Augen flammt, dass er darüber weder Weg noch Gegend sieht. Der Philosoph muss in den wichtigsten Handlungen, in den moralischen, sein eigner Gesetzgeber und Gesetzhalter sein, ohne dass ihm sein Gewissen die Gründe dazu sagt. Bei einer Frau ist jede Neigung ein kleines Gewissen und hasset Heteronomien und sagt weiter keine Gründe, so gut wie das grosse Gewissen. Und durch diese Gabe, mehr aus eigner Machtvollkommenheit als aus Gründen zu handeln, passen eben die Weiber recht für die Männer, weil diese lieber ihnen zehn Befehle als drei Gründe geben.
Ende des Extrablattes darüber
Was ebenso schlimm war, ist, dass Joachime ihm endlich, um nur seine Aktenstösse von Beschwerden und Reichs-gravaminibus wegzubringen, die Finger liess, ohne nur den geringsten Grund dazu zu sagen. Er konnte also keinen Titel seines Besitzstandes aufweisen und hätte im Notfall niemand gehabt, der ihn darin schützen können.
Es ist aber eine gegründete Rechtsregel oder ein männliches Brokardikon: dass alles bei den Weibern fester werde, wenn man darauf bauet, und dass uns eine kleine gestohlne Gunst rechtmässig gehöre, sobald wir um eine grössere anhalten. Die Rechtsregel gründet sich darauf, dass die Mädchen uns, wie den Juden im Handel, allemal die Hälfte abbrechen und nur ein paar Finger geben, wenn wir die Hand haben wollen. Hat man aber die Finger: so tritt ein neuer Titel aus den Institutionen ein, der uns die Hand zuerkennt; die Hand gibt ein Recht auf den Arm, und der Arm auf alles, was daran hängt, als accessorium. So müssen diese Dinge betrieben werden, wenn Recht Recht bleiben soll. Es muss überhaupt von mir oder von einem andern ehrlichen Mann ein kleines Lesebuch geschrieben werden, worin man dem weiblichen Geschlecht die Modos (Arten), solches zu akquirieren (zu erwerben), mit der juristischen Fackel vorträgt und aufhellt. Viele Modi kommen sonst ab. 50 bin ich z.B. nach dem bürgerlichen Rechte rechtmässiger Besitzer einer beweglichen Sache, wenn sie vor dreissig Jahren gestohlen worden (im grund sollt' es eher sein, und es sollte mir nichts schaden, dass man später zu stehlen angefangen) – ebenso fällt mir durch eine Verjährung von dreissig Minuten (die Zeit ist relativ) alles von einer Schönen rechtmässig anheim, was ich ihr Bewegliches (und an ihr ist alles beweglich) entwendet, und man kann daher nicht früh genug zu stehlen anfangen, weil sonst vor dem Diebstahl die Verjährung nicht anheben kann.
Spezifikation ist ein guter Modus. Nur muss man wie ich ein Prokulejaner sein und glauben, dass eine fremde Sache dem, der ihr eine andre Form erteilt, zugehöre, z.B. mir die Hand, die ich durch den Druck in eine andre Form gebracht.
Der sel. Siegwart sagte: confusio (Vermischung der Tränen) ist mein Modus. Aber commixtio (Vermischung trockner Sachen, z.B. der Finger, der Haare) ist jetzt fast unser aller modus acquirendi.
Ich wollt' einmal die ganze Sache nach der Lehre von den Servituten, wo eine Frau tausend Dinge zu leiden hat, behandeln (wiewohl alle diese Servituten durch die Konsolidation der Ehe gänzlich erlöschen); aber ich weiss die Lehre von den Servituten selber nicht mehr recht und wollte lieber darin examinieren als examiniert werden. – –
Ich kehre zum Medikus zurück. Da er also wusste, dass eine geküsste Hand ein Schenkbrief der Wangen ist – die Wangen aber die Opfertafeln der Lippen sind – diese der Augen – die Augen des Halses –: so wollt' er genau nach seinem Lehrbuch verfahren. Aber bei Joachimen, wie bei allen Gegenfüsslerinnen der Koketten, bahnte keine Gunstbezeugung der andern den Weg, nicht einmal die grosse der kleinen – aus einem Vorzimmer kam man ins andre – und was sagte mein Held dazu? Nichts als: "Gottlob! dass eine besser ist, als sie schien, dass sie unter dem Schein, unser Spielzeug zu sein, unsere Spielerin ist, und dass sie die Koketterie zum Schleier der Tugend macht."
Er fühlte jetzt, sooft ihr Name erwähnt wurde, eine sanfte Wärme durch seinen Busen wehen. Vom Ende des Kirchenjahrs (1ten Dezember) bis zum
Ende des bürgerlichen (31sten Dezember) Flamin, dessen patriotische Flammen in der Sessionstube keine Luft antrafen und ihn selber zuerst erstickten, wurde täglich scheuer und wilder. Es war ihm etwas Neues, dass ganze Kollegien und Kommissionen das tun mussten, was einer hätte machen können – dass die Glieder des staates (wie es doch die Glieder des Körpers auch sind) am kurzen arme des Hebels bewegt werden, um mit grösserer Kraft weniger zu tun, und dass besonders ein Kollegium dem leib gleiche, der nach Borellus 2900mal mehr Kraft bei einem Sprunge anwendet, als die Last erfodert, die er zu heben hat. Erhasste alle Grosse und kam zu keinem; der Hofjunker Matz nicht einmal bekam seine Visiten. Mein Sebastian machte seine bei ihm seltener, weil seine Musse und seine Lustbarkeiten Windstille gerade in Flamins Arbeitstunden fielen. Diese Entfernung und das ewige Sitzen bei Schleunes – welches Flamin aus Unbekanntschaft mit Joachimens Einfluss, auf alle Fälle Klotildens ihrem zurechnen musste, zu deren künftigen Besuchen sich Viktor durch seine jetzigen den Vorwand verschaffe – und selber die fürstliche Gunst gegen diesen, die in Flamins Augen keine Folge seines Freiheitgeistes und seiner Aufrichtigkeit sein konnte – alles dieses zog die verschlungenen Freundschaftände beider, deren Leben sonst ein vierhändiges Tonstück gewesen, immer weiter auseinander; die Fehler