Tautropfe in einem weichen Blumenkelch, den alles zerdrückt, verschüttet, aussaugt, und der noch vor der Mittagsonne entflohen ist; solche für eine Welt voll Sturm zu biegsame Seelen, die zu viel Nerven und zu wenig Muskeln haben, verdienen ihrer Empfindsamkeit wegen das einfressende Salz der Satire nicht, das sie wie Schnecken zernagt – die Erde und wir können ihnen wenig Freuden geben, warum wollen wir ihnen die andern nehmen?"
Aber die Trauerzüge, die jetzt das Mitleid durch Joachimens Lächeln zog, drückten sich deutlich in Viktors Herzen ab, und das, was sie hier verbergen wollte, machte sie reizender als alles, was sie je zu zeigen gesucht.
Nichts ist gefährlicher – wie er vor einigen Wochen getan –, als sich verliebt zu stellen: man wirds sogleich darauf. So war der Weichling Baron einige Tage, wenn er einen Helden von Corneille gespielet hatte, selber einer. So starb Moliere am eingebildeten Kranken und Karl V. am probe-Begräbnis. So machte die papierne Krone, die Cromwell in einem Schuldrama aufbekommen hatte, ihn auf eine härtere begierig. – Die zweite Lehre, die daraus zu lernen ist (diese setzt aber freilich voraus, Joachime war eine Kokette), ist die: dass ein Held die Koketterie wahrnehmen und doch hineintappen könne; ein Poet sitzt wie die Nachtigall (der er an Gefieder, Kehle und Einfalt ähnelt) oben auf dem Baume und sieht die Falle stellen und hüpft hinunter und – hinein.
Nach einigen Tagen – als in Viktor die Frage über Joachimens Wert und über seine Liebe wie eine Woge auf- und ablief; als er schlecht mit Flamin, gut mit der Fürstin und besser mit dem Fürsten stand, der jeden Tag nachfragte, wenn Klotilde käme – kam sie.
23. Hundposttag
Erster Besuch bei Klotilde – die Blässe – die Röte –
die Renn-Wochen
"Ja, das gesteh' ich," – sagte Viktor, der am andern Tage nach Klotildens Ankunft in seiner stube umherlief – "in ein Gewitter oder in ein stürmendes Meer säh' ich herzhafter als in das kleine Gesicht, in einen heitern Himmel von drei Nasenlängen." Aber er half sich dadurch, dass er einen abgerissenene FortissimoAkkord auf dem Klavier anschlug: dann konnte er zu Klotilden. Bloss unterwegs sagte er: "Nirgends wird so viel gezankt als in einem Menschen- Welcher Teufelslärm in diesem fünfschuhigen Disputatorium über den geringsten Bettel, bis nur aus einer Bill eine Akte wird! – Ein tragbarer Nationalkonvent in nuce ist man, ich kann keinen Schritt tun, ohne dass erst die rechte und linke Seite darüber haranguieren, und die enragés und die noirs, und der Herzog von Orleans und Marat. Das Abscheulichste ist im innerlichen Regensburger Reichstage des Menschen, dass die Tugend darin mit zehn Sitzen und einer stimme sitzt, der Teufel aber mit einem Steisse und sieben Stimmen." –
Durch diese lustigen Selbergespräche wollt' er sich vom Anblick seiner verworrenen, verstockten, kaltwunden, immer Joachimen zu Klotilden hinaufhebenden Seele entfernen. Er wurde endlich bloss durch den tugendhaften Entschluss wieder rein ausgestimmt, jetzt die Liebe zu Joachimen nicht zu verstecken – "sich ihrer nicht zu schämen", hätt' er bald gedacht. "Wenn ich mich gegen Joachime wärmer, und gegen die andre kälter stelle, als ich etwa bin: so müsste der Teufel sein Spiel haben, wenn ichs nicht endlich würde."
Der hatte' es aber eben, und zwar ein wahres L'hombrespiel zu vier Personen58 mit dem mort: dieser Croupier hatte die einzige Volte geschlagen, dass er das Gesicht Klotildens mit einer ganz andern Farbe ausspielte, als er in Le Bauts schloss getan. Viktor fand sie in Schleunes seinem unendlich schöner wieder, als er sie verlassen hatte – blässer nämlich. Da sie keine Nervenpatientin war, keine Kälte mied, sogar in Dezemberabenden allein auf dem dorf spazieren ging: so waren sonst ihre Wangen mehr dunkle Rosenknospen als aufgegangene abgebleichte Rosenblätter. Aber jetzt war die Sonne ein Mond geworden – sie hatte in irgendeinem Kummer, wie der Saphir im Feuer, nichts verloren als die Farbe, statt des Blutes schien die stillere, zärtere Seele selber näher durch den weissen Florvorhang zu blicken. Alles Blut, das aus ihren Wangen zurückgewichen war, floss in seine über und stieg ihm wie ein Zaubertrank in den Kopf; indes suchte er sich in diesen den Gedanken zu setzen: "Wahrscheinlich machte sie mehr der Zank mit ihren Eltern, weniger der Kummer, hieher getrieben zu werden, krank!" –
Wenn man sich einmal vorgesetzt hat, sich kalt zu stellen: so wird man es noch mehr, wenn man Ursachen findet, es nicht zu werden. Viktor wurde noch kälter durch Klotildens Eltern, die mitgekommen, und von deren Fehlern ihm auf einmal der Deckmantel weggezogen zu sein schien; an Personen, die man einer dritten wegen zu hoch geachtet, nimmt man, wenn uns die dritte nicht mehr zwingt, durch eine grössere Heruntersetzung derselben Rache. Auch sagte er zu sich: "Da sie ihren Bruder Flamin jetzt selten sieht: so wär's einfältig, sie einer verlegnen Minute durch die Erzählung blosszustellen, dass ich die Verwandtschaft weiss." – Armer Viktor! – Gleichwohl war es ihm unmöglich, sein Herz nur mit so viel elektrischer Wärme vollzuladen – er rieb es mit Katzenfellen, er schlug es mit Fuchsschwänzen –, als dasein musste, dass sein Puls wenigstens voll für Joachimen gegangen wäre, geschweige fieberhaft;