, dass er hier so wenig seine edlern Kräfte für die Menschheit anspannen können, dass seine Träume, durch den Fürsten Übel zu verhüten, Gutes auszurichten, Fieberträume blieben, weil z.B. sogar die besten Männer am Ruder des staates Ämter durchaus nur nach Verhältnissen und Empfehlungen besetzten und fremde und eigne Ämter nie für Pflichten, sondern für Bergwerkkuxen hielten. Er betrübte sich über seine Unnützlichkeit; aber er tröstete sich mit ihrer notwendigkeit: "In einem Jahr, wenn mein Vater kommt, sag' ich mich los und richte mich zu etwas Besserem auf", und sein Gewissen setzte dazu, dass seine persönliche Unnützlichkeit der Tugend seines Vaters diene, und dass es besser sei, in einem Rade, bei der Tüchtigkeit zu einem Perpendikel, ein Zahn zu sein, ohne welchen das Gehwerk stocken würde, als der Perpendikel eines ungezähnten Rades zu werden.
In solchen Lagen fragte er sich immer von neuem: "Ist vielleicht Joachime, wie du, besser, weicher, weniger kokett, als sie scheint? und warum willst du sie nach einem äussern Schein verdammen, der ja auch der deinige ist?" Ihr Betragen bestätigte selten diese guten Vermutungen, ja es widerlegte sie oft gar; gleichwohl fuhr er fort, sich neuen Widerlegungen auszusetzen und Bestätigungen zu begehren. Das Bedürfnis zu lieben zwingt zu grösseren Torheiten als die Liebe selber; Viktor liess sich jede Woche eine Vollkommenheit mehr vom weiblichen Ideal abdingen, für das er wie für den unbekannten Gott schon seit Jahren die Altäre in seinem kopf fertig hatte. Unter diesem Abdingen wäre der ganze Dezember verflossen, wäre nicht der erste Weihnachttag gewesen.
An diesem, wo er hinter jedem Fenster lachende Gesichter und Hesperiden-Gärten sah, wollt' er auch fröhlich sein und flog unter den Kirchenmusiken in Joachimens Toiletenzimmer, um da sich selber eine Weihnachtfreude zu machen. Er beschere ihr, sagte er, einen Flaschenkeller aus Likören, ein ganzes Lager von Rataffia, weil er wisse, wie Damen tränken. Als er endlich seinen Lagerbaum voll Flaschen aus der – tasche zog: war es eine elende kleine Schachtel voll Baumwolle, in der nette Fläschchen wohlriechender wasser, fast von der Länge der Zaunkönig-Eier, eingebettet standen. Das Niedliche freuet, wie das Prächtige, Mädchen allezeit. Joachimen hielt er eine lange Rede über die Mässigkeit ihres Geschlechts, das so wenig esse wie Kolibri, und so wenig trinke wie Adler – mit einigen Schaugerichten und mit einem Flakon woll' er 5000 Mann weiblichen Geschlechts speisen, und es sollte noch übrig bleiben – die Ärzte bemerkten, dass die, die den Hunger am längsten ertragen hätten, Weiber gewesen wären – sogar in mittlern Ständen bestände die ganze Bienenflora, wovon diese Holden lebten, in einem Farbenbande, das sie als Schärpe oder Schleife umlegten, statt eines nährenden Umschlags und Suppentäfelchens, und woran sie noch höchstens einen Liebhaber anmachten. Joachime zog unter der Lobrede eine Flasche heraus, weil sie sie für wächsern hielt. Viktor, um sie zu widerlegen – oder auch sonst weswegen –, drückte ihr sie stark in die Hand und zerdrückte sie glücklich. Ein Berghauptmann von meiner Denkart nähme das Zerbrechen einer Flasche, die man auf keine Eimannschen Gurken decken kann, schwerlich in seine Hundposttage auf – weil er gern Dinge von Gewicht aufträgt –, wenn nicht die Flasche selber dadurch eines bekäme, dass sie die weichste Hand, auf der noch der härteste Juwel Schimmer auswarf, blutig schnitt. Der Doktor erschrak – die Blutende lächelte – er küsste die Wunde, und diese drei Tropfen fielen, gleich Jasons Blut, oder gleich einem von einem Alchimisten rektifizierten Blute, als drei Funken in sein entzündbares, und die Blutkohle der Liebe bekam drei anglimmende Punkte – ja es hätte wenig gefehlt, so hätt' er ihr gehorcht, da sie ihm scherzend befahl (um ihm eine grössere Verlegenheit zu ersparen, als er hatte), die Pariser veraltete Mode, an Damen mit rosenfarbner Dinte zu schreiben, wieder aufzuwecken und hier auf der Stelle drei Zeilen mit ihrem Blut an sie abzufertigen. Soviel ist wenigstens gewiss, dass er zu ihr sagte: er wollte, er wäre der Teufel. Bekanntlich wird dem letzten das guarentigiatische Instrument oder vielmehr der Partagetraktat über die Seele mit dem Blute des Eigners als Faust- und Fraispfand zugefertigt.
– Blut ist der Same der Kirche, sagt die katolische; und hier ist gar vom Tempel für eine Schöne die Rede.
Dabei war es – und bliebs –, als Cour bei der Fürstin auf heute angesagt wurde. Das war ihm erstlich fatal, weil der heutige Abend versalzen war – und zweitens lieb, weil Joachime heute den Hut wegtun musste, den er und sie so liebten. Da, wie gewöhnlich, den Damen von der Fürstin die Roben und Frisuren vorgeschrieben wurden, worin sie den Courtag, d.h. den Brandsonntag ihrer Freiheit, bei ihr begehen mussten: so konnte sie heute ihren Florhut nicht aufbehalten, den sie so liebte und Viktor auch, aber an ihr nicht; denn es war gerade der, welchen Klotilde getragen, als sie unter dem Konzerte ihre nasse Augen mit dem schwarzen Spitzenflor verhüllte, der nachher immer über seine beraubte Augen herüberhing.
Ich will den Courtag beschreiben.
Die hauptsächliche Absicht, warum der Hof um sechs Uhr abends vorgefahren kam, war die, um zehn Uhr recht ärgerlich wieder heimzufahren. Ich kanns aber zehnmal weitläuftiger vortragen:
Um sechs Uhr fuhr Viktor mit der übrigen befehligten Brüder- und Schwestergemeine