersprüchen und die Bemerkung, dass ein Mensch, den die gewissesten Beweise, ungeliebt zu sein, beruhigt haben, doch bei einem neuen wieder leidet: so kennt man die Bewegungen, die der Schlaf, diese Meerstille des Lebens, bei ihm stillen musste.
"Das war das letzte Fieberschauer", sagt' er am andern Morgen und bauete auf sein jetziges Herz, dessen Entzündungen wie die der Vulkane täglich ihren Kessel mehr ausbrannten. Er gebot sich daher eine wöchentliche Flucht vor der zu teuern Seele, in der Absicht, dass der neue Nachklang seiner Liebe in seinem Herzen auszittere und alles wieder still werde darin.
Aber nach einer Woche sah er sie wieder: wahrlich, der Teufel sass wieder am Spieltisch und spielte gegen ihn eine andere Farbe aus – Rot. Klotilde sah nicht blass, sondern, obwohl nur wenig, rot aus. Dieses Rot machte an seinem inneren Menschen einen grossen Klecks und verfälschte sein inneres Kolorit, wie Schwarz jede Malerfarbe. Denn als er sie genesen wiederfand: so war es ihm nicht sowohl angenehm – denn er sah, wie wenige Verdienste er mehr um ihre Ruhe habe, wie sie ihn nicht einmal in diesem Warenlager von Menschen-Makulatur aushebe, und wie dumm er gewesen, dass er sich heimlich, ganz heimlich träumen lassen, "ihre vorige Bleichheit komme gar von ihrer vergeblichen sehnsucht nach ihm seines Orts her" –, desgleichen war es ihm auch nicht unangenehm – denn er hätte all sein Herzblut dahingegossen, um damit eine einzige Pulsader in ihr wieder in den gang zu bringen-, ich sage, es war ihm nicht sowohl angenehm oder unangenehm als beides, als unerwartet, als ein Wink, des – Teufels zu werden. Sein Herz und das Bild, das zu lange darin war, wurden gar entzweigedrückt: "Es sei!" sagt' er