Pflicht, das, was er bisher aus Scherz getan hatte, im Ernste zu tun, nämlich sie aufzusuchen und auszusöhnen.
Aber sie stand immer an der Fürstin, und es war nichts.
Ich hab' es nicht selber gesagt, weil ich wusste, der Leser sehe' es ohne mich, dass der Held glaubt, Joachime halte ihn für den Bilderdiener ihrer Reize und für den von ihr angezognen Mondmann: der Held nahm sich daher längst vor, ihr diesen Irrtum zu lassen. Einen solchen Irrtum zu benehmen, dazu hat selten ein Mann oder ein Weib Stärke genug – Viktor hatte' aber noch mehr Gründe, ihr den Glauben an seine Liebe (d.h. auch sich den seinigen an ihre) zu gönnen: erstlich, er wollte verstecken, warum er komme – zweitens, er wusste, in der grossen Welt und unter den Joachimen wird ein Liebhaber nur wie der dritte Mann zum Spiel gesucht, man stirbt da nicht von der Liebe, man lebt da nicht einmal davon – drittens, er hob sich immer den Notanker auf, aus Spass Ernst zu machen: "Wenn mir das Messer an der Kehle sitzt," dachte' er, "so setz' ich mich hin und gewinne sie von Herzen lieb, und damit gut" – viertens, eine Kokette macht einen Koketten... Hier fing ich bekanntlich schon an, mich über den 22sten Posttag zu ärgern, wiewohl ich so gut wie einer weiss, warum alle Menschen, sogar die aufrichtigsten, sogar die Männer, sich zu kleinen Intrigen gegen Geliebte neigen; nicht bloss nämlich, weils kleine und erwiderte sind, sondern weil man mit seinen Intrigen mehr zu schenken als zu stehlen meint. Bloss die edelste höchste Liebe ist ohne wahre Spitzbüberei.
Wochen des 24. und 25. Post-Trinitatis
Am Sonntage war Ball: "Ganz natürlich" (sagte er) "sieht sie mich nicht an; im Ballkleide sind die Schönen unversöhnlicher als in der Morgenkleidung." – Sie sah ihn kaum, so kam sie ihm wie ein bewegter Himmel mit ihren Brillanten-Fixsternen und ihren Perlen- Planeten entgegen und bat ihn in diesem Glanze um Vergebung ihrer Laune; anfangs habe sie sich zornig gestellt, sagte sie, dann sei sie es geworden, und am andern Tage habe sie erst gesehen, dass sie unrecht gehabt, es zu scheinen, und recht, es zu sein. Diese Bitte um Vergebung machte unsern Medikus demütiger, als es nötig war. Sie bat ihn scherzhaft, sie um Vergebung zu bitten, und machte ihn mit ihrem Platzgolde von Jähzorn bekannt.
Zwei Tage lang wurde der Westfälische Friede gehalten.
Aber eine Zänkerei mit einem Mädchen macht, wie ein Narr, zehen; und zum Unglück hat man die Zornige nur lieber (wenigstens mehr als die Gleichgültige), so wie das Volk den metodistischen Predigern am meisten zuläuft, die es am stärksten verdammen. Joachime wurde täglich zornfähiger – welches er grösserer Liebe zuschrieb –, aber er auch. Sie konnten den ganzen Besuch im schönsten Reichs- und Hausfrieden verbracht haben: beim Abschiede wurde alles auf den Kriegsetat gesetzt, die Gesandten zurückberufen und die Beurlaubten, wenn mir diese poetischen Ausdrükke erlaubt sind. Mit dem zornigen Bodensatz im Herzen zog er dann ab und konnte kaum den Augenblick des Wiedersehens – d.h. seiner oder ihrer Rechtfertigung – erwarten. So brachten sie ihre Stunden mit dem Schreiben der Friedeinstrumente und der Manifeste zu. Die streitige Sache war so sonderbar wie der Streit: es betraf ihre Foderungen der Freundschaft; jedes bewies, das andre wäre der Schuldner und fodere zu viel. Was unsern Medikus am meisten erboste, war, dass sie dem feinen und dem wohlriechenden Narren, ihr die Hand zu küssen, erlaubte, ihm aber verbot, und zwar ohne alle Entscheidgründe. "Wenn sie nur löge und mir sagte: darum, oder darum! so wär's doch was", sagt' er; aber sie tat ihm den Gefallen nicht. Für mein Geschlecht ist Abschlagen ohne Gründe, sogar ohne erratene, ein Schwefelpfuhl, ein dreifacher Tod; auf Joachime wirkten Gründe und Kabinettpredigten gleichviel.
Extrablatt darüber
Ich habe hundertmal, mit meinem juristischen onus probandi (Last zu beweisen) auf dem Buckel, an die Weiber gedacht, die imstande sind, durch einige Anstrengung sowohl ohne alle Gründe zu handeln als zu glauben. Denn am Ende muss doch jeder (nach allen Philosophen) sich zu Handlungen und Meinungen bequemen, denen Gründe fehlen; denn da jeder Grund sich auf einen neuen beruft, und dieser sich wieder auf einen stützt, der uns zu einem schickt, welcher wieder seinen haben muss: so müssen wir (wenn wir nicht ewig gehen und suchen wollen) endlich zu einem gelangen, den wir ohne allen Grund annehmen. Nur fehlet der Gelehrte darin, dass er gerade die wichtigsten Wahrheiten – die obersten Prinzipien der Moral, der Metaphysik etc. – ohne Gründe glaubt und sie in der Angst – er will sich dadurch helfen – notwendige Wahrheiten benennt. Die Frau hingegen macht kleinere Wahrheiten – z.B. es muss morgen weggefahren, eingeladen, gewaschen werden etc. – zu notwendigen Wahrheiten, die ohne die Assekuranz und Reassekuranz der Gründe angenommen werden müssen – und dies ist es eben, was ihr einen solchen Schein von Gründlichkeit anstreicht. – – Ihnen wird es leicht, sich vom Philosophen zu unterscheiden, der denkt, und dem die Wahrheitsonne so waagrecht in die