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aber eben dieses bestimmte ihn, sich gerade so zu betragen, als wären Herz und Pulse voller: "Es wäre unedel," (dachte' er) "wenn es die gute Joachime entgelten müsste, dass ich einmal andere Hoffnungen und Wünsche gehabt als die neuesten." Diese Aufopferung erwärmte ihn mit eigner achtung; diese achtung gab ihm den männlichen Stolz, der mit seiner Liebe und seiner Wahl allen vier Weltteilen trotzt; dieser Stolz gab ihm wieder Freiheit und Freudeund jetzt war er imstande, mit Klotilden zu reden wie ein vernünftiger Mensch.

Diese ganze innere geschichte nahm freilich einen zwölfmal grösseren Zeitraum ein als Muhameds Reise durch alle Himmelfast eine gute Stunde. Ein Zufall aber warf sich zwischen alle seine Ideen. Da nämlich die Ministerin eine wahre Gelehrte warsie wusste, dass ein paar Quarzdrusen und einige Präparate und ein ertränkter Fötus noch keinen Gelehrten machen, sondern erst ein Lehrsaal voll Naturalien und ein Lesekabinett –, und da der Kammerherr Le Baut ein Gelehrter wardenn sein Kabinett war ebenso gross –: so wurde dem Kammerherrn die Sammlung gezeigt, die er selber bereichern helfen. Man sollte denken, sie hätten einander ausgelacht und für Narren gehalten; aber sie hielten sich wirklich für Gelehrte; denn den Grossen wachsen die Früchte vom Baume des Erkenntnisses so ins Fenster und ins Maulsie haben so viele Leichtigkeit, Kenntnisse zu erlangen (daher die zweite, sie zu zeigen) – sie suchen im Brunnen der Wahrheit so selten etwas anders als ihr eigenes, mit Wasserfarben gemachtes Kniestück, und in die Tiefe dieses Brunnens zu waten, wäre für sie eine solche Erkältungund doch gehen sie auf der andern Seite mit so vielerlei Personen von Kenntnissen aus allen Fächern um – – dass sie von allem etwas über der Tafel erfahren und durch die Ohren, durch Mundüberlieferung, wie die Schüler der Alten, Vielwisser werden. Wenn sie nachher gar das, was ihnen ungehört geblieben, vollends zu entbehren wissen, was ist dann zwischen ihnen und den ärmsten Gelehrten für ein Unterschied als der in dem Bewusstsein?

Im Naturalien- und Bücherkabinett lag noch die ganze Neujahr-Ladung von summenden Käfern mit goldnen Flügeldecken ohne Flügelich meine die vergoldeten Musenalmanache. Mattieu, dieser Nachahmer der tierischen Nachtigallen, war der Erbfeind der menschlichen, nämlich der Dichter. Er sagtewas in eine Rezension besser gepasset hätte –: "er sei ein grosser Freund von Versen, aber im Winterdenn wenn er so durch die Blumen-Beete eines Almanachs streiche, so werde' er, wie einer, der durch ein Bohnenfeld geht, schläfrig genug und könne einschlafen. – Und da gerade die Nächte länger würden, und man also einen längern Schlaf bedürfe, so sei es schön, dass die Almanache gerade mit Winteranfang erschienen, und dass diese Blumen mit den Moosen zu einerlei Jahrzeit blühtenso könne man doch am murmelnden Bache in den Versen einschlafen, wenn das Murmeln und Schlafen auf der gefrornen Wiese nicht mehr gehe." – –

Unser Viktor war so satirisch wie der Evangelist; er hatte im Hannöverischen so gut wie dieser hier gelacht – z.B. er hatte beklagt, dass die meisten Almanachsänger leider mehr für den Kenner arbeiteten als für dumme Leser und schon zufrieden wären, wenn sie nur jenen in den Schlaf versetztendass ein Mensch, der keine Prose schreiben könnte, versuchen sollte, ob er zu keinem Volksänger tauge, wie nur die Vögel, die nicht reden lernen, singen könnendass er einen guten Almanach am ersten und angenehmsten durchbringe, wenn er bloss die Reime durchlaufeund dass flache Köpfe wie flache Diamanten, denen keine Facetten zu geben sind, zu Herzen würden und uns statt der Gedanken Tränen gäben, in denen nicht einmal das Aufgusstierchen eines Gedankens schwimme....

Aber er sah noch eine Seite mehr als Mattieu, nämlich die edle. – Es war seine Gewohnheit, gerade diese vorzudrehen, wenn ein anderer nur die schlechte gewiesen, und umgekehrt. Seine Meinung war: "die Dichter wären nichts als betrunkene Philosophenwer aber aus ihnen nicht philosophieren lerne, lern' es aus Systematikern ebensowenigdie Philosophie mache nur die Silberhochzeit zwischen Begriffen, die Dichtkunst aber die erste leere Worte geb' es, aber keine leere Empfindungen- der Dichter müsse, um uns zu bewegen, bloss alles Edle zum Hebel nehmen, was auf der Erde ist, die natur, die Freiheit, die Tugend und Gott; und eben die Zauberstäbe, die magischen Ringe, die Zauberlampen, womit er uns beherrsche, wirken endlich auf ihn selber zurück." –

Er legte diese Meinungals Mattieu die seinige und Joachime ihre eigne vorgetragen, dass nämlich ihr an den Musenalmanachen wenigstens zwei oder drei Blätter gefielen, nämlich die glatten Pergamentblätterviel kürzer vor; – die Ministerin war der seinigen (denn sie war selber eine Versifexin); – der Kammerherr sagte, "jede Stadt und jeder Fürst bete ja die Dichter in eignen Tempeln annämlich in den Schauspielhäusern"; – Klotilde durfte sich nun zu den Siegern schlagen: "Wenn man im Januar einen Dichter lieset, so ist es so lieblich, als wenn man im Junius spazieren geht. – Ich kann weder Philosophen noch Gelehrte lesen; es bliebe mir" (sie wollte sagen: ihrem Geschlechte) "daher gar zu wenig, wenn man mir die lieben Dichter nähme." – "Sie würden höchstens" (sagte endlich