ins Paulinum. Er beneidete oder segnete vielmehr den Zeugmacher, den Stiefelwichser, den Holzhacker, der abends seinen Krug Bier, seine Andacht, seine Stollen und seine trompetenden Kinder hatte; desgleichen ihre Weiber, die heute schon den Morgen anbissen, nämlich die marmorierte gesprenkelte Kleiderrinde für den zweiten Feiertag. Im bunten Dunst- und Tierkreis stand die Fürstin als Sonne, ebenso unglücklich wie ihre Unglücklichen; nur der Traum (dachte' er) kann einen König glücklich machen, oder einen Armen unglücklich. Als er sah, wie sie alle nach einem sparsamen Froschregen von Worten und nach Erfrischungen, d.h. Erhitzungen und Ermattungen, ein Postzug um den andern nach dem Hof- und Adresskalender an die Spieltische eingeschirret wurden – an jedes Brett kam das nämliche Bunterie-Gespann alter Gesichter –, so wunderte er sich zu allererst über die allgemeine Geduld; an einem Schwarzen der Hof-Goldküste sind sicher, schwur er, wenn man nur bedenkt, was er anzuhören und auszustehen hat, die Ohren und die Haut, wie an gebratnen Milchferkeln, die besten Stükke. Hier muss der Löwe dem Tiere die Haut zum Domino abbetteln, das ihm sonst seine abgeborgt. Hier unter diesen von kleinen Seelen gebückten Gestalten (wie auch Blätter sich krümmen, wenn Blattläuse daran wohnen) kann kein grosser, kein kühner Gedanke getragen werden, sie können wie Getreide, das sich lagert, nur taube Körner geben.
Vor der Tafel fuhr der teil oder Bogen des um die italienische Sonne laufenden Hofs, der nicht dazu eingeladen war, nach haus, missvergnügt über die Langeweile des Spieles, und noch missvergnügter, dass gerade gewisse Personen der Langeweile der Tafel gewürdigt waren.
Joachime, an welcher die zurückhaltende Agnola wenig Vergnügen fand, ging mit ab, aber der Doktor nicht und ihr Bruder Matz gleichfalls nicht, der die Ehre hatte, hinter der Fürstin Stuhl in der Marschsäule, die sie, ihr Kammerherr, ein Page und ein Hoflakai machten, gerade den Mittelpunkt zu bilden; er stand bekanntlich sogleich hinter dem Kammerherrn und war der einzige, der aussah wie ein leserliches Pasquill auf alles zusammen. Über die Tafel, worüber wenig gesprochen wurde, höchstens sehr leise von zwei Nachbarn, soll auch hier nichts gesprochen werden.
Nach dem Essen kam der Fürst und störte das steife Zeremoniell, das er aus Bequemlichkeit hasste, so wie es Viktor aus Philosophie verachtete: "Wahrlich, ein Erzengel," – sagte Viktor oft – "der die menschliche, in allen Kleinigkeiten beobachtete Tugend und Weisheit bemerkte an Sessiontischen, an Altären, in Besuchzimmern, müsste seinen Himmel und seine Flügel verwetten, dass wir einen heller oder doch etwas taugten – in grösseren Dingen; wir wissen aber sämtlich, wo es hinkt; und eben dieser Ekel an der steifen altklugen dezenten Mikrologie und Maschinerie der Menschen ist die Laune des Satirikers. Die moralische Verschlimmerung entspinnt sich zwar aus Geringfügigkeiten, aber nicht die Besserung; Satanas kriecht durch Jalousieläden und Sphinkter in uns, der gute Engel zieht durch das Haupttor ein." – Agnola belohnte heute unsern Helden für seine bisherige, es so treumeinende Beflissenheit mit einer wärmern Aufmerksamkeit, die in seinen Augen durch ihren Schmuck – sie trug den der vorigen Fürstin, ihren eignen und den vorigen mütterlichen – und durch ihren ganzen Prachtanzug noch schöner wurde; denn er liebte Putz an Weibern und hasste ihn an Männern. Seine achtung nahm durch den Schmerz, dass sie Jenners eigennützige Absichten bei seinen Besuchen (wegen der künftigen Klotilde) mit schönern vermenge, und dass man es ihr doch nicht sagen könne, eine gerührte Wärme an. Wie kams, dass ihn dann Agnola an Joachime erinnerte; dass diese der Ableiter der achtung für jene wurde; und dass alle liebende Gefühle, die ihm die Fürstin gab, zu Wünschen gerieten, Joachime möchte sie verdienen und empfangen?
Mit dieser Seele voll sehnsucht fuhr er heute ohne Umstände zu dieser Joachime zurück, in deren Hand er bekanntlich eine kleine Wunde gelassen. Er sagte bei ihr: "er müsse als Mörder und Medikus noch heute nach der Wunde sehen"; aber wie Sonnenschein fiel ein schöner neuer Kummer auf Joachimens Angesicht wärmend in seine Seele. Er konnte' es kaum erwarten, mit ihr auf den Balkon hinauszukommen, um darüber zu reden. Draussen machte er in wenig Minuten die Schnittwunde und die Dezemberkälte zum Vorwand, die Hand und den Schnitt in seine zu nehmen, um sie zu wärmen: "Wunden schadet Kälte", sagte er; aber der feine Narr hätte hier das Seinige dabei gedacht. Der leere Abend, die Erinnerungen an die Weihnacht-Kinderfreuden, der herunterblickende Sternenhimmel, der alle dunkeln Wünsche des Menschen wie Blumen in der Nacht magisch beleuchtet, und die Stille überfüllten und beklemmten seine verlassene Seele, und er drückte die einzige Hand, die ihm jetzt das Menschengeschlecht reichte. Er fragte sie geradezu über ihren Kummer. Joachime antwortete sanfter als sonst: "Ich wollte Sie dasselbe fragen; aber bei mir ist es natürlich." Denn sie habe, erzählte sie, bei ihrer Zurückkehr das Gepäcke Klotildens und die Nachricht der Ankunft und – was eben der Punkt ist – die Kleider ihrer Schwester Giulia, denen Klotilde bisher eine Stelle unter ihren gegeben, angetroffen. Diese Giulia war bekanntlich an Klotildens Herzen verschieden, einen Tag vorher, eh' diese aus Maiental nach St. Lüne zog.
Ein Chaos durchschoss sein Herz; aber aus dem Chaos setzte sich bloss die umgesunkne Giulia zusammen – denn Klotilde wich täglich