allen politischen Freidenkern – einem Rousseau – allen Girondisten – allen Feuilants – allen Republikanern – und allen Philosophen den Namen Jakobiner auf, wie die Türken alle Fremde, Briten, Deutsche, Franzosen etc., Franken nennen. Indes war dieses eine Ursache, warum Viktor Matzen, der besser hierüber dachte, jetzt lieber gewann; und warum er von dem Vater zu der Tochter floh.
Bei Joachimen gelangen in dieser Woche seine Gnadenmittel: sie gab dem feinen und wohlriechenden Narren-Dualis, wie wir der Tugend, nur das Akzessit, und meinem Helden, wie wir der Neigung, die Preismedaille. Da er aber bloss eine gewisse Empfindsamkeit am meisten in der Freundschaft und Liebe achtete: so hätt' er, dachte' er, mit dieser Schäkerin durch den Mond reisen können, ohne für sie (aber wohl über sie) zu seufzen – aber diese Lustigen, mein Bastian, haben den Henker gesehen; denn wenn sie etwas anders werden, dann wird mans auch mit. Sie sagte ihm, sie wolle gefallen wie ein luterisches Heiligengemälde, aber sie wolle nicht angebetet sein wie ein katolisches. Sie nahm ihn am meisten durch die ihrem Geschlecht eigne Gabe ein, zarte Wendungen zu verstehen – die Weiber erraten so leicht, weil sie sich immer nur erraten lassen, und ergänzen und verbergen jede Hälfte mit gleichem Glück –; aber zu ihren Reizen rechn' ich auch den Zwang vor der Fürstin und den vor den Zuhörern mit den – Augen. übrigens war jetzt sein von Klotilden weggeworfenes Herz in der Lage der Kinder, die gewettet haben, Schläge in ihre Hand ohne Tränen aufzunehmen, und welche noch fortlächeln, wenn diese schon fliessen.
Woche des 23. Post-Trinitatis oder 46ste
des Jahrs 179*.
Jetzt ist er auch vormittags dort. Es ist bemerkenswert, dass er ihr am Martinitag die gepuderte Stirn mit dem Pudermesser rasierte, und dass er um einige Toiletten-Hofämter bei ihr anhielt: "Ich kann Ihr Schminkdosenträger werden, wie der grosse Mogul Tabakpfeifen- und Betelträger hat- oder auch Ihr Cravatier ordinaire – oder Ihr Sommier (d.h. Gebetpolsterträger) – ich würde, wenn Sie nicht auf den Polster knieten, es selber tun vor Ihnen. – – Ich kannte in Hannover einen schönen Engländer, der sich das linke Knie füttern und polstern liess, weil er nicht wusste, wen er heute anzubeten bekomme und wie lange."
Es ist ebenso wichtig, dass er sie am Jonastag ein Paar feine Handschuhe, worauf ein sehr einfältiges Gesicht getuschet war, anzunehmen zwang – "es wäre sein eigenes," (sagt' er) "sie sollte das Gesicht nur nachts im Bette auf oder an der Hand haben, damit es aussähe, als küsst' er ihr durch die ganze Novembernacht die Hand." –
Ich fahre in meinem pragmatischen Auszuge aus diesem Belagertagebuch fort und finde am Leopoldstag aufgezeichnet, dass Joachime schon vormittags sagte, sie würde ihrem Papagei, wenn sie ihm einen Sprachmeister hielte, nichts aus dem ganzen Diktionär beibringen lassen als das Wort: perfide! "Jeder Liebhaber", sagte sie, "sollte sich ein Papchen halten, das ihm unaufhörlich zuriefe: perfide!" – "Die Damen", sagte mein Held, "sind allein schuld: sie wollen zu lange, oft ganze Wochen, ganze Monden geliebt werden. Dergleichen ist über unsre Kräfte. Haben nicht die Jesuiten sogar die Liebe zu Gott periodisch gemacht55? Skotus schränkt sie auf den Sonntag ein – andre auf die Festtage – Coninch sagt: es ist genug, wenn man ihn alle vier Jahre einmal liebt Henriquez setzt noch ein Jahr dazu – Suarez sagt gar: wenn es nur vor dem tod ist – – Manchen Damen fielen bisher die Zwischenzeiten anheim; aber die Tag-, die Jahr-, die Festzeiten, die Verlobung-, die Begräbnistage bilden ebensoviel verschiedene Sekten unter den Jesuiten der Liebe." – Joachime machte den Anfang zu einer zürnenden Miene. Der Hofmedikus hatte nichts lieber mit Schönen als Zank und setzte dazu: "C'est à force de se faire hair qu'elles se font aimer – c'est aimer que de bouder – ah que je Vous prie de Vous facher!56" – Seine Laune hatte ihn über das Ziel getrieben – Joachime hatte recht genug, seine Bitte um ihren Zorn zu erfüllen – er wollte den Zank fortsetzen, um ihn beizulegen da es aber doch Fälle gibt, wo die Vergrösserung einer Beleidigung ebensowenig Vergebung verschafft als die stufenweise Zurücknahme derselben: so tat er klug, dass er ging.
Er wunderte sich, dass er den ganzen Tag an sie dachte: das Gefühl, ihr unrecht getan zu haben, stellte ihr Gesicht in einer leidenden Miene vor seine erweichte Seele, und alle ihre Züge waren auf einmal veredelt. Tacitus sagt: man hasset den andern, wenn man ihn beleidigt hat; aber gute Menschen lieben den andern oft bloss deswegen.
Am Tage darauf, am Ottomars-Tage – Ottomar! grosser Name, der auf einmal den langen Leichenzug einer grossen Vergangenheit im Finstern vor mir vorüberfährt – sah er sie ernstaft, ihn weder suchend noch fliehend. Die zwei Narren blieben in ihren Augen die zwei Narren und gewannen durch nichts etwas. Da er also gewiss bemerkte, dass aus einem flüchtigen Grollen wahre Reue über ihre bisherige Offenheit geworden war, von der einen zu freimütigen Gebrauch und eine zu eigennützige Auslegung gemacht zu haben schien: so war es jetzt seine