und den moralischen Staub, den sonst Viktor von seinem Liebling wegwischen konnte, durfte er kaum wegzublasen wagen; sie betrugen sich zärter und aufmerksamer gegeneinander. Aber mein Viktor, an dessen Herz das Schicksal so viele saugende Vampyre legte, und der in eine Brust den Schmerz der entbehrten Liebe und den Kummer der fallenden Freundschaft einzuschliessen hatte, wurde durch alles – recht lustig. O es gibt eine gewisse Lustigkeit der Verstockung und des Grams, die die erschöpfte Seele bezeichnet, ein Lächeln, wie das an Menschen, die an Wunden des Zwerchfells sterben, oder das an eingedorrten zurückgespannten Mumien-Lippen! Viktor warf sich in den Strom der Lustbarkeiten, um unter demselben seine eigne Seufzer nicht zu hören. Aber freilich oft, wenn er den ganzen Tag über niedergerissene Narrheiten komisches Salz ausgesäet hatte, das ebensooft die Hand des Säemanns wund beisset, und er den ganzen Tag sich an keinem Auge erquicken können, dem er in seinem eine Träne hätte zeigen dürfen – wenn er so müde der Gegenwart, so gleichgültig gegen die Zukunft, so wund von der Vergangenheit neben dem letzten Narren, neben dem Apoteker, vorbei war, und wenn er in seinem Erker in die voll Welten hängende Nacht und in den stillenden Mond und an die Morgenwolken über St. Lüne blickte: dann ging allezeit das geschwollne Herz und der geschwollne Augapfel entzwei, und die von der Nacht verdeckten Tränen strömten von seinem Erker auf die harten Steine hernieder: "O nur eine Seele," rief sein Innerstes mit allen Tönen der Wehmut, "nur eine gib, du ewige liebende schaffende natur, diesem armen verschmachtenden Herzen, das so hart scheint und so weich ist, so fröhlich scheint und so trübe ist, so kalt scheint und so warm ist."
Dann war es gut, dass an einem ähnlichen solchen Abend kein Kammerherr, kein Weltmensch im Erker stand, wenn gerade die arme Marie – auf welche das vorige Leben wie eine erdrückende Lawine herübergestürzt ist – seine Frühstück-Befehle begehrte; denn er stand, ohne einen Tropfen abzuwischen, freundlich auf und ging ihr entgegen und fasste ihre weiche, aber rotgearbeitete Hand, die sie aus Furcht nicht wegzog – wiewohl sie aus Furcht ihr gegen die Hoffnung versteinertes Gesicht abdrehte-, und sagte dann, indem er sanft ihre Augenbraunen waagrecht strich, mit seiner aus dem gerührtesten Herzen steigenden stimme: "Du arme Marie, sag mir was – du hast wohl wenig Freude – in deine guten Augen kommt wohl wenig mehr, was sie gerne sehen, wenn es nicht deine Tränen sind – du Liebe, warum hast du keinen Mut zu mir, warum sagst du deinen Gram nicht mir? Du gutes gemartertes Herz – ich will für dich sprechen, für dich handeln sag mir, was dich drückt, und wenn es dir einmal an einem Abend zu schwer wird und du drunten nicht weinen darfst, so komm herauf zu mir.. schau mich jetzt frei an.. wahrlich ich vergiesse Tränen mit dir, und ich will mich den Henker um alles scheren." – Ob sie es gleich für unhöflich hielt, vor einem so vornehmen Herrn zu weinen: so war ihrs doch unmöglich, durch die gewaltsame Abbeugung des Gesichts alle Tränen, die seine Zunge voll Liebe in Bächen aus ihr presste, zu entfernen.... Verübelt es seiner überwallenden Seele nicht, dass er dann seinen heissen Mund an ihre kalten verachteten und ohne Widerstand bebenden Lippen drückte und zu ihr sagte: "O! warum sind wir Menschen so unglücklich, wenn wir zu weich sind?" – In seinem Zimmer schien sie alles für Spott zu nehmen – aber die ganze Nacht hindurch hörte sie das Echo des menschenfreundlichen Menschen – sogar als Spott hätt' ihr so viel Liebe wohlgetan – dann kristallisierten sich ihre vergangnen Blumen noch einmal im Fenster-Eis ihres jetzigen Winters- dann war ihr, als würde sie heute erst unglücklich. – Am Morgen schwieg sie gegen alle und war bloss diensteifriger gegen Sebastian, aber nicht mutiger; nur zuweilen fiel sie drunten dem Provisor, wenn er ihn lobte, mit den Worten, aber ohne weitere Erklärung, bei: "Man sollte sein eigenes Herz in kleine Stückchen zerschneiden und hingeben für den engländischen Herrn."
arme Marie, sagt mein eigenes Inneres dem Doktor nach; und setzet noch dazu: vielleicht liest mich jetzt gerade eine ebenso Unglückliche, ein ebenso Unglücklicher. Und mir ist, als müsst' ich ihnen, da ich die Trauerglocken ihrer vergangnen trüben Stunden angezogen, auch ein Wort des Trostes schreiben. Ich weiss aber für den, der immer über neue gaffende Eisspalten des Lebens schreiten muss, kein Mittel als meines: wirf sogleich, wenn es arg wird, alle mögliche Hoffnungen zum Henker und ziehe dich verzichtend in dein Ich zurück und frage: wie nun, wenn es Schlimmste auch gar käme, was wär's denn? Söhne deine Phantasie nie mit dem nächsten Unglück aus, sondern mit dem grössten. Nichts löset mehr den Mut auf als die warmen, mit kalter Angst abwechselnden Hoffnungen. Ist dieses Mittel dir zu heroisch: so suche für deine Tränen ein Auge, das sie nachahmt, und eine stimme, die dich fraget, warum du so bist. Und denke nach: der Widerhall des zweiten Lebens, die stimme unserer bescheidnen, schönern, frömmern Seele wird nur in einem vom Kummer verdunkelten Busen laut, wie die Nachtigallen schlagen, wenn man ihren Käfig überhüllt.
Oft betrübte sich Sebastian darüber